John Cassavetes ist ein Regisseur, dem es nicht darum geht, den kleinsten gemeinsamen Nenner beim Publikum zu finden. Seine Filme sind unbequem, nicht selten sperrig, aber zugleich auch oft hochgradig faszinierend und hervorragend gespielt. So auch "Die erste Vorstellung".
Zum Inhalt: Die Theaterdiva Myrtle Gordon (Gena Rowlands) gerät in eine tiefe Krise, als ein 17-jähriger weiblicher Fan, der offenbar eine große Bewunderung für die alternde Schauspielerin hegt, direkt nach einer Aufführung vor dem Theater von einem Auto überfahren wird und stirbt. Während der Regisseur (Ben Gazzara) glaubt, dass Myrtle schon wieder zur Besinnung kommen wird, verliert diese immer mehr den Halt. Bald schon beginnt sie das getötete Mädchen zu sehen- und muss sich somit auf schmerzhafte Weise mit ihrem eigenen Alterungsprozess auseinandersetzen, was leider auch noch Thema ihres neuen Stücks ist...
"Opening Night" (so der Originaltitel) ist mit Sicherheit kein einfacher Film. Wer nur anschmiegsame Mainstreamkost gewöhnt ist, dürfte hier schnell an seine Grenzen geraten. Zumal der Streifen nicht nur inhaltlich, sondern auch formal zu fordern vermag. Dem Zuschauer wird dabei abverlangt, dass er sich ganz und gar auf die Geschichte einlässt- und bereit ist, sich von Cassavetes in eine Welt entführen zu lassen, die so rauh und ungeschminkt ist wie die Wirklichkeit. Denn hier gibt es trotz Starbesetzung (außer Rowlands und Gazzara spielen auch die großartige Joan Blondell, der wunderbare Paul Stewart und Cassavetes himself mit) keinerlei Hollywoodglamour. Das macht schon der Einsteig klar, der so abgehackt wirkt, dass er auf Neulinge, die mit Cassavetes Arbeit nicht vertraut sind, wohl recht irritierend wirken mag. Doch daran muss man sich gewöhnen, da dies kein Einzelfall bleibt. Immer wieder finden sich Szenen, die genauso unvermittelt enden wie sie begonnen haben. Man kann sich daran stören (genauso wie an der häufig eingesetzten Handkamera und den immer wieder auftretenden Unschärfen)- allerdins nur, wenn man mit anspruchsvollen Filmen sowieso auf Kriegsfuß steht. Denn bei aller offensichtlichen Unzugänglichkeit der Geschichte und der handwerklichen Seite des Films, gelingt es Cassavetes eine Sogwirkung zu entfalten, der man sich nicht entziehen kann. Der Mann, dem die Schauspieler immer wichtiger waren als die technischen Belange seiner Filme, gibt sich hier gewissermaßen als Mitstreiter von Ingmar Bergman und vor allem Rainer Werner Fassbinder- und mehr noch als Wegbereiter für den knapp 20 Jahre später aufkommenden Dogma-Film. Das Höchstmaß an Realismus geht dabei sogar soweit, dass einem teils Angst und Bange wird, besonders in der Szene, wo Gena Rowlands so stark von ihren inneren Dämonen gequält wird, dass sie sich selbst verletzt. Und da sind wir auch schon bei dem Punkt angelangt, der "Opening Night" letztlich soviel Kraft gibt: die Hauptdarstellerin. Der Film gehört Gena Rowlands einfach. Wer ihn gesehen hat, wird sich keine andere Schauspielerin in der Rolle vorstellen können. Was Rowlands hier abliefert, ist eine absolut brillante Tour de force, die nicht nur sie, sondern auch den Zuschauer an die Grenzen der Belastbarkeit bringt. Dabei spielt es keine Rolle, ob man ihren Charakter nun mag oder nicht. Wie sie hier ihre innersten Gefühle nach außen kehrt, ist einfach nur atemberaubend und der Grund, warum sich trotz der beachtlichen Laufzeit und der vergleichsweise ruhigen Erzählweise zu keinem Zeitpunkt Langeweile breit macht. In Ben Gazzara und ihrem Ehemann John Cassavetes hat Gena Rowlands zwei ebenfalls grandiose Mitstreiter, doch nur sie allein macht die Tragik des Films greifbar und schafft es dem Zuschauer die Kehle zuzuschnüren(z.B. gegen Ende, wenn sie völlig betrunken und viel zu spät am Premierenabend in New York auftaucht). Bei aller Radikalität muss man Cassavetes anerkennen, dass sein Psychodrama zwar fordernd ist, aber nicht überfordert. Der Mann hat ein Gespür dafür wie weit er gehen kann, weshalb sein Film trotz Rowlands intensivem Seelenstrip nie in plumpen Voyeurismus abrutscht. Vielleicht mag dem ein oder anderen der Schluss, angesichts der vorangegangenen Ereignisse, nicht folgerichtig erscheinen, doch letzten Endes verwirklicht sich hier der Wunsch der Hauptfigur für ein wenig Hoffnung.
"Opening Night" mag vielleicht kein Meisterwerk sein. Dafür ist der Film einfach zu ungeschliffen und eigenwillig. Aber er entfaltet eine bedrückende Stimmung, der man sich nicht verschließen kann, getragen von Schauspielern, die so gut sind, dass man alsbald den Star hinter der Rolle völlig vergessen hat. Keine leichte Kost, die einem hier kredenzt wird, aber dafür sehr lohnenswert.
8/10 Punkten