„Es ist noch gar nicht so lange her, da wären zwei Anarchisten wie Sacco und Vanzetti ohne Umschweife deportiert worden!“ – „Und jetzt wartet unter Umständen der elektrische Stuhl auf sie.“ – „Nach einem ordnungsgemäßen Prozess! Und ich finde, das ist doch ein beachtlicher Fortschritt für das demokratische Amerika!“
Ferdinando „Nicola“ Sacco und Bartolomeo Vanzetti waren zwei Italiener, die in die USA emigriert waren und sich der anarchistischen Arbeiterbewegung angeschlossen hatten. Als die USA nach Ende des Ersten Weltkriegs in eine Wirtschaftskrise gerieten, bekam man angesichts der russischen Revolution 1917 Angst vor antikapitalistischen Kräften und einem politischen Umsturz, weshalb man die Propagandamaschinerie fortan polemisch gegen gewerkschaftliche und fortschrittliche Kräfte richtete und in rassistischer Manier gegen Einwanderer hetzte. Ein Klima von Angst, Misstrauen und antikommunistischen, fremdenfeindlichen Ressentiments wurde erzeugt und nach vermeintlich revolutionär motivierten Bombenanschlägen schließlich staatsterroristisch gegen missliebige politische Aktivisten und Migranten vorgegangen. Bestehende Gesetze wurden missachtet und entstellst, brutale Razzien durchgeführt und Menschen misshandelt. Sacco und Vanzetti gerieten in die Mühlen der reaktionären Justiz, nachdem am 15. April 1920 in South Braintree, Massachusetts, bei einem Raubmord zwei Männer erschossen wurden. Polizei und Staatsanwaltschaft nutzten dieses Ereignis, um es Sacco und Vanzetti anzuhängen, einen Indizienprozess zu konstruieren und sich so nach einer Farce von einem Gerichtsverfahren ihrer durch Todesurteile entledigen zu können. Es folgten weltweite Massenproteste, doch trotz aller offensichtlichen Fehler und Manipulationen des fingierten Prozesses blieb das Urteil bestehen.
Dieses düstere Kapitel der US-amerikanischen Geschichte greift der italienische Regisseur Giuliano Montaldo („Top Job“) in seinem historischen Justiz-/Politdrama „Sacco und Vanzetti“ auf, das in italienisch-französischer Koproduktion entstand und 1971 veröffentlicht wurde – einer Zeit, in der sich im politischen Klimas Italiens einige Parallelen zu den eingangs beschrieben US-amerikanischen Verhältnissen ziehen ließen.
Montaldos Film beginnt mit einem in Schwarzweiß gefilmten Prolog, der das brutale Vorgehen der Exekutive zeigt. Recht sachlich-nüchtern werden anschließend die Vernehmungen Saccos und Vanzettis gezeigt, bis sich im Prozess die Schlinge immer weiter zuzieht. Ein Prozess, der dem Zuschauer ob seiner Unrechtsstaatlichkeit und offen zum Ausdruck gebrachter politischer und rassistischer Misstöne die Haare zu Berge stehen lässt. Montaldo nimmt sich die Zeit, in seinem rund zweistündigen Werk relativ detailliert die Entwicklung des Prozesses zu zeigen, Angeklagte, Richter Thayer (Geoffrey Keen, „Doktor Schiwago“), Staatsanwalt Katzmann (Cyril Cusack, „Harold und Maude“) und Verteidiger Moore (Milo O'Shea, „Theater des Grauens“) zu charakterisieren sowie die gespannte Atmosphäre im Gerichtssaal spürbar zu machen, Spannungen, die sich immer wieder in wüsten emotionalen Ausbrüchen der Beteiligten entladen. Wortgefechte donnern durch Justizias heilige Hallen, Appelle an die Vernunft treffen auf Demagogie, berechnende Prozesstaktik auf menschliche Ängste, Verzweiflung und Wut.
