kurz angerissen*
erstmals veröffentlicht: 01.06.2014
Eine Frau findet sich eines Morgens in ihrer Ferienhütte eingesperrt von einer unsichtbaren Wand wieder und ist fortan darauf angewiesen, mit einer Kuh, einer Katze und einem Hund ihr Leben ohne andere Menschen zu meistern. Fragen nach Logik könnten den Zuschauer bei dieser Romanverfilmung plagen; warum klopft die Frau beispielsweise nicht die Wand ab, um nach Lücken zu suchen? Warum scheint ihr bald schon egal zu sein, was jenseits der Wand geschieht? Warum verhält sie sich sowohl unmittelbar nach dem unerklärlichen (und unerklärt bleibenden) Geschehnis sowie auf lange Sicht bisweilen so irrational? Doch sind das Fragen, die auf zweierlei Art entkräftet werden können: Erstens erfährt der Zuschauer nur soviel, wie in ihrem Tagebuch steht, welches – wie explizit erwähnt wird – auch der Autorin wichtig erscheinende Dinge außen vor lässt. Zweitens lässt sich „Die Wand“ natürlich als Metapher lesen für eine Frau, die schon vor ihrer Einsperrung offensichtlich den Kontakt zu den Mitmenschen meidet (warum überhaupt der Urlaub mit dem älteren Paar in einer einsamen Berghütte? Warum auch ist sie nicht mit dem Paar ins Dorf gegangen und zog die Einsamkeit vor?), was den Film davon handeln ließe, wie sie sich endgültig in sich selbst zurückzieht. Eine derartige Lesart ließe die Suche nach einem Ausgang unlogisch erscheinen, da dies ja voraussetzen würde, dass die Frau wieder in Kontakt mit der Welt treten möchte.
Stattdessen schildert das minimalistisch durch die schöne Landschaft, die Schauspielleistung Martina Gedecks und ihrer Monologe getragene Werk ihre Abkehr vom Menschsein und den sich ihr öffnenden Zugang zu den Tieren, wobei ihr selbst im Tierreich Muster der Ausgrenzung erscheinen, die sie selbst in der Gesellschaft erfahren haben muss, diese aber im Tierreich als natürlichen Lauf der Dinge betrachtet.
Mag man Julian Pölslers statischer, geradezu erstarrender Regie mit all den langen, ereignislosen Naturdarstellungen auch eine gewisse Langatmigkeit, wenn nicht gar Unerträglichkeit vorwerfen, die von ihm gewählte Erzählperspektive ist insbesondere in Funktion einer Literaturverfilmung als gelungen zu bezeichnen: Nichts als das Innenleben der Hauptfigur lässt er in die Isolationskuppel, der Zuschauer weiß immer nur so viel, wie die geschriebenen Seiten – manchmal vor- und zurückblätternd – hergeben, was die Einbettung der Figur in ihre Umgebung, ihre Absorption der Tiere zu Teilen ihrer selbst, vollständig möglich macht. Die Ereignisse im Film sind von Verlusten und inneren Widerständen gezeichnet, allerdings lassen sich keine Anzeichen finden, dass von außen Mühen zur Figur durchringen, sie zurück in die Zivilisation zu befördern. Insofern ist auch das offene, banalerweise durch das Ausgehen des Papiers (die begrenzte Fähigkeit zur Selbstauseinandersetzung ihres Gehirns?) besiegelte Ende mutig und konsequent, aber auch wenig hoffnungsvoll.
*wetere Informationen: siehe Profil