Von Anfang an war das Kino da, um dem Publikum gewisse voyeuristische Begierden zu befriedigen. Von einer einfachen Einmischung in die Privatssphäre interessanter Leute, bis hinzu plumper Zurschaustellung von nacktem Fleisch, bietet das Kino alles. Alfred Hitchcock drehte 1954 den pursten Voyeurthriller. Jimmy Stewart spielt den Sensationsreporter L.B. Jeffries, der aufgrund eines gebrochenen Beines für mehrere Wochen an einen Rollstuhl gefesselt ist. Jeffries langweilt sich zur Tode, und deshalb beobachtet er die gegenüberliegende Häuserfront.
Und hier haben wir eine äußerst ungewöhnliche Ausgangssituation. Der ganze Film besteht nur aus einem gewaltigen Dekor, und einer Hauptperson, aus dessen eingeschränkter Perspektive wir den ganzen Film sehen. Die Häuser gegenüber haben aufgrund der immensen Hitze dieses Sommers alle ihre Fenster auf, Jeffries kann perfekt in das Liebesleben seiner Nachbarn spannen. Und genau dieses reflektiert sein eigenes Liebesleben. Er ist zwar mit der wunderhübschen Liza (Grace Kelly) zusammen, traut sich aber nicht die elitäre Dame zu heiraten, da er meint, sein Job würde ihrem edlen Lifestyle nicht gerechtwerden.. Seine Nachbarn sind alle mehr oder weniger gebeutelt von der Liebe: Ein verzweifelter Single, ein nach einem Liebeslied forschender Komponist, eine dralle Dame, die sich mehrere Männer einläd, um einen schließlich zu vernaschen.
Besonders die Idee mit dem Komponisten, der sein Lied über den gesamten Film über weiterentwickelt, ist klasse. Auch die Tricktechnik überzeugt. Das beeindruckende Set schlägt sich in der Gesamtatmosphäre des Films nieder. Und auch Schnitt und die Verwendung von subjektiver Kamera scheint hier nahezu perfekt zu sein. Gar nicht zu sprechen von dem herrlichen Drehbuch von John Michael Hayes, der den tollen Schauspielern gewitzte, durchdachte Dialoge in die Münder legte. Besonders die unnachahmliche Thelma Ritter hat die makaberen Lacher auf ihrer Seite, während Raymond Burrs Blick, in dem Moment, in dem er merkt, dass er von Jeffries beobachtet wird, göttlich böse wirkt. Und das liebevoll-frotzelnde Pärchen Stewart und Kelly sind mehr als nur gut aufgelegt. Ihre Freude am Spielen merkt man ihnen an.
Dass aber auch Hitchcock seine Aussage über Voyeurismus wichtig ist, wird im Schluß verdeutlicht. Als Raymond Burr alias Lars Thorwald Jeffries fragt, was er von ihm wolle, beziehungsweise, was er verlange, hat Jeffries keine Antwort für ihn. Nur seine Neugierde und vielmehr seine Vorliebe für Detektivstories, als ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, haben ihn dazu getrieben, Thorwald überführen zu müssen.
"Das Fenster zum Hof" ist ein absolut fabelhafter Thriller-Klassiker. So spannend, wie romantisch. So intelligent, wie humorvoll.