"Weißt du, was ich an gewöhnlichen Kriminellen hasse? Sie sind alle so mittelmäßig."
Auf der Fahrt zu einem neuen Heim sind Betty (Laura Ramsey) und ihr Freund (Luke Evans) über Land unterwegs. Bei einer Rast begegnen sie einer Gruppe von Kleinkriminellen, deren letzter Einbruch in einem Disaster endete. Der ungehaltene Flynn (Derek Magyar) bedroht das Pärchen und bringt sie und ihr Fahrzeug folgend in seine Gewalt. Als er im Kofferraum des entwendeten Fahrzeugs die entführte Millionärstochter Emma (Adelaide Clemens) findet, denken die Kriminellen noch, einen guten Fang gemacht zu haben. Allerdings ist Betty's Freund ein nicht gänzlich unbeschriebenes Blatt, wie es den Schein hatte.
Der japanische Regisseur Ry?hei Kitamura sorgte 2008 mit der Verfilmung einer Kurzgeschichte von Clive Barker unter Horrorfans für Furore. "The Midnight Meat Train" war zwar kein Meilenstein im Genre, aber ein überaus harter Beitrag dazu. "No One Lives - Keiner überlebt!" ist nun das unabhängige Folgewerk, das ähnlich derb zur Sache geht. Eine offizielle deutsche Variante gibt es dadurch mal wieder nur in gekürzter Form.
Im Gegensatz zur Konkurrenz legt "No One Lives" mal keine kreischenden Teens oder Twens als Protagonisten fest. Die in üblicher Weise dezimierten Figuren sind diesmal gestandene Männer und Frauen, die selbst keine Scheu vor kriminellen Taten haben. Umso überraschender ist daher der Einstieg, wo zunächst eine falsche Fährte ausgelegt wird.
Im Anschluss daran geht es direkt mit vollem Tempo zur Sache. Das Setting, in einem Haus terrorisierter Charaktere, ist zwar nicht neu, der Horrorthriller nutzt es aber zu seinem Vorteil, auch wenn hierbei nicht alles logisch erscheint. Die flotte Inszenierung schafft es aber nur bis zur Hälfte des Films, denn ab da wechseln das Setting und die Machtverhältnisse rutschen in eine dauerhaftes Ungleichgewicht.
"No One Lives" ist ein Slasher, dessen etwas andere Versuchsanordnung nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass weder das Rad noch das Genre neu erfunden werden soll. Die Protagonisten sind allesamt Antipathen, denen nicht nur der namenlose Serienkiller, der sich recht bald ans Gemetzel macht, keine Träne nachweint. Weitaus interessanter ist hingegen dessen Beziehung zu Emma, deren genauere Natur sich erst nach und nach enthüllt.
Ansonsten zeigt der Film einen eiskalten Killer, der mit einer übermenschlichen Präzision und Unbeirrbarkeit vorgeht. Als unkaputtbar und wenig nachvollziehbar bleibt er fast gänzlich gesichtslos. Und häufiger erwischt man sich bei der Frage, wie er es immer wieder aufs Neue schafft, jeder Situation Herr zu werden und alle Interaktionen seiner Gegner vorausahnen zu können.
Politisch korrekt ist das alles natürlich nicht. Aber den geneigten Horrorfan dürfte das letztendlich kaum interessieren, denn dieser bereichert sich stattdessen an der selbstzweckhaften Gewalt.
Die überwiegend handgefertigten Effekte geben (vor allem in der ungekürzten Fassung) einiges her. Da werden Körper entweidet um daraufhin in selbige hineinschlüpfen zu können, um sie als Tarnkostüm zu nutzen. Eine Erntemaschine wird kurzum als Fleischwolf umfunktioniert und ein Automotor hinterlässt an dem Gesicht eines der Opfer nur noch eine blutige Fratze. Die bebilderten Ekeleffekte sind zwar alle durchaus ziemlich grotesk, verfehlen ihre widerwärtige Wirkung dennoch nur selten.
Zu diesen heftigen Gewaltspitzen gesellt sich eine dichte, tiefschwarze Atmosphäre. Auch wenn man die überzogene Gewalt als belustigend empfinden kann, bleibt "No One Lives", von einer albernen Ausnahme abgesehen, ernst.
Der charismatische Luke Evans ("Der Hobbit - Smaugs Einöde", "Kampf der Titanen") nimmt seine Rolle ernst und spielt sie völligst aus. Neben ihm performt auch Adelaide Clemens ("Silent Hill: Revelation 3D") überaus facettenreich. Der Rest der Darsteller ist klassisches Kanonenfutter.
Im direkten Vergleich mit "The Midnight Meat Train" zieht "No One Lives" definitiv den Kürzeren, denn wirklich innovative Unterhaltung für Erwachsene sucht man hier vergebens. Die erste Hälfte geht zwar ein paar andere Wege als gewohnt, spätestens ab dann setzt sich jedoch der obligatorische Weg des Genre durch. Die Handlung und die Charaktere gewinnen keine Sympathien und der Schnitt ist teils recht holprig geraten. Ein kleiner Teil der Darsteller ist dafür überaus überzeugend. Und der Kern des Films, die wirklich heftigen Gewaltspitzen, sehen positiv abscheulich aus. Zumindest eine Sichtung ist der Film wert.
6 / 10