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Die frühen 70er Jahre - wilde Zeiten. Sex, Drogen und Revolution an jeder Straßenecke. Langhaarige Männer auf ihren Motorrädern und schöne, fast unbekleidete Frauen - immer bereit für die Liebe. Eine Phase der Befreiung, der Emanzipation, des ungehemmten Auslebens. Viele Filme dieser Zeit transportierten dieses Lebensgefühl und sangen das Hohelied von Anarchie, Spaß und ewiger Jugend. So auch „Cristiana monaca indemoniata“ – ausgelassene Freude vor der Kulisse Athens, ungehemmter Sex im Flugzeug unter den Augen einer neugierig bis empörten Öffentlichkeit. Doch der Abgrund naht, die Linienmaschine gerät ins Trudeln, ein Absturz scheint unvermeidlich. Da geschieht das Unglaubliche. Cristiana (Toti Achilli), gerade noch voll ungehemmter Lust, schwört ihrem bisherigen Leben ab. Sollte Gott sie vor dem Tod retten, wird sie ihm ihr Leben als Nonne weihen. Und Gott erhört sie – wie durch ein Wunder kann der Pilot das Flugzeug wieder stabilisieren.

Für Regisseur und Autor Sergio Bergonzelli keine ungewöhnliche Berg- und Talfahrt, denn die Gefahren der soziokulturellen Veränderungen nach dem Krieg, besonders hinsichtlich der gesellschaftlichen Stellung der Frau, standen früh auf seiner Agenda. In „Silvia e l’amore“ (1968) betrachtete er semi-dokumentarisch die Auswirkungen der „Anti-Baby-Pille“ auf den Kinderwunsch der Frau, um mit einer glücklichen Mutter von Zwillingen zu enden. Das qualifizierte ihn offensichtlich für die Mitwirkung an einem deutschen Aufklärungsfilm. „Libido – das große Lexikon der Lust“ kam 1969 als deutsch-italienische Co-Produktion in die Kinos. Von diesem Mix aus Spielszenen und Informationen verabschiedete sich Bergonzelli in „Io Cristiana, studentessa degli scandali“ (Verbotene Zärtlichkeiten, 1971), der zwar noch Aufnahmen von kopulierenden Tieren und erotischen Ansichten aus der Antike an den Anfang stellte, dann aber in eine dramatische Story vor dem Hintergrund einer Studentenrevolte mündete.

Die deutschsprachige Synchronisation bemühte sich um einen komödiantischen Gestus, der auch zum Plan zweier junger attraktiver Studenten zu passen schien, die die Autorität des Dozenten und dessen Frau durch Sex diskreditieren wollen. Die idealisierten Bilder des glücklichen Paars zu Beginn unterstützten diesen Eindruck noch – ein Kniff, mit dem Bergonzelli wiederholt arbeitete, um die Verlogenheit und folgerichtige Brüchigkeit dieses Lebensgefühls zu demonstrieren. Eine moralisierende Sichtweise, die in „Silvia e l’amore“ vor den Gefahren der künstlichen Verhütung und in „Io Cristiana, studentessa degli scandali“ vor der sexuellen Liberalisierung warnen sollte. Die anfänglich so libertinöse Gemeinschaft der Studenten wird zum konservativen Moral-Mob als sich Cristiana in ihren Dozenten verliebt und mit diesem eine Beziehung eingehen will. Cristiana wird zum Opfer (die Massenvergewaltigung wurde in der deutschen Version herausgeschnitten). Dass Bergonzelli in „Cristiana monaca indemoniata“ erneut auf diesen weiblichen Vornamen zurückgriff, setzte diese Opferrolle fort und führte direkt ins Spannungsfeld von Sexualität und Religion - „Cristiana“ steht im Italienischen für „Christin“.

