Ein Film, ganz aus nostalgischen Gründen, für eine inzwischen in die Jahre gekommene Zielgruppe mit einem mühsam wieder zusammengesuchten Ensemblecast, geht das denn überhaupt noch heutzutage? Wo doch Teenager die ins Auge gefaßte Kinobesuchsgruppe sind und sich Erwachsene für die Freuden des Grossout-High-School-Humor kaum noch begeistern können?
Oh ja, es geht und es ist ausgerechnet die "American Pie"-Franchise, die nach einer erfolgreichen Trilogie, schwachsinnigen Direct-to-DVD-Veröffentlichungen und 9 Jahren Pause auf den Kinoleinwänden, die diesen Trend aufbricht.
Lange genug ist es ja her, daß Schultrottel Jim und seine sexverrückte Nerd-Braut Michelle den Bund fürs Leben schlossen - also ist nicht nur auf der Leinwand Zeit für das so oft propagierte 10jährige, es gilt auch für das Publikum. Hier hat man also den seltenen Fall, daß das Publikum mit den Darstellern mitgealtert ist oder ist es genau umgekehrt gewesen?
In Sachen Glaubwürdigkeit funktioniert dieser Dreh zumindest und allein die Leistung, wirklich sämtliche wichtigen Ensemblemitglieder noch einmal zusammenzuführen (und sei es in einigen Nebenrollen nur für ein Filmminütchen), muß schon honoriert werden.
Ein großer Erfolg an den amerikanischen Kassen blieb dem Film aber demzufolge versagt, maximal ein mittelmäßiges Einspiel war zu erwarten - im Rest der Welt hatte man Jim, Finch, Oz und Stifler jedoch nicht vergessen und so purzelte das Dreifache des US-Einspiels in die Kassen, wo immer eine andere Flagge wehte.
Und so selten man dies bei diesen spaßversessenen niveauarmen Komödien ja sagen kann - hier ist es ausnahmsweise mal verdient. Allerdings bedingt der Genuß von "American Reunion" zweierlei: man muß die ersten drei Filme kennen und sich zu Erfolgszeiten der Trilogie (1999-2003) im richtigen Alter befunden haben, um jetzt in die Kinos zu pilgern und dort dann alte Freunde zu treffen, die noch mal einen draufmachen wollen, obwohl die Midlife-Crisis praktisch vor der Tür steht. Aber warum nicht, wenn es im wirklichen Leben vielleicht ja so ähnlich ist.
Es geht also ums Bewährte und das bedeutet ein paar zärtliche Geschmacklosigkeit rund um Sex und Parties und das Nicht-Erwachsenwerden, wobei auch hier noch mal erwähnt werden sollte, daß die "Pie"-Filme immer die geschmackssichersten Beiträge des Subgenres Komödie waren, die zwar mal Sperma ins Bier rührten, Schauspieler anpinkelten oder Figuren dabei erwischten, wie sie einen warmen Apfelkuchen bumsten (was hier nostalgisch noch mal verbraten wird, diesmal als, genau: nostalgischer Jugendgag), aber sonst auch viel Charme und Herz zu bieten hatten.
Die Dreißiger sind hier fortgeschritten, die Ehe ist glücklich oder auch nicht, das Sexleben hat gelitten oder die Karriere stagniert, Zeit für eine kurzfristige Rückbesinnung und so treffen die fünf Freunde samt den dazugehörenden Frauen wieder mal aufeinander. Ein Wochenende Chaos, Party und die Auseinandersetzung mit der nächsten Generation, die genauso feierwütig, freizügig und rücksichtslos ist, so daß man sich schon anstrengen muß, um sich zu behaupten.
Also reiht sich auch hier wieder eine Episode an die Nächste, indem man vorsichtig ein paar Tabus biegt oder bricht (erstmals ist in der Serie hier tatsächlich mal ein Penis zu sehen) und die eigenen Probleme im Chaos mariniert, bis man schließlich etwas sentimental sich wieder versöhnt. Schön war die Zeit...
Das Beste an diesem wortwörtlichen Aufguß ist die Behutsamkeit mit der die "Harold und Kumar"-Regisseure Hurwitz und Schlossberg an diesen Nostalgietrip herangehen. Nicht krasser und schlimmer als der Rest, sondern versöhnlich und angemessen geht man vor, macht ein bißchen Bruch, aber bricht nicht mit dem Kopf durch die Wand. Die Charaktere und ihre Schwächen sind wichtiger als krasse Witze und sorgfältig wird jeder Figur der nötige Platz eingeräumt, wobei Jim und Stifler natürlich die ein wenig größeren Kuchenstücke abbekommen. Es lugen einige Brüste, es wird (undetailliert) in eine Bierkiste geschissen und ein paar SM-Albernheiten sind auch dabei, aber nie entblößt die Reihe sich oder ihre Wurzeln. Hier wurden die (geliebten) Vorlagen offenbar sorgfältig studiert, ohne sie altersmilde zu gestalten und alle Möglichkeiten, die die Reihe noch nicht ausgereizt hatte, aufgegriffen. So wurde die Figur von Jim's Vater (aka Jims Dad), dargestellt von Eugene Levy, großzügig ausgebaut und auch noch (darauf haben Fans sicher gewartet) mit Stiflers Mom gekreuzt; einige Figuren haben offenbar ihr Coming-Out erlebt und alles über den Haufen geworfen, was vorher etabliert war, hat man auch nicht, obwohl gegen Ende spürbar wird, wie dringlich man gewisse Nebenfiguren noch in den Film gequetscht wurden, um einen Höhepunkt zu bieten (etwa Shannon Elizabeth; Natasha Lyonne und Chris Owen).
Wenn man also zur mittelalten Zielgruppe gehört, hat man hier über 100 Minuten einen Heidenspaß beim Wiedererkennen, in sich Hineinkichern und wissendem Abklatschen. Die jüngeren Besucher werden den Film sicher als zu zahm empfinden (schließlich sehen sie praktisch ihren Eltern beim Tabubruch zu), wer eh nie etwas mit der Reihe anfangen konnte, darf vermutlich über die Vorgänge und Dutzende von In-Jokes die ganze Zeit nur rätseln. Aber die Fangeneration ist noch am Leben und offenbar treu genug, um sich genau die Tüte Nostalgie abzuholen, die auch für die Schauspieler mit ihrem Gagenscheck und der Wiedersehensfreude verbunden war.
Genau zur richtigen Zeit, eine Rarität in Hollywood, die man nicht leichtfertig duplizieren sollte. (8/10)