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Hitchcocks vorletzter Film markierte seine Rückkehr nach England, wo er seit 1939 (Riff-Piraten) keinen Film mehr gedreht hatte. Obwohl ihm die Engländer sehr dankbar für die Rückkehr waren, ist „Frenzy“ ein ziemlich zerrissener Film, der unbestreitbare Qualitäten besitzt, aber auch deutlich von einem Regisseur stammt, dem sein Alter und seine sexuelle Präferenz deutlich ins Handwerk pfuschen.

Hitchcock war sicherlich kein besonders erotischer Mensch, aber seine sexuelle Fixierung auf blonde, kühle Frauen ist allgemein bekannt. Der Kontrollfetischismus dieser Frauen und sein zeitlebens gepflegter Hang zu makabren und gemeinen Scherzen kamen schließlich in immer deutlicheren Gewaltdarstellungen in seinen Filmen zum Tragen. Nach der kaum verhüllten Vergewaltigung Tippi Hedrens in „Marnie“ folgt hier in „Frenzy“ nun die Apotheose, die Vergewaltigung und Strangulation eines weiblichen Opfers in Großaufnahme.
Dazu kam der schwarze Humor Hitchcocks auch sonst im Film stark zum Tragen, etwa wenn der Killer die Finger seines Opfers brechen muss, um an seine Krawattennadel zu kommen oder in Form der abartigen französischen Gerichte, die der ermittelnde Beamte von seiner kochwütigen Frau vorgesetzt bekommt.

Trotz der Bekanntheit dieser Szenen wirken derlei visuelle Extras seltsam fremd in diesem Film, die einerseits als Hommage an Hitchcocks London seiner Kindheit funktioniert, der aber gleichfalls keinerlei sympathisches Zentrum besitzt und von starker Frauenfeindlichkeit geprägt ist.

Keine weibliche Figur kommt hier unbeschadet davon: die Exfrau des Protagonisten wird in Großaufnahme ermordet, die Sekretärin ist ein verleumdendes, männerhassendes Monstrum, die befreundete Kellnerin – eine der wenigen Sympathen – stirbt mitten im Film durch des Killers Hand, die Frau des Polizisten ist auf ihre (Küchen)-Art sadistisch und die Ehefrau eines hilfreichen Freundes entpuppt sich trotz bester Argumente für die Unschuld der Hauptfigur als keifende Zicke.

Man fühlt zwar ein wenig mit der leidenden männlichen Hauptfigur, aber mögen tut man deswegen den gebeutelten Richard Blaney nicht. Er ist anscheinend recht arbeitsscheu, streitsuchend, trinkt zuviel und ein Blender obendrein. Seine Bekannten nutzt er nach Kräften aus und die muffige Stimmung, die er verbreitet, hängt dem Film nach. Dagegen kann Barry Foster als Mörder richtiggehend glänzen, gehören ihm doch offensichtlich die Sympathien Hitchcocks, was vor allem die Fahrt in dem Kartoffeltransporter anbetrifft.
Alex McCowens Inspektor ist dagegen stark abgesetzt, wie jemand aus einer anderen Zeit und die beiden Erzählstränge wollen nicht zu Recht zueinander passen.

Wo der Film wirklich punkten kann, ist bei der Inszenierung Londons. Schon die Vortitel zu hymnischer Musik, zu der die Kamera über die Themse der Tower Bridge entgegen schwebt, ist eine Ode an die britische Metropole. Auch die Obstmärkte, Gassen und Höfe von Covent Garden (die es inzwischen nicht mehr gibt) bieten einen Blick in ein vergangenes Arbeiter-London, mit seinen Pubs und ohne den modernen Schnickschnack, der die Stadt erobern würde.

Am meisten leidet „Frenzy“ aber am umständlichen Drehbuch, das sichtlich um die Schlüsselszenen herum entwickelt wurde und mit einem ungewöhnlichen Schluss aufwarten kann, der jedoch deutlich zu spät kommt. Trotzdem ein noch brauchbarer Hitchcock. (6/10)

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