Es gibt nur wenige Filme des modernen Kinos zum Thema „Drogenkonsum“ und „Drogenmissbrauch“, die man wahrlich als „gelungen“ bezeichnen kann – „Trainspotting“ und natürlich „Requiem für a Dream“ kommen da sofort in den Sinn – und nun muß diese Aufzählung um einen weiteren Titel ergänzt werden, nämlich um „Spun“:
Wie auch schon bei den oben genannten Filmen, haben es die Filmemacher hier versucht, die Drogen-Trips der Protagonisten möglichst visuell und prätentiös darzustellen – Regisseur Jonas Akerlund gelingt es trotz der großen Vorbilder jedoch, alle vorherigen (Bilder-) Rausche mit seinem Stil noch zu übertrumpfen ... wie Darren Aronofski in „Requiem for a Dream“ nutzt er alle möglichen Sound- und Inszenierungsmittel, um den Zustand unter Drogeneinfluss zu visualisieren – z.B. mit irren Kamerafahrten, Split-Screen-Einlagen, Surrealen Sequenzen und Zeichentrickepisoden.
Es dauert einige Zeit, bis man sich an die Figuren und den Stil von „Spun“ gewöhnt hat – doch dann folgt ein wahrer Rausch von einem Film, der einen mit seinen schrägen Typen und Bildkollagen unweigerlich in seinen Bann zieht...
Einziger Schwachpunkt der Sache ist die recht dürftige Handlung, denn im Endeffekt werden nur einige heruntergekommene Teenager auf Drogen über einen Zeitraum von drei Tagen verfolgt, wie sie Stoff von ihrem Dealer besorgen, Drogen nehmen, über Gott und die Welt sinnieren, einfach nur High sind und mit den Problemen umgehen, die ein solches Leben mit sich bringt...
Offiziell wird „Spun“ als Komödie kategorisiert, doch dazu muß man über Junkies und ihre Schicksale lachen können – was hier jedoch funktioniert, denn die Figuren verkommen nie zu Abziehbildern oder bloßen Karikaturen. Natürlich sind etliche Szenen und Erlebnisse aberwitzig (und die Inszenierung trägt einen wesentlichen Teil dazu bei), doch die verdrehte und bösartige Story lässt sich keinesfalls so einfach einordnen.
Der Film verlässt sich vollkommen auf seinen visuellen Stil und seine Protagonisten – letztere tragen den Film und sind wirklich (vom Drehbuch und den Schauspielern) mit Leben gefüllt worden. Die gesamte (Independent-) Besetzung ist einfach hervorragend, und man kann sie als eine Mischung aus „Hollywoods neuer Garde“ und „alten Genre-Haudegen“ bezeichnen:
Vertreter ersterer Kategorie wären Jason Schwartzman („Rushmore“), Brittany Murphy („Sag kein Wort“), John Leguizamo („Empire“), Mena Suvari („American Beauty“) und Patrick Fugit („Almost Famous“). Die erfahrene Darstellerriege von „Spun“ setzt sich aus Debbie Harry („Blondie“), Peter Storemare („8mm“), Eric Roberts („Runaway Train“) und Mickey Rourke („Angel Heart“) zusammen.
Man merkt es alles Darstellern einfach an, dass sie Spaß beim Drehen und bei der Verkörperung ihrer Filmfiguren hatten.
Vor allem Mickey Rourke liefert hier eine Glanzvorstellung ab: In den letzten Jahren blieben die wirklich guten Rollen für ihn aus, doch ein Kritiker hat mal geschrieben, Mickey Rourke „sei ein hervorragender Schauspieler – er benötige nur gute Rollen, um das auszuspielen...“ Nun, hier hat er eine solche Glanzrolle abbekommen und triumphiert auf voller Bandbreite als „the Cook“ (der Dealer der Kids im Film).
Als „Versorger“ der Protagonisten dreht sich die Handlung um seine Figur, und Mickey schafft es, mit seinem köstlichen Spiel diesem Anspruch vollkommen gerecht zu werden.
Die Optik des Films kennt man aus „Requiem for a Dream“, doch Regisseur Akerlund hat viele Elemente seiner (äußerst abgedrehten) Musikvideos (z.B. für Madonna („Music“), Prodigy („Smack my Bitch up“) oder „Come Undone“ von Robbie Williams) aufgegriffen, kombiniert und auf die Spitze getrieben:
Das Tempo des Films ist irre hoch (mit den schnellen Cuts wahrscheinlich vielen zu hoch), es werden Stilmittel wild miteinander vermengt, der Ekelfaktor in machen Szenen ist recht derbe, die sexuellen Motive sind ziemlich explizit (vor allem in den Zeichentrick-Szenen gibt es schon mal Hardcore-Szenen mit Tieren ... jedenfalls im Director´s Cut), und alle Darsteller sind auf „unattraktiv“ geschminkt und dementsprechend ausgestattet worden (was vor allem bei Mena Suvari besonders auffällt)...
Im Gegensatz zu „Requiem for a Dream“ driftet der Film aber im Verlauf nicht ins Deprimierende ab, sondern steigert sich immer weiter ins Aberwitzige und Surreale (toll: Mickey Rourkes Rede vor der US-Flagge im Porn-Shop!), um dann genial (Rourke´s Monolog im Wagen) und sentimental zu enden.
Bei der Umsetzung stimmt einfach alles: Die visualisierende Optik, Stimmung, Atmosphäre, die Figuren, deren Besetzung und der Soundtrack (von Ex-„Smashing Pumpkins“-Mastermind Billy Corgan, der auch ein Gastauftritt absolviert) – das alles komisch, brutal und abgedreht zu einem Rausch von einem Film vereint, der gleichzeitig provozierend, abstoßend, schockierend, aber vor allem faszinierend daherkommt.
Genau so soll / muß großes Kino sein!!!
Starker Stoff, der nicht allen gefallen dürfte – aber das muß er auch nicht, denn im „cineastischen Underground“ abseits des Mainstream finden sich oft weitaus größere Perlen, die nicht der gängigen Hollywood-Maschinerie entsprechen und viel zu wenig gewürdigt werden, wie es beispielsweise bei dem o.g. „Requiem for a Dream“ der Fall war, der in Deutschland nicht einmal in die Kinos kam.
„Spun“ hingegen hat einen Kinostart sicher – hoffentlich aber auch der exzessive Director´s Cut von Akerlund...
Fazit: Ein bildgewaltiger, toll besetzter Drogenfilm, auf einer Ebene mit dem genialen „Requiem for a Dream“, mit leichten Abstrichen bei der Story – daher „nur“: 9 von 10 !!!