Seitenwahl hat Sold im Mund
Ein junger französischer Bauernsohn gegen Ende des zweiten Weltkriegs: sein Vater in Kriegsgefangenschaft, sein Wunsch ist’s bei den Widerstandskämpfern aufgenommen zu werden. Doch die lehnen ihn ab. Er ist wütend und enttäuscht. War es schon immer. Sein Leben ist von Kälte, Aussichtslosigkeit und dem Tod (von Tieren) geprägt. Und als ihm eines Tages auch noch zufällig die Tür für eine Kollaborationen mit den Nazis aufgemacht wird, fällt ihm die Wahl nicht allzu schwer…
Rachsüchtige Resistence
Kein Wunder, dass „Lacombe Lucien“ in seiner Heimat nicht allzu gut ankam. Doch anders als während oder kurz nach dem zweiten Weltkrieg, glätteten sich die Wogen in den Siebzigern schon deutlich schneller und Malles Mut und sein Genie wurden auch in und an „Lacombe Lucien“ schnell erkannt, gewürdigt, bewundert. Die etlichen Tierjagd- und Tötungsszenen in der ersten Hälfte sind unangenehm und sehe ich kritisch, doch hier passen sie zu Thema, Stimmung, Gefühlskälte und jugendlicher Kurzsichtigkeit, Unbeschwertheit, Verantwortungslosigkeit - die im Laufe von „Lacombe Lucien“ explodieren und in der Luft zerfleddern, als ob sie über eine Tretmine gelaufen wären. Mit einer enorm starken Jugenddarstellung, wenig bis gar keiner emotionalen Knautschzone und einer sehr eigenen Herangehensweisen an Krieg und Mut. „Lacombe Lucien“ ist clever, er hat Stil und Eier, er weiß wohin er will und geht kaum Kompromisse ein oder Umwege. Und das bei deutlich über zwei Stunden. Vielleicht ist das sogar Louis Malles bester Film. Zumindest hat er mich nie mehr durch einen solchen filmischen Fleischwolf gedreht.
Die Axt im Walde
Fazit: ein Schocker für Frankreich, ein Statement für die (Makel der) Menschlichkeit und Jugend. Malles vielleicht bedeutendste und mutigste Stunde. Ein Knaller.