Die Einbeziehung der katholischen Kirche war in Italien so zwangsläufig wie riskant. Das musste selbst Giacomo Puccini erfahren, dessen 1918 uraufgeführte, aus drei thematisch unabhängigen Einaktern zusammengesetzte Oper „Il trittico“ nur selten vollständig auf die Bühne gelangte. Der zweite Teil „Suor Angelica“ (Schwester Angelica) fand nur wenig Gegenliebe und wurde auch nach dem Krieg weiter ausgeklammert – nicht nur in Italien. Darin erzählte Puccini die Geschichte eines gefallenen Mädchens, das wegen der Geburt eines unehelichen Kindes im Kloster für ihre Sünden büßen muss. Zentraler Bestandteil der Oper ist die Begegnung mit ihrer bigotten Mutter, die sie zugunsten ihrer braven Schwester enterbt und ihr das Kind vorenthält – ausgedrückt in der Arie „Senza Mamma“ (Ohne Mutter).

Ob sich Bergonzelli an Puccinis Nonnen-Oper orientierte, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, aber die Parallelen sind bemerkenswert – beginnend beim Namen, denn nachdem sie ihr Gelübde abgelegt hat, wird Cristiana zu „Suor Angelica“. Auch der Anlass für ihr Eintreten ins Kloster lässt sich unter zeitgemäßen Gesichtspunkten vergleichen, aber mehr noch liegen die Gemeinsamkeiten in der Rolle der Mutter - bei Puccini wie bei Bergonzelli eine Gräfin. Steht sie in der Oper für die vorherrschende religiös-konservative Haltung, verkörpert sie in „Cristiana monaca indemoniata“ den Geist ungehemmter Promiskuität. Nur äußerliche Gegensätze, denn das Ergebnis ist für ihre Töchter gleich: sie werden im Stich gelassen. Nachdem Cristiana Zuflucht bei ihrer Mutter gesucht hatte, wird sie von ihr auf den Strich geschickt. Als Edel-Prostituierte soll sie in die Fußstapfen ihrer Mutter (Eva Czemerys) treten, die so zu Reichtum gelangt war – für Cristiana der Anfang vom Ende.

Die Bezeichnung „Nunsploitation“ für „Cristiana monaca indemoniata“ verweist auf die Hilflosigkeit, einen Film einordnen zu wollen, der sich keiner eindeutigen Kategorie zuordnen lässt. Das Kloster ist hier kein Ort einer verlogenen Scheinmoral oder übertriebener Autorität, sondern bietet Cristiana zumindest einen Moment lang Schutz. Der von Bergonzelli gewohnte moralisierende Aspekt lässt sich darin nicht übersehen. Schuld hat eine Gesellschaft, deren Interesse allein dem egoistischen Ausleben sexueller und monetärer Bedürfnisse gilt – neben der Mutter personalisiert in den Figuren des Luca (Gerardo Rossi), Cristianas dauergeilem und kriminellen Freund, und des Massimo (Vassili Karis), einem modernen Künstler, der die Attraktivität der jungen Frau für seine Zwecke nutzt. Die Klostermauern können dagegen nur wenig ausrichten, wie an Schwester Eleonora (Magda Konopka) deutlich wird, dem einzig ambivalenten Charakter in Bergonzellis Film. Obwohl schon geweiht, erliegt sie wieder den Versuchungen der körperlichen Liebe und wird zur Verräterin. Sie entscheidet sich, Nonne zu bleiben und will Cristiana um Verzeihung bitten. Sie kommt zu spät - die „Christin“ wird endgültig zum Opfer.

Statt diese Botschaft in ein moralinsaures Drama zu packen, schuf der Regisseur ein aufbrausendes, ungezähmtes Werk, dessen Anlage und melodramatischer Charakter an eine Oper erinnert – die Ouvertüre im Flugzeug, der erste Akt im Kloster bis zu Cristianas Gelübde, ihr Weg zurück zur Mutter und deren Lebensinhalten, der endgültige Niedergang auf dem Straßenstrich als letzter Akt. Das geschieht linear, zwangsläufig, die dramatischen Aspekte konsequent steigernd. Lebensfreude, Ausgelassenheit, Verrat und Niedergang werden zu einer untrennbaren Einheit – mit einer Protagonistin im Mittelpunkt, der Bergonzellis Sympathien gehören.(9/10)

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