Dabei ist es nie Montaldos Ziel, Sacco und Vanzetti zu hochpolitischen und/oder radikalen Heldenfiguren oder Märtyrern hochzustilisieren, im Gegenteil: Er zeigt beide von Beginn an als in erster Linie einfache Arbeiter, die aus Angst z.B. bewusste Falschangaben bei Polizeiverhören machen, statt stets mit geballter Faust voran durchs Leben zu schreiten und sich als Führungskräfte einer Bewegung zu verstehen. Man lernt sie als von den versprochenen Möglichkeiten des „amerikanischen Traums“ enttäuschte, sich daraus resultierend mit anarchistischen Idealen solidarisch erklärt habende Männer kennen, denen unwohl dabei ist, wie der Gerichtssaal als politische Bühne gebraucht wird – auch von ihrem eigenen Anwalt Moore. Nach Abschluss des Prozesses erlebt man Sacco und Vanzetti weiter differenziert: Während Vanzetti seinen Kampfgeist bewahrt hat und verhältnismäßig gefasst wirkt, ergeht sich Sacco in introvertierter Lethargie, aus der ihn hin und wieder Tobsuchtanfälle reißen. Er wurde krank, zu einem gebrochenen Mann. In weiteren Schwarzweiß-Bildern, die den dokumentarischen Charakter unterstreichen, flocht Montaldo Bilder der Proteste gegen den Prozess ein, der abertausende Menschen auf die Straße trieb. Die Spannung – zumindest für diejenigen Zuschauer, die mit der kurzen Biographie Saccos und Vanzettis nicht vertraut sind – hält weiter an, als Vanzetti sein Gnadengesuch einreicht, während Sacco diesen Schritt ablehnt. Es kommt zu einem Treffen mit dem Gouverneur, in dessen Rahmen in wenigen gesprochenen Zeilen viel Bedeutung steckt, über die nachzudenken sich lohnt.
Die Schauspieler Riccardo Cucciolla („Nackt über Leichen“, „Wild Dogs“) als Sacco und Gian Maria Volonté („Von Angesicht zu Angesicht“, „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“) als Vanzetti sehen den echten Opfern nicht nur sehr ähnlich, sondern spielen ihre ambivalenten Rollen überzeugend und glaubwürdig, wobei Cucciolla verglichen mit Volonté sogar hervorsticht, was aber sicherlich an seiner emotionaleren Rolle liegt. Auch sämtliche anderen Schauspieler machen ihre Sache tadellos, niemand gefährdet den authentischen Charakter des Films durch unpassende, ungelenke oder narzisstische Ausfälle. Besonders eindrucksvoll spielt Cusack den knorrigen Staatsanwalt, der Verhöre, Polemik und Politik miteinander vermengt, als wäre es das Selbstverständlichste in einem Gerichtsgebäude und Unglaubliches von sich gibt. Ein Paradebeispiel für einen geistigen Brandstifter in Biedermannkluft. Veredelt wird „Sacco und Vanzetti“ von einem wie so oft wundervollen Soundtrack Ennio Morricones, dessen „Here’s to you“ Bedeutung in der zeitgenössischen Arbeiterbewegung erlangte und in verschiedenen Versionen und Sprachen bekannt ist, wunderschön gesungen von Joan Baez.
In der Nacht vom 22. auf den 23. August 1927 wurden Sacco und Vanzetti auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Montaldos Film wurde zu einem emotionalen, aber nicht bemüht melodramatischen Film, der sich dennoch nicht wütend oder trotzig hat ideologisieren und damit schlimmstenfalls in seiner potentiellen Wirkung einschränken lassen. In entscheidenden Momenten sowie wichtigen Details bleibt der Film sachlich, ohne dem spröden oder trockenen, fragwürdigen Charme paragraphenverliebter Justizpossen zu erliegen. Er hilft, das Andenken Saccos und Vanzettis in Ehren zu halten und schärft auf hochbrisante Weise das Bewusstsein für politische Missbrauchsmöglichkeiten der Justiz im Allgemeinen und der barbarischen Todesstrafe im Speziellen.
Sacco und Vanzetti wurden erst 1977 durch den damaligen Gouverneur von Massachusetts „rehabilitiert“. Ein weiterer beschämender Fleck auf der blutgetränkten Weste des vermeintlichen „Land of the free“.