Eine Twilight-Zone-Episode in Spielfilmlänge aus Deutschland? Da ist Skepsis angebracht.
"Die Wand" erzählt im Grunde eine kleine, surreale Geschichte, die auch aus eben dieser TV-Serie stammen könnte. Erstaunlicherweise funktioniert das ganz gut, obwohl es naturgemäss nicht allen zusagen dürfte.
"Die Wand", basierend auf dem 1963 veröffentlichten Roman von Marlen Haushofer, erzählt die Geschichte einer Frau, die radikal von jeglicher Zivilisation abgeschnitten wird. Die Frau, die namentlich nicht genannt wird, fährt mit einem befreundeten Paar und einem Hund in die Berge, um dort Urlaub zu machen. Das Paar verabschiedet sich nachmittags, um noch in das naheliegende Dorf zu gehen, die Frau bleibt in der Hütte und schläft ein. Am nächsten Morgen stellt sie fest, dass die Freunde nicht zurückgekehrt sind, und sie macht sich mit dem Hund auf, um ins Dorf zu gehen. Als der Hund plötzlich winselnd zusammenbricht und sie zuerst denkt, er wäre auf Glas getreten, knallt sie plötzlich an eine unsichtbare Barriere, die bei Berührung ein basslastiges, elektrisch klingendes, dumpfes Brummen erzeugt.
"Verdutzt streckte ich die Hand aus und berührte etwas Glattes und Kühles: Einen glatten und kühlen Widerstand an einer Stelle, an der doch gar nichts sein konnte als Luft.“
Anfangs noch davon überzeugt, dass es sich um eine Täuschung oder ein zeitlich begrenztes Phänomen handeln würde, muss sie im weiteren Verlauf feststellen, dass sie sich in einem fest abgesteckten Territorium von ca. 2 Quadratkilometern befindet, welches von der unsichtbaren Barriere umschlossen wird. Menschen, die sie auf der anderen Seite sehen kann, scheinen im Moment des Todes versteinert bzw. erstarrt zu sein und verharren regungslos in ihrer letzten Körperhaltung.
Was ist passiert? Gibt es weitere Überlebende? Was ist die Ursache der Barriere, der Wand? Diese und andere Fragen stellt sich der Zuschauer und die Hauptdarstellerin wohl auch, nur wird darauf seitens des Regisseurs (Julian Pölsler) wenig bis gar nicht eingegangen.
Die Geschichte die erzählt wird erinnert zunächst an eine Robinsonade, denn auch hier geht es darum, was man aus der Situation, die zur Realität wird, macht. Martina Gedeck in der Rolle der "Frau", erzählt hauptsächlich ihre Geschichte aus dem Off, die sie auf den wenigen noch vorhandenen Papiervorräten niederschreibt. Ob diese Aufzeichnungen jemals von irgendwem gelesen werden, weiss weder sie, noch der Zuschauer. Um nicht dem Wahnsinn zu verfallen, fängt sie an, sich auf die Lebewesen zu konzentrieren, die ihr geblieben sind, und das ist der Hund, später zwei Katzen sowie eine trächtige Kuh. Über drei Jahre erzählt uns die Frau die Höhen und Tiefen ihres neuen Lebens in Einsamkeit und Isolation, wie sie als Bäuerin und Jägerin überlebt hat und wie sie immer wieder damit kämpft aufzugeben oder wieder weiterzumachen.
Sie erzählt ihre Geschichte solange, bis sie kein Papier mehr hat und sich dann wortlos ihrem Schicksal fügt.
Zugegeben, zu diesem Film kann es eigentlich nur zwei Positionen geben, Eintauchen in die radikale Isolationswelt der Protagonistin oder gelangweiltes Gähnen. Ich habe mich für Ersteres entschieden und einen Film gesehen, der mich schon etwas beeindruckt hat, umso mehr, da er aus deutschen Landen stammt. Da gibt es für meinen Geschmack sonst wenig zu holen, auch wenn mir Filme wie beispielsweise "Die Tür, "Im Angesicht des Verbrechens", "Free Rainer" oder "Jonas" auch gut gefallen haben. Auf jeden Fall ein mutiges Stück Kino jenseits des Mainstreams, aber auch jenseits der Erwartungshaltung desPublikums, welches gerne Erklärungen für Gesehenes verlangt.
Deshalb möchte ich auch eine kleine Warnung aussprechen, wer sich von der Story Effektkino erwartet oder mit einer nachvollziehbaren, logischen Erklärung am Ende des Films bedient werden möchte, wird hier falsch sein. Wer sich jedoch mit der Vorstellung auseinandersetzen will, abgeschnitten von jeglicher Zivilisation auf engem Raum lediglich mit der Natur und einigen Tieren im Verbund überleben zu müssen, kann hier teilhaben an einem faszinierenden Gedankenexperiment, vorgetragen von einer hervorragenden Hauptdarstellerin vor der prächtigen Kulisse einer unberührten Natur. Für mich: Sehenswert und 7,5 Punkte wert.