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Für mich ist "Frenzy" DER Film von Alfred Hitchcock. Von daher kann ich es nicht verstehen, mit welcher Verständnislosigkeit und aufgrund welcher falscher Erwartungen er hier teilweise als Mittelmaß oder noch schlimmeres abgehandelt wird. Vor allem liest man Klagen darüber, dass man sich hier mit keiner Figur identifizieren kann. Ja und? Gerade das ist doch das Gute an dem Film, dass er einem keinen integeren Superhelden serviert. Wenn es nur Filme mit eindeutigen Identifikationsfiguren gäbe, sähe die Geschichte des Kinos doch ziemlich primitiv und langweilig aus. Und dann wird darüber geklagt, dass der Mörder nach kurzer Zeit bekannt wird. Ja und? Muss denn jeder Film über Verbrechen ein "Whodunit" sein? Hier geht es eben nicht um lustiges Mörderraten à la Agatha Christie. Was uns Sir Alfred hier serviert, ist viel besser und spannender. Wie so oft in seinen Filmen geht es um jemanden, der zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt wird. In diesem Falle Richard Blaney. Er war beim Militär und schlägt sich jetzt als Barmann durch. Weil ihn sein Chef nicht mag, wird er rausgeschmissen und sieht sich gezwungen, seine geschiedene Frau aufzusuchen, die ein gut laufendes Ehevermittlungs-Institut führt. Zu Blaneys Pech wird sie kurz darauf erwürgt. Eine Szene, die auch nach über dreißig Jahren noch sehr brutal rüberkommt und das damalige Kinopublikum schockiert haben muss. Blaney steht als jemand, der zu cholerischen Ausbrüchen neigt, nun unter Verdacht und muss sehen, wie er seine Haut rettet.

Andere scheint es zu stören, mir gefällt es gerade an diesem Film: Es gibt keinen Protagonisten, der die Herzen im Sturm erobert. Freunde von Disneystreifen oder Comicverfilmungen mit 12er Freigabe mögen also dieses Werk meiden. Hitchcock vollzog auch bei den Schauspielern eine völlige Kehrtwende: Arbeitete er vorher zumeist mit sterilem amerikanischem Hochglanzpersonal wie James Stewart und Grace Kelly, holte er sich hier englische Theaterschauspieler mit Ecken und Kanten wie Jon Finch (auch als "Macbeth" in der Verfilmung Polanskis bekannt), Anna Massey, Barry Foster oder Billie Whitelaw (die Miss Baylock in Richard Donners "Omen"), die die Figuren spröde und authentisch wirken lassen. Dadurch fühlt man sich in ein vitales London der frühen 70er Jahre versetzt, fern von jeder kalten Hollywood-Ästhetisierung. Mit besonderer Hingabe brachte Hitchcock die Obst-, Gemüse- und Fleischmärkte von Covent Garden ins Bild, die kurz danach in einen anderen Stadtteil verlegt wurden. Insofern hat er einer Welt, die sich bald darauf grundlegend veränderte, ein Denkmal gesetzt. Nicht ohne persönliche Nostalgie, denn sein Vater war selbst als Händler auf diesen Märkten tätig. Zudem wird man auch noch mit Hinguckern wie der berühmten Kamerafahrt durch ein enges Treppenhaus verwöhnt, die scheinbar ohne Zwischenschnitt durch die Haustür bis auf die gegenüberliegende Seite einer belebten Straße führt. Da weiß man, welche Filme ein Dario Argento genossen hat.

Ein domierender Aspekt des Films ist sein Zynismus. Der gepflegte britische Inspektor (Alec McCowen) entwickelt wegen der extravaganten Küche seiner Frau einen geradezu animalischen Hunger, der mit der psychischen Gestörtheit des Mörders in einem skurrilen Parallelverhältnis steht. Das wird manchmal fast zu sehr auf die Spitze getrieben, wenn z. B. seine Frau Gebäckstangen knacken lässt, während gerade von den gebrochenen Fingern des Opfers die Rede ist. Ebenso überzogen ist die Szene im Kartoffel-Lastwagen, aber dazu sage ich mal nicht so viel, nur: Es ist sehr makaber, ebenso wie der ganze Film. Das lässt die glanzvolle Titelmusik zu einer postkartenmäßigen Kamerafahrt über die Themse bis zur Tower Bridge noch nicht ahnen, aber spätestens wenn während der Rede eines Politikers, dass der Fluss bald von Müll und Unrat gereinigt werde, eine nackte Leiche ans Ufer geschwemmt wird, weiß man: Diese Idylle ist trügerisch, ebenso wie die Annahme, dass dieser Film eine schwarzweiße moralische Botschaft aufzuweisen hat.

Frenzy ist authentisch, brutal und zynisch wie das Leben selbst.

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