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Bei der Nennung der bedeutendsten Hitchcock Filme fällt immer wieder der Name eines Werkes, das für das visionäre Gespür des Regisseurs steht – „Das Fenster zum Hof“. Seinerzeit innovativ und aus heutiger Sicht ein absoluter Vorreiter. Die so genannten Kammerspiele, mit Spannung auf engstem Raum, wurden hier in Stil und Form geprägt.

Bis auf wenige Augenblicke verbleibt die Kamera immer in der Wohnung des Protagonisten L.B Jeffries (James Stewart), der mit einem gebrochenen Bein an einem Rollstuhl gefesselt, neugierig die Geschehnisse im Hinterhof beobachtet. Hitchcock benötigt keinen Erzähler, die Situation um den Fotografen wird einem schnell mit der Ausdrucksstärke von Gegenständen bewusst. Ein Bild deutet auf die Ursache der Verletzungen hin, der Unfall bei einem Autorennen.

Langeweile und Ablenkung von seinen eigenen Problemen führen dazu, dass Jeffries die Vorgänge im Hof beobachtet und dabei auch Zeuge seiner eigenen Situation wird. Er soll die schöne Modedesignerin Lisa Carol Fremont (Grace Kelly) heiraten, ist sich aber der Sache unsicher. Das was er in den gegenüberliegenden Wohnungen sieht, ist für die eigene Entscheidung alles andere als hilfreich. Von turtelnden Paaren, einsame Herzen bis hinzu einem Objekt der Begierde, eine hübsche Tänzerin – der Hinterhof zeigt dem Protagonisten alle Möglichkeiten, wie seine Situation enden kann. Nachdem die Charakterisierung der Hauptperson aufgrund ausdrucksstarker Bilder, durch lässig mitunter amüsante Dialoge mit seiner potenziellen Frau und der Haushälterin Stella (Thelma Ritter) subtil voranschreitet, erreicht der Film die nächste Ebene.

Die Thorwalds liefern Spannung. Ein Ehepaar, das direkt gegenüber von Jeffries wohnt. Er beobachtet einen Streit, der schließlich zu eskalieren scheint. Hat Mr. Thorwald seine Ehefrau umgebracht? Mysteriöse Ereignisse in der Wohnung verdichten die Hinweise auf ein Verbrechen.

Hitchcock fesselt den Betrachter ebenso wie den beobachtenden Journalisten an einem Rollstuhl. Suspense pur, eingeschränkte Bewegungsfreiheit, man leidet, spekuliert und fühlt mit. Übertriebene Sorge, die übersteigerte Interpretation von Geschehnissen oder doch ein Verbrechen? Der Protagonist steht vor einer schwierigen Entscheidung, jede Sekunde zählt – dieser Eindruck wird eindrucksvoll vermittelt. Hitchcock nutzt alle Mittel, um den Betrachter einzugliedern. Die Kameraperspektive durch ein Teleobjektiv, man sieht den Film fortan durch die Augen von Jeffries.

Gehörigen Anteil daran hat natürlich auch James Stewart, dessen prekäre Lage sich klar in Gestik und Mimik widerspiegelt. Auf beeindruckende Art und Weise zahlt sich hier die ausführliche Charakterisierung seiner Person im ersten Teil des Films aus. Stewart ist kein Fremder mehr, man kennt seine Situation, die Probleme und Sorgen.

Angst und Spannung wird aufgrund der Nähe zum Hauptcharakter ein Selbstläufer. „Das Fenster zum Hof“ entwickelt auf engstem Raum eine Dynamik, die atemberaubend ist. Ohnmacht als passiver Beobachter stellt die direkte Verbindung zum im Rollstuhl sitzenden Jeffries her.

Der Betrachter zahlt ebenso wie der Protagonist den Preis für die Neugierde – Hitchcock degradiert den Zuschauer als Voyeur. Leise Kritik im Moloch der faszinierenden Spannung, die sukzessiv gesteigert wird.

Alfred Hitchcock – The Master of Suspense! Wie er diesen ruhmreichen Titel erlangte, kann man eindrucksvoll am Beispiel “Das Fenster zum Hof” sehen. Der Regisseur bietet das Kammerspiel, was man sich heutzutage oftmals wünscht. Ein mitreißendes Gefühl von eingeschränkter Bewegungsfreiheit - atemberaubend, atmosphärisch, stilvoll, originell! (9,5/10)

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