Die Liste an tollen, mitunter epischen Geschichten, die dann an der Kinokasse floppen, weil sie schlecht für das Format adaptiert wurden, ich erinnere hier nur an Die Legende von Aang (2010), wird wieder ein bisschen länger. Die Saga um John Carter vom Mars, bekannt auch als Barsoom- oder Mars-Zyklus, stammt aus der Feder des Tarzan-Schöpfers Edgar Rice Burroughs und ist hierzulande eher weniger bekannt. In den USA erfreut sich die Serie aber großer Beliebtheit und so war es nur eine Frage der Zeit bis ein Studio wie Disney sich an eine Umsetzung für das Kino macht. Leider lässt sich nicht behaupten, die Verantwortlichen hätten sich beeilt, denn es bewahrheitet sich im Fall von John Carter wieder einmal: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Die überraschend komplexe und mitunter etwas wirr anmutende Handlung spielt zur Zeit des Wilden Westens und beginnt zunächst auf der Erde, wo unser Held John Carter (Taylor Kitsch) sich vor Apachen fliehend in einer mysteriösen Höhle verstecken muss und von dort aus auf wundersame Weise auf den Mars befördert wird. Kaum ist er dort angekommen, entdeckt John, dass er über außergewöhnliche Kräfte, insbesondere eine unglaublich hohe Sprungkraft verfügt. Was dann passiert ist im Grunde eine Anreihung von bekannten Elementen und Klischees aus Fantasy- und Science Fiction-Klassikern. So wird John von einem Stamm vermeintlich wilder Wüstenbewohner aufgenommen und mausert sich im Verlauf zu deren Anführer (vgl. Avatar). Dabei gerät er zwischen die Fronten eines lange schwelenden Konfliktes zwischen den verschiedenen Völkern und Rassen auf dem Mars (vgl. Flash Gordon) und muss letztlich den unheilvollen Komplott eines geheimnisvollen und im Besitz einer weltenzerstörenden Superwaffe befindlichen Priesterordens aufdecken (vgl. Stargate oder Das Fünfte Element). Und selbstverständlich gibt es auch eine gleichermaßen schöne wie energische Prinzessin (Lynn Collins), die, sich auf der Flucht vor politischen Feinden befindend, von unserem Helden wider Willen gerettet und zu guter Letzt geehelicht werden will (vgl. Star Wars oder auch Prince of Persia).
Weitere Ähnlichkeiten zu Star Wars finden sich in vielen Bezeichnungen, wie z.B. “Jed” für König oder “Padwar” für Schüler. Auch viele Designelemente wie Raumschiffe oder Monster kommen einem nach dem Anschauen von Avatar oder Der Herr der Ringe seltsam vertraut vor. Schnell wird dem Filmkenner klar, dass diese erstaunliche Ansammlung an Deja-vus kaum zufällig sein kann und es drängt sich die Frage auf: Wer hat hier von wem abgekupfert? Die Antwort auf diese Frage nach der Originalität, die gleichzeitig für das größte Problem von John Carter steht, gibt eine Dokumentation auf der Blu-ray mit dem Untertitel 100 Years in the Making. Ich denke, das kann man so unkommentiert stehenlassen.
Ein weiteres zentrales Problem ist der Umfang des Originalwerkes von Burroughs. Der John Carter-Gesamtepos umfasst insgesamt 15 Magazin- und 11 Buchveröffentlichungen. Dass ein Regisseur wie Andrew Stanton, der sich bis dato nur an Animationsfilme getraut hat (z.B. WALL-E), hier in Straucheln geraten kann, ist leicht nachvollziehbar. Jedoch, dass dabei aber ein Drehbuch entsteht, das so dermaßen frei von Ambitionen ist, konnte wohl niemand vorhersehen. Nicht nur, dass die Geschichte mit Rückblenden und Sprüngen in der Handlung unnötig kompliziert erzählt wird. Nein, auch die Dialoge sind uninspiriert und die Darsteller wirken über weite Strecken gelangweilt, was sie noch uncharismatischer macht, als sie es ohnehin schon sind. Zu diesen tiefgreifenden Problemen gesellen sich weitere Dummheiten wie die im wahrsten Sinne des Wortes lächerliche Supersprungkraft unseres Superhelden. John Carter hüpft über den Mars wie ein Gummibärchen mit Raketenrucksack. Hier wäre weniger einfach mehr, weil glaubhafter gewesen.
Ich weiß, das muss sich soweit alles ganz furchtbar anhören. Nichtsdestotrotz gibt es aber auch Positives zu berichten, denn jenseits von missglücktem Drehbuch und langweiligen Dialogen wartet John Carter mit wunderschönen, liebevoll gestalteten Marslandschaften, toll animierten Aliens und einem drolligen “Lurch-Hund” auf. Dass dieser kleine, computeranimierte Kerl in seiner Rolle als Sidekick den menschlichen Darstellern komplett die Show stiehlt und einem als Highlight in Erinnerung bleibt, spricht aber leider Bände über die Qualität der Umsetzung eines so visionären und epischen Werkes wie der John Carter vom Mars-Reihe. Wer sich für den Stoff interessiert, dem empfehle ich daher, sich den Gang in die Videothek zu sparen und sich Burroughs Werk ausschließlich in literarischer Form zu nähern.