„Verdammter verrückter Irrer!“
Im Jahre 2012 verfilmte US-Regisseur Nicholas McCarthy seinen vierten (mir unbekannten) Haunted-House-Horror-Kurzfilm „The Pact“ in einer 89-Minuten-Fassung neu und debütierte damit als Spielfilmlängenregisseur.
Nach dem Tod ihrer Mutter kümmert sich Nicole (Agnes Bruckner, „The Woods“) um das Nötige und bittet ihre Schwester Annie (Caity Lotz, „Girls United – Alles oder nichts“), die alles andere als ein gutes Verhältnis zu ihrer Erzeugerin hatte, wenigstens zur Beisetzung und Haushaltsauflösung zu erscheinen. Im Haus der Verstorbenen verschwindet Nicole jedoch plötzlich spurlos. Als Annie eintrifft, beginnt sie nach einiger Zeit, sich berechtigte Sorgen zu machen. Als auch noch ihre Cousine Liz (Kathleen Rose Perkins, „Ten Years Later“) plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist und Annie am eigenen Leib erfahren muss, dass offenbar unsichtbare Mächte im Haus ihr Unwesen treiben, wendet sie sich an die Polizei. Zumindest Detective Del Creek (Casper van Dien, „Mask Of The Ninja“) nimmt sie ernst und suggeriert seine Hilfe, doch letztlich ist es das Medium Stevie (Haley Hudson, „Killer Pad“), das entscheidende Hinweise gibt – diese führen Annie zu einem grausamen Familiengeheimnis...
McCarthy debütiert ausgerechnet mit einem Beitrag zum ausgelutschten Haunted-House-Subgenre, indem er seinen Kurzfilm auf Spielfilmlänge erweitert und eigentlich so etwas wie ein Crossover mit einem Kriminal-Thriller schafft. Dass muss natürlich nicht zum Scheitern verurteilt sein und kann mit einen guten Drehbuch und einem Regisseur mit dem entscheidenden Händchen fürs Atmosphärische zu einem gleichsam spannenden und gruseligen Filmvergnügen werden. Nachdem man sich für den Auftakt zu einer Großaufnahme eines Auges entschied, bedient McCarthy zunächst Genrestandards in Form nach gewisser Zeit auftretender seltsamer Phänomene, Poltergeist-Aktivitäten und ein paar Schockszenen, um den Zuschauer zu erschrecken. Das Ambiente jedoch ist karg, der Film prinzipiell sehr ruhig erzählt und da die anscheinend grundsätzlich barfuß und knapp bekleidet herumlaufende Annie die meiste Zeit auf sich allein gestellt ist, recht dialogarm.
Worauf die Handlung hinaus will, ist lange Zeit kaum vorhersehbar, dennoch bleibt die Dramaturgie überraschungsarm. Annie findet einen Raum hinter einer Zimmerwand bzw. „wurde zu ihm geführt“, doch um die Geschichte wirklich voranzutreiben, bedarf es des für Filme dieser Art beinahe obligatorischen Mediums, in diesem Falle Stevies, einer Freundin Nicoles. Diese spürt dann auch deren Anwesenheit, um kurz darauf wieder komplett aus dem Film zu verschwinden und den Eindruck einer irgendwie uninspiriert konstruierten Handlung zu hinterlassen, in der es ganz selbstverständlich scheint, ein „Medium“ abrufbereit zu haben...
Mir nichts, dir nichts greift Annie nach einer Gewaltspitze des Films, einem fiesen Kehlenschnitt, zum selbstgebastelten Ouija-Brett und kommuniziert mit den Toten, womit der Film endgültig schwer nachvollziehbar wird und plötzlich in einer Welt zu spielen scheint, in der für die Protagonistin Übersinnliches seit langem zum gewohnten Alltag gehört. Charakterentwicklung ist die Stärke des Drehbuchs nicht. Den entscheidenden Handlungsschlenker, der gewissermaßen Horror- und Thriller-Aspekte miteinander verknüpft, verrate ich hier natürlich nicht, so ganz ohne ist der aber nicht und führt u.a. zu einer superspannenden Suspense-Szene, dem Höhepunkt des Films. Quintessenz ist letzten Endes, dass Annie allein nicht viel ausrichten kann, jedoch Hilfe von Geisterhand bekommt und sich so des schrecklichen Familiengeheimnisses erwehren kann.
Das ist leider auch nicht wirklich befriedigend; die Hintergründe wenigstens etwas weiter aufzudröseln, versucht man gar nicht erst und so bleiben sowohl die Thriller- als auch die Horror-Aspekte halbgar, letztere vor allem aufgrund der Selbstverständlichkeit, mit der hier mit übernatürlichen Phänomenen hantiert wird. Diese nutzen übrigens gern auch Digitaltechnik wie Annies Smartphone und Digitalkamera, was ein wenig an japanische Horrorfilme erinnert. Unterm Strich verfügt „The Pact“ über einige interessante bis gute Ansätze und starke Einzelszenen, ist letztlich aber leider doch ein langatmiger, unausgegorener Grusler geworden, der mich nicht wirklich pac(k)t. Ein stärkeres Drehbuch, das den Leerlauf mit Inhalten füllt und das Gesamtbild plausibler erscheinen lässt, wäre hier vermutlich die Rettung gewesen, denn düstere Stimmung auch abseits altertümlicher Spukschlösser zu erzeugen, versteht McCarthy.
P.S.: Ein Hinweis auf die J&B-Buddel im Hintergrund während des Epilogs sei mir für Freunde des europäischen Genre-Kinos vergangener Jahrzehnte gestattet.