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Basierend auf Wahrheiten und Lügen: ein Dasein im Dauerrausch - "Spun" zeigt drei Tage aus dem Leben einiger Junkies. Nur drei Tage, aber diese sagen alles. Sie hausen in abgewrackten Apartments und Wohnwagen, auf dreckigen, mit Müll und Essensresten bestückten Quadratmetern. Faulige Zähne, schmierige Haare, ungepflegte Stoppelbärte und tiefe Augenringe - ihre Körper sind im Begriff zu verfallen. Eine Mena Suvari ist keine amerikanische Schönheit mehr, stattdessen die personifizierte Anti-Erotik, ein schäbiger Drogenfreak. Ross, Spider Mike, Frisbee oder The Cook heißen diese Typen. Sie haben grüne Hunde oder tragen Cowboystiefel. Es sind die verschiedensten Naturelle, allesamt schwer absonderlich und vor allem eines: drogensüchtig.

Um dies zu visualisieren, ließ sich Jonas Åkerlund einiges einfallen. Sein Spielfilmdebüt ist selbst ein Rauschmittel, noch mehr als "Trainspotting ", dabei aber beileibe kein Horrortrip wie "Requiem for a dream", wenngleich er auch mit einigen daraus bekannten audiovisuellen Raffinessen wie dem Zoomen auf sich vergrößernde Pupillen aufwartet. Mit vielen, sehr rasanten Schnitten, unruhiger Kamera, beschleunigten Bildern, Split Screens oder Sexpraktiken darstellenden und symbolisierenden Trickfilmsequenzen arbeitet Åkerlund, der sich als Videoclipregisseur eine Reputation erarbeitet hat. "Spun" wird zum Overkill in allen Belangen: Geradezu im Sekundentakt gibt es optische Effekte und Detailaufnahmen von Musikkassetten, Autoradios oder brodelnden Chemikalien. Ein hysterischer, äußerst gewöhnungsbedürftiger Stil. Jedes Klopfen an der Tür oder Klingeln des Telefons wird hochstilisiert und steigert das Maß an Hyperaktivität und absoluter Reizüberflutung. Die Zeit scheint oft davonzurasen, ohne dass etwas passiert. Verzerrt ist die Wahrnehmung im Drogenrausch.

Symptomatisch dafür sind schließlich diese ausgeflippten, in einem Provinznest abhängenden Charaktere, die eigentlich gar keine sind. Sie sind vielmehr Zerrbilder, comichaft wie zum Teil ihre Namen. Es sind Figuren, die nicht nur in Randexistenzen leben, sondern sich selbst zu Geisterwesen entwickelt haben, völlig entfremdet von der Gesellschaft und höheren Zivilisation. Scheint Ross zunächst noch ein Orientierungspunkt, so etwas wie ein Sympathieträger zu sein, stellt sich dies spätestens dann als Illusion heraus, als er seinen One-Night-Stand aus der Stripbar ans Bett fesselt und unbekümmert zurücklässt. In der Großstadt, in die der immer zappelnde, an seinen Fingernägeln kauernde Junkie fährt, um seine telefonisch von ihm ständig terrorisierte Ex-Freundin zu treffen, wird deutlich, wie weit auch er ins Abseits geraten ist. Dort bieten sich ungewohnt vertraute Blicke auf Grünflächen, amerikanische Hochhäuser und gepflegte Menschen. Ross aber wirkt in dieser Umgebung wie Carpenters Ding aus einer anderen Welt.

Es ist nicht denkbar, dass er dort noch zu überleben fähig wäre. Es müssen schon asoziale, befremdliche Gefilde sein, dort, wo sogar die Cops zugedröhnt sind. Gerade bei diesen zwei Hampelmännern werden Åkerlunds Überzeichnungen überdeutlich, die eine absurde Komik an den Tag legen. "Spun" hat freilich einen vulgären, grotesken Humor. So schwingt The Cook in einem Pornoladen in Ross’ Halluzination vor imaginärer US-Fahne eine Rede über die Seligkeit des weiblichen Geschlechtsorganes. Wenn der hünenhafte, synthetische Drogengemische zusammenbrauende Kerl mit Bierwampe, der Mickey Rourke wie auf den Leib geschneidert scheint, sich allerdings per Telefon eine Prostituierte wie eine Pizza bestellt, ist dies zwar äußerster, jedoch keinesfalls aussageloser Zynismus, weil gleichwohl eine einfache nackte Widerspiegelung eines den Körper zu einer Ware herabwürdigenden Metiers.

Wenn auch die narrative Ebene letztendlich nicht viel zu erzählen hat, ist Åkerlunds Werk doch sehr sehenswert. "Spun" ist ein tragikomischer Film, eine nur wenige ruhige Phasen bietende Herausforderung an die Rezeptionsfähigkeit der Sinne. In diesem permanenten Rauschzustand eröffnen sich Blicke in Abgründe, in denen die Person ihre Persönlichkeit nahezu verloren hat. Ein langer inniger Kuss wird da zum verzweifelten Hilferuf der abzusterben drohenden Menschlichkeit. Wer allerdings selbst eine Explosion verschläft, der ist wohl längst verloren in seiner eigenen Welt, die mit der Wirklichkeit nichts mehr gemein hat; so wie das Wrestling, das hier unablässig über den TV-Bildschirm des Drogenkoches flimmert.

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