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Nach knapp 20 Jahren verabschiedete sich der mittlerweile zu vieldiskutiertem und umstrittenem Ruhm gekommene Russ Meyer mit einem letzten Spielfilm aus dem Filmgeschäft: „Beneath the Valley of the Ultra-Vixens“, zu deutsch „Im tiefen Tal der Superhexen“, ist ein Potpourri all seiner typischen Zutaten, die die besten seiner Werke zu so wilden, absurden, kultverdächtigen Sexploitation-Reißern gemacht hatten.

Da wäre zum Beispiel sein berüchtigtes Faible für überdimensionierte Brüste: Was bisher meist noch in bemerkenswertem, aber nachvollziehbarem Rahmen stattgefunden hatte, nimmt hier völlig neue Ausmaße an. Mit gewaltigen Silikonmelonen ausgestattete Darstellerinnen dominieren den Film und zeigen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, was sie haben. Die Ästhetik solcher Attribute bleibt natürlich Geschmackssache, aus Gesundheitsperspektive kann man hier nur noch den Kopf schütteln. Dazu kommt ein weitgehender Verzicht auf eine zusammenhängende Story; stattdessen zelebriert der Film in einer losen Aneinanderreihung immer gleicher Szenen mit einer Reihe zentraler Figuren das angebliche wilde Sexleben „durchschnittlicher“ amerikanischer Kleinstadtbewohnender. Der satirische Atem ist in beinahe jeder Einstellung und jedem Erzählerkommentar zu spüren – diesmal in Form eines ältlichen Mannes, der die Zuschauenden auf diesen absurden Trip durch die Kleinstadt Smalltown, USA, begleitet – ein irritierender Rückschritt im Vergleich zu der so viel ansehnlicheren Erzählerin aus dem Vorgängerfilm „Up!“.

Auch die fragwürdigen Elemente dieses und anderer Vorgänger finden sich hier wieder: Meyers Vorliebe für völlig unnötige Nazi-Figuren etwa. So taucht erneut ein gewisser Martin Bormann auf, der stilecht mit einem Hitlerjugend-Lied eingeführt wird und besonders abstrusen Fetischsex zelebriert, bei dem ein Sarg, ein Betttuch mit ausgeschnittenen Augenlöchern und eine großbusige Blondine wichtige Rollen spielen. Überhaupt herrscht hier in Sachen Tabubruch keinerlei Hemmung mehr: inzestuöse Verhältnisse, Sex mit Minderjährigen, sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz, Vergewaltigung (übrigens alles von burschikosen Frauen an wehrlosen Männern und Jungen begangen), dazu ungewollter Analverkehr und homoerotische Praktiken und Anspielungen – wenn es irgendwie schmutzig und anstößig wirkt, taucht es in diesem Film mit Sicherheit auf. Vor lauter Bedacht auf unbedingte Tabulosigkeit wird der erotische Aspekt zeitweise beinahe in den Hintergrund gedrängt.

Und so erweist sich auch „Im tiefen Tal der Superhexen“ als wild-anarchischer Trip durch ein enthemmtes Amerika, in dem die Triebe permanent die Oberhand gewinnen und alle braven Bürger und Bürgerinnen nur an das Eine denken, vom Müllwagenfahrer bis zur bibeltreuen Radiopredigerin (deren Taufpraktiken eher an eine Mischung aus Waterboarding und Badewannensex erinnern). Rasant geschnitten, mit originellen, schrägen, absurden Kameraperspektiven versehen (inklusive der Unterperspektive unter dem Springfederbett, dem schlicht die Matratze fehlt, sodass aus dem Matratzensport eher Bettgestellsport wird) und mit comichaftem Humor auf der Tonspur in Form von kindischen Geräuschuntermalungen – etwa Glockengeläut, wenn gewaltige Brüste geschüttelt werden, oder Klingeln bei Faustschlägen – zieht Meyer hier wirklich alle Register seines schrillsten, absurdesten Humors und macht „Im tiefen Tal der Superhexen“ zu einer hochamüsanten Mischung aus 70er-Porno und Spießertums-Parodie.

Dass das Fehlen einer sich entwickelnden Handlung auf die Dauer zu einem gewissen Leerlauf führt und das permanente Herumgehüpfe und -gespringe bei den absurdest übertriebenen Sexstellungen etwas repetitiv wirkt, lässt mit der Zeit doch ein wenig Zähigkeit aufkommen. Dafür entschädigen zwar einige der skurrilsten Szenen, die Meyer jemals gedreht hat – etwa der Kampf mit dem Zahnarzt/Ehetherapeut, der mit Brecheisen, Schrotflinte und Kettensäge einen Wandschrank aufbricht, um an seine Beute zu gelangen – doch insgesamt fehlt dem Film, etwa im Vergleich zu „Up!“, dadurch doch ein Hauch an durchgehendem Unterhaltungsfaktor. Und dass am Ende Meyer selbst einen ironischen Gastauftritt absolviert und mit Kameragestell die vierte Wand durchbricht, ist die Kirsche auf diesem verrückt-irrwitzigen Trip, nimmt dem Film aber auch jeden Rest von inhaltlichem Zusammenhang.

Insgesamt ist „Im tiefen Tal der Superhexen“ ein veritabler Abschiedsfilm des vielleicht legendärsten Sexfilm-Regisseurs der US-Geschichte. Wilde, hemmungslose Sexploitation, herrlich verrückte Inszenierungsideen, schrillster Humor und unglaublich viel nackte Haut (meist in Form absurd gigantischer Brüste) machen dieses Werk zu einem nicht im näheren Sinn guten, aber definitiv sehenswerten und meistens kreuzunterhaltsamen Streifen, der alle Verrücktheiten, zu denen Meyer von jeher neigte, noch einmal ins Gigantomanische gesteigert versammelt. Für Fans ein absolut würdiger Abschluss einer einzigartigen Karriere.

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