Review

Nach seinem verzwickten, schwer verständlichen Intrigenspiel im Historienfilmgewand „The Draughtsman's Contract" (1982), inszenierte er mit „A Zed and Two Noughts" einen typischen Greenaway-Spielfilm, der sich einer eindeutigen Genreeinordnung im Gegensatz zum Vorgänger entzieht und am ehesten als Groteske zu fassen ist. Der Inhalt gibt sich sehr zitierwütig und scheint voller Bezüge zu stecken, im Gegensatz zu etlichen anderen modisch-postmodernen Zitatespielen lassen sich Greenaways Bezüge jedoch nicht bloß als mehr oder weniger platte Anspielungen, sondern viel eher als konsquente Weiterentwicklung seiner satirischen Kurz(experimental)filme lesen.

Brian und Eric Deacon spielen das im Zoo arbeitende Zwillingsbrüderpaar Oswald und Oliver Deuce, deren Ehefrauen im Auto von Alba Bewick (Andrea Ferreol - ihr Rollenname sollte aus naheliegenden Gründen einige Zeit auch Leda oder Zelda sein) ihr Leben lassen als ein Schwan vor das Auto gerät, während die Fahrerin bei dem Unfall ein Bein verliert. (In der Zeitung, welche die Meldung enthält ist auch ein Artikel über den Selbstmord eines Architekten zu finden - den Stoff wird Greenaway im darauffolgenden Spielfilm erzählen.) Beide Brüder werden mit dem Tod der jeweiligen Ehefrau nicht fertig und der eine wird den Film über in einer Reihe von Evolutionsfilmen auf Sinnsuche sein, während der andere mit seiner Kamera und Obst bzw. toten Lebewesen (vom Apfel bis zum Zebra, auch das Alphabet wird immer wieder herangezogen um Ordnung in den Film zu bringen) Verwesungstudien betreibt. Zudem suchen sie Zuflucht bei der Prostituierten Venus de Milo (!), die ihnen erotische Tiergeschichten (die Greenaway jahre zuvor bereits in Zeitungen veröffentlich hat) vorliest, sich nach dem Liebesakt mit einem stattlichen Zebra sehnt und vom bösen Zoowärten Van Hoyten (eine gängige Gestalt aus Greenaways Privatmythologie) einem besonders agressiven Tier zugespielt wird da er in ihr bloß ein enorm preiswertes Exemplar für des einen Bruders verwesungsstudien sieht. Auch Alba, die einbeinige Fahrerin, suchen die Brüder regelmäßig auf und versuchen mit den Fragen nach Windrichtung, genauer Uhrzeit und anderen Umständen dem Geschehen einen Sinn zu geben. Oliver etwa geht so weit dass er morgens die Scherben vom Unfallsort verspeist...
Alba selbst hat andere Sorgen, sieht sie sich doch nach dem Unfall nicht mehr in der Lage so viele Kinder zu bekommen um sie nach den Buchstaben des griechischen Alphabets benennen zu können. Zudem stört sie ihr nicht symmetrischer Unterkörper und so soll ihr der diabolische Arzt Van Meegeren (der ein Verwandter des Vermeer-Fälschers Van Meegeren sein soll und selber mit seiner Gattin Vermeer-Fälschungen per Fotoapperat erstellt - wobei eigentlich Greenaway selbst der Fälscher ist, da auch der Arzt beim Fälschen Teil der Vermeer-Kopien wird) das andere Bein ebenfalls abnehmen. Trotz aller Probleme bahnt sich zwischen den Brüdern und Alba eine Liebesbeziehung an und bald darauf bringt sie nach dem Beischlaf mit den Brüdern ein Zwillingspaar zur Welt. Als sie jedoch kränkelt und zu den Klängen von „An Elephant never forget..." im Sterben liegt erhalten die Brüder die Erlaubnis mit ihrer Leiche an ihrem Geburtsort L'Escargot (!) eine weitere Verwesungsstudie zu drehen... (An ihrem Sterben scheint Van Meegeren nicht unschuldig zu sein, denn als die sich von der Kleidung her mehr und mehr ähnlich gewordenen Zwillinge mit ihm trafen um über ein Zusammennähen ihrer Körper mit ihm zu sprechen - schließlich kamen sie als siamesische Zwillinge zur Welt - schlug er ihnen Komplikationen bei der OP an Alba vor um ihnen den Körper für die Studien teuer zu verkaufen) Jedoch erscheint der ebenfalls beinlose Lover - Felipe Arc'En Ciel (!) - der Toten auf der Bildfläche (sie sind sich vor kurzer Zeit im Zoo begegnet) und beansprucht ihre Leiche für sich. Zuletzt ziehen die Brüder gemeinsam in einem Anzug für siamesische Zwillinge steckend los um in L'Escargot in den Suizid zu gehen und ihre eigene Verwesung mit der Kamera festzuhalten... Im Schneckenübersäten Gebiet verursachen die schleimigen Tierchen jedoch einen Defekt der Kamera und ihr Tod erfüllt nichtmehr den Zweck...

Natürlich funktioniert der Film trotz der tragischen Geschichte nicht als Drama (das will er auch nicht), sondern als stellenweise schwarzhumorige, Tabus anrührende Groteske. Die eingearbeiteten Bezüge zum Alphabet, zur holländischen Malerei, zur griechischen Sagenwelt, zu Greenaway übrigem Schaffen und die (sinnlosen) Sinnfragen treiben hier nochmal Greenaways Vorliebe für Ordnungsprinzipien aus die Spitze. Als Liebhaber strukturalistischer Experimentalfilme schuf er mit „Vertical Features Remake" Hommage und Parodie zugleich und bereits sehr früh machte er sich in „Windows" (einer in jede Richtung durchtabellarisierten Aufzeichnung von Todesfällen durch Fensterstürze in einer Gemeinde innerhalb eines Jahres, die zwar alles penibel festhält aber in dieser Ordnung nichts aussagt) über den Zwang Ordnungen und Strukturen zu erstellen lustig. Zwar zieht sich diese Mischung aus Seitenhieb und Hommage durch Greenaways ganzes Werk, aber in „A Zed an Two Noughts" erreicht er den Höhepunkt dieser Taktik innerhalb seines Spielfilmwerkes: Der Film quillt über vor Zufällen und Willkür die immer in Beziehung zu etwa anderem stehen ohne dass damit jemanden geholfen wäre. Insofern ist - weil das Einordnen, Kategorisieren und Schubladisieren im Film auch immer wieder direkt angesprochen wird - Greenaways Meisterwerk im Gegensatz zu den Zitatespielchen eines Tarantino nicht nur nett und unterhaltsam, sondern auch eine Bebilderung einer bei Kant behandelten Problematik; von Fragen nach der Gültigekeit der Annahme von Kausalzusammenhängen in der Evolution etwa ist Greenaway mit diesem Film im Grunde nicht weit entfernt.

Auf formaler Ebene kann Greenaway auch überzeugen: sowohl die Kamerafahrten vom langjährigen Resnais/Greenaway-Kameramanns Sacha Vierny als auch Michael Nymans geniale Musik lassen dem Film hohen ästhetischen Wert zukommen, genauso Greenaways Inszenierung von anspielungsreichen Bildern.
Als formal wie inhaltlich herausragendes Werk kann der zudem noch äußerst unterhaltsame Film durchaus seine 10/10 bekommen.

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