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US-Regisseurin Penelope Spheeris (“Suburbia”, “Wayne’s World”) tauchte Ende der 1970er/Anfang der 1980er für ihr Debüt, den Dokumentarfilm „The Decline Of Western Civilization“, in die Punkszene von Los Angeles ein, um der noch relativ jungen, rebellischen, seinerzeit noch häufig von der Öffentlichkeit mit Ignoranz und Boykott gestraften Musik- und Subkultur ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Daraus entstand dieser ironisch betitelte Film, der sich angenehmerweise sämtliche Kommentare aus dem Off spart und auf die Kraft seiner Bilder und Interviews mit den Protagonisten der Szene, vom Musiker über Clubbetreiber bis zu Fanzinern, setzt. Und diese zeichnen ein Bild einer unheimlich energiegeladenen, kreativen und kraftvollen Szene, die dem Rock’n’Roll neues Leben einhauchte und keineswegs gleichförmigen Krach produzierte, sondern durchaus über eine gewisse stilistische Bandbreite verfügte und unterschiedliche Einflüsse in ihrer Musik zusammenführte.

Zu sehen bekommt man legendäre Liveaufnahmen von BLACK FLAG, damals noch mit Ron Reyes am Gesang, und den CIRCLE JERKS, die vor ungebändigter Aggression und Energie nur so sprühen und auf Schallplatte nie so, in all ihrer Intensität, konserviert werden können, von den GERMS, deren Sänger sich hier bereits wie ein Drogenwrack präsentiert – was sehr schade ist, da so nicht deutlich wird, welch begnadete Band die GERMS waren - und kurze Zeit nach Veröffentlichung des Films und des dazugehörigen Soundtracks das Zeitliche segnete und zu deren Besetzung seinerzeit übrigens Pat Smear gehörte, der später bei NIRVANA die zweite Gitarre auf der „In Utero“-Tournee und bei der Unplugged-Session für MTV übernahm und nach Cobains Tod bei Dave Grohls FOO FIGHTERS einstieg, die sich professionell und musikalisch wiederum ganz anders gepolt präsentierenden X, von denen ich mir dringend die ersten beiden Platten besorgen muss sowie FEAR, die ihr Publikum so lange provozieren, bis es zu einer Schlägerei auf der Bühne kommt (und sich ebenfalls erschreckenderweise noch nicht in meiner Plattensammlung wiederfinden). Weitere Bands, die durch diesen Film abgedeckt werden, sind die ALICE BAG BAND und CATHOLIC DISCIPLINE. All diese unverfälschten Originalaufnahmen sind Gold wert und wirken damals wie heute ungeheuer faszinierend.

„The Decline Of Western Civilization” zählt zu einer Handvoll Dokumentarfilmen, die mehr oder weniger lokalen Szenen zu weitreichenderer Popularität verholfen und den einen oder anderen nachhaltig mit dem Punkvirus infiziert haben dürften. Wenige Jahre später drehte Spheeris mit „Suburbia“ einen fiktiven Spielfilm, der in der Punkszene spielt und beweist, dass sie verstanden hat, worum es geht. Wiederum später widmete sie sich dem Hardrock- und Metal-Bereich, was leider zum halbgaren Nachfolger „The Decline Of Western Civilization, Part 2: The Metal Years“ und solch murksigen Komödien wie „Wayne’s World“ führte. „The Decline Of Western Civilization” ist aber essentieller Stoff für alle subkulturell Interessierten.

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