Review

Aus einem Land vor unserer Zeit


Videotheken. Ob sie ganz aussterben, das steht noch in den Sternen, das mag ich etwas zu bezweifeln - aber eine rare Spezies sind sie ohne Zweifel schon länger. „Eckis Welt“ ist eine nichtmal einstündige, jetzt auf YouTube ansehbare Amateurdoku von 2007 über „die älteste Videothek der Welt“. Und die steht in Kassel. Und die gehört(e) Eckhard Baum. Filmfan. Selfmade-Legende. Ein wenig auch Fantast. Aber definitiv ein Urgestein des deutschen Verleihzirkus' - und diese knackige Doku über ihn, eine (schon damals) langsam aussterbende Ära und unsere Leidenschaft Film allgemein hat mir wirklich enorm viel gegeben, mich exzellent unterhalten, mir durchaus hier und da die Tränen in die Augen getrieben. Sowohl vor Lachen als auch vor Weinen...

„Eckis Welt“ könnte etwas länger, runder, geordneter und ausführlicher sein. Auch abwechslungsreicher, vielseitiger und aktueller. Aber anderseits macht diese ungeschliffene Doku genau diese echte, chaotische und mega sympathische Art aus. Alles andere als immer durchdacht oder gar perfekt - aber eben ein erstaunlicher Blick ins Herz eines Mannes, der voll und ganz mit eben diesem bei der Sache ist/war (mittlerweile wurde sein „Baby“ doch noch verkauft, immerhin nicht an einen Großkonzern). Man bekommt Einblicke in sein Seelenleben, seinen Keller, seine Lieblingsfilme, seine Motivation, Inspiration und Vergangenheit. Kunden und „Freaks“ wie wir kommen zwischendurch auch noch lustig und direkt zur Sprache. Es gibt kurze Snippets und Ausschnitte von Hollywood bis zum Kiosk um die Ecke. Ein unfassbares Original, dem man nur Gutes gönnt. Selbst wenn er manchmal sicher auch etwas über's Ziel hinausschießt bzw. man nicht alles auf die Goldwaage legen muss, was er sagt. Bei ein wenig trostlosen, steifen „Rock&Roll-Tanzabenden“, an denen er als DJ fungiert, schimmert sogar eine gehörige Portion Mitleid und Wehmut mit. Aus dem frisch angebrochenen, vom Streaming mehr denn je dominierten Jahr 2021 sogar nochmal ein gutes Stück mehr. Solche halbprivaten Schatzkammern inklusive seiner Stammkunden und Fans dürfen einfach nicht aussterben. Sei das die Traumathek in Köln oder das Videodrom in Berlin. Mittlerweile ist Eckis „Video-Shop“ teilweise auch Vorführraum und Museum, scheint erstmal und zum Glück gerettet. Selbst wenn er nicht mehr hinter'm Steuer sitzt - der Mann ist eine Legende und sein Lebenswerk bleibt mächtig, unvergessen, schön. Das kann einen schonmal glücklich und traurig zugleich machen. 

Fazit: unfassbar süß, nostalgisch, liebenswert. Doku-Pflichtprogramm für alle, die damals dabei waren genauso wie für die Generation Netflix, die sich sicher das ein oder andere Schmunzeln oder gar Kopfschütteln nicht verkneifen kann, dann jedoch schnell etwas traurig verstehen wird, was sie verpasst haben könnte... Also: lasst sie nicht aussterben! Unterstützt private, kleine Videotheken. Wenn es dafür nicht schon zu spät ist... Es sind im besten Fall staubige Tempel unserer Leidenschaft, mit Herz, Seele, Wissen, Beratung und Historie, denen Netflix, Amazon und Co. trotz ihrer bequemen Vorzüge nie das Wasser reichen können werden. 

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