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„Auf dem Mars nichts Neues"

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Publikum." Mit dieser knappen Formel lässt sich das Grundproblem des kommerziellen Megaflops John Carter - Zwischen zwei Welten ganz gut umreißen. 250 Millionen Dollar investierte das erfolgsverwöhnte Disney Studio in die vor allem in den USA ebenso bekannten wie beliebten Mars-Abenteuer eines Bürgerkriegssoldaten. Ein Science-Fiction-Fantasy-Spektakel epischen Ausmaßes sollte es werden, schließlich haben die Star Wars-Prequels und unlängst Avatar die Massentauglichkeit dieser Mixtur eindrucksvoll bewiesen. Episch waren am Ende dann allerdings lediglich die monetären Verluste und eindrucksvoll nur die dilettantischen Fehlkalkulationen der Macher. Die Gründe für dieses Cleopatra-ähnliche Fiasko sind vielfältig.

Zunächst einmal klingt die Idee einer Leinwandadaption des „Barsoom-Zyklus" alias „John Carter from Mars" gar nicht mal so abwegig. So genießt die Figur insbesondere in den USA einen hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad, schließlich schuf Edgar Rice Burroughs mit dem Zeitreißenden Bürgerkriegssoldaten John Carter nach Tarzan eine zweite Pulp-Ikone der amerikanischen Popkultur. Frühere Vorhaben einer Verfilmung gab es durchaus, allerdings scheiterten diese sämtlich schon im Ansatz, da die tricktechnischen Voraussetzungen für eine werkgetreue Umsetzung einfach nicht gegeben waren. Das sieht inzwischen natürlich ganz anders aus. Das Zauberwort heißt CGI. Die lange Zeit als unverfilmbar angesehene Herr der Ringe-Trilogie kann hier  -  zusammen mit George Lucas Star Wars-Prequels - als durchbruchartiger Türöffner für das Fantasy-, aber auch das Superhelden-Genre angesehen werden. Spätestens jetzt war es für jeden deutlich sichtbar geworden, wozu moderne Computertechnik filmisch in der Lage ist. Exotische Phantasiewelten und Fabelwesen jedweder Größe, Gestalt und Körpersprache konnten absolut realistisch mit echten Landschaften und Darstellern verbunden werden.

Auch John Carter hat auf diesem Gebiet durchaus Beeindruckendes zu bieten. Ähnlich den Herr der Ringe-Filmen ist es die kongeniale Verknüpfung realer, panoramaartiger Landschaften mit computergenerierten Bauten und Lebewesen, die den Film zumindest zu einem visuellen Hochgenuss machen. Die kargen, bizarren Felslandschaften und -formationen diverser amerikanischer Nationalparks (v.a. Utah und Arizona) geben ein prächtiges Double für die Marsoberfläche ab. Bei der Kreation der Städte, Flugmaschinen und Kleidung, Ausrüstung etc. der beiden verfeindeten humanoiden Marsvölker haben die zuständigen Production Designer ihrer Kreativität im positiven Sinne freien Lauf gelassen und es trotz einer Fülle an Farben, Formen und architektonischer Gimmicks geschafft, nicht in die bei solchen Effektspektakeln prädestinierte  optische Überfrachtungsfalle zu tappen. Schließlich ist auch die Animation der übrigen Marsbewohner - allen voran den vierarmigen, Drei-Meter-großen „Tharks" - mehr als überzeugend und fügt sich nahtlos ins durch und durch stimmige visuelle Gesamtkonzept.

Das klingt insgesamt sehr vielversprechend, nur leider - und das ist das zentrale Problem des Films - haben wir das Alles schon mehrfach in durchaus ebenbürtiger Qualität und vor allem ganz ähnlicher Konzeption gesehen. So kennen wir die an Naturvölkern orientierte Lebensweise sowie die Verhaltensmuster der Tharks bestens aus Avatar, John Carters Kampf gegen weiße Riesenaffen ist eine kaum verhüllte Neuauflage der Arena-Szenen aus Star Wars - Episode II und diverse Hochgeschwindigkeits-Verfolgungsjagden im gleißenden Wüstensetting  lassen die Erinnerung an das Podrennen aus Star Wars - Episode I wieder sehr lebendig werden. Da nützt es wenig, dass sich die kreativen Köpfe um James Cameron und George Lucas eindeutig von Ideenreichtum und Vorstellungskraft Burroughs (vorsichtig ausgedrückt) haben inspirieren lassen.
„Wer zuerst kommt, beeindruckt zuerst!", um ein weiteres plattes, hier aber absolut zutreffendes Sprichwort in leicht abgewandelter Form zu bemühen. Das Original muss hier zwangsläufig als Kopie wirken, mit all den damit verbundenen negativen Auswirkungen hinsichtlich Publikumswirksamkeit und Innovationspotential.

Diese Hypothek wird auch durch die erzählte Geschichte nicht unbedingt kleiner. Ein Held wider Willen (Taylor Kitsch immerhin mit einer im Rahmen der engen Möglichkeiten beherzten Vorstellung) landet unvermittelt zwischen den Fronten eines unerbittlichen Krieges zweier mächtiger Nationen/Rassen/Völker/Parteien (hier nennen sie sich Heliumiten und Zodanganer). Die schwer wiegende Entscheidung wer denn nun die richtige Seite verkörpert (es sind die Heliumiten), wird ihm durch das Auftauchen der schönen Prinzessin Dejah Thoris (Lynn Collins) erleichtert, die es aus den Klauen der Bösen (also den Zodanganern) zu befreien gilt. Natürlich ist dabei auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe im Spiel, die schnurgerade auf ein diesbezügliches Happy End zusteuert. Unterstützung erhält unser Heroe schließlich von einer orstansässigen Alienrasse (den Tharks), die im finalen Schlagabtausch den entscheidenden Unterschied ausmacht. Das klingt nicht nur banal, sondern auch unglaublich vertraut? Genau, Luke Skywalker lässt kräftig grüßen, um  nur den bekanntesten Epigonen zu nennen.

Eine solche meterdicke und kilometerlange Redundanz-Betonwand hätte man (vielleicht) mit vielschichtigen Charakteren, geistreichen Dialogen und überraschenden Wendungen zum Einsturz bringen können, leider orientierten sich aber Regisseur Andrew Stanton und seine Drehbuchautoren allzu sklavisch an der trashigen Vorlage, die bei den genannten Bereichen vornehmlich durch Plattheit und Vorhersehbarkeit glänzt. Der naive Charme von Burroughs Mars-Abenteuern ist hauptsächlich ihrer Betagtheit (die erste Geschichte erschien 1912) geschuldet, für ein zeitgemäßes, mit allen Fantasy-Wassern gewaschenes Kinopublikum ist die bierernste eins-zu eins Übertragung entweder unfreiwillig komisch,  oder (noch wahrscheinlicher) ernüchternd dröge.
Dank der (berechtigt) schwachen Einspielergebnisse dürfte dies für lange Zeit John Carters letzter Ausflug auf die große Leinwand gewesen sein. Und da bleibt uns Einiges erspart, schließlich hat Burroughs nicht weniger als ein gutes Dutzend Geschichten mit und um den teleportierten Marshelden verfasst. In diesem Sinne: „Danke George Lucas!" Das muss trotz der aus Fantasy-Science-Fiction-Fan-Sicht eher enttäuschenden zweiten Star Wars-Trilogie auch mal gesagt werden dürfen.

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