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Cool Girl: feiert das dionysisch-apollinische Prinzip – und gibt Food for Thought!

COOL GIRL: die Chance, Dominique Swain beim Sex zusehen zu können, ohne sich zugleich der Kinderschändung zu verdächtigen. Swains Sexszenen in LOLITA, 1997, ein Jahr zuvor, bargen deutlich diesen Beigeschmack (danke, Adrian Lyne!). Aber in COOL GIRL war ihre - weit älter definierte - Figur Andrea Marr eine sexuell aktive, selbstbestimmte Person – und erzählte, deutlich abgeklärt, auch selbst die Geschichte. Ganz anders als in LOLITA, wo "Kinderschänder" Humbert Humbert Erzähler und Identifikationsfigur war.

In Wirklichkeit natürlich lag zwischen beiden Filmen nur ein Jahr, und Dominique Swain, geboren 1980, war als COOL GIRL nur ein Jahr älter, der Verdacht wäre also immer noch ebenso berechtigt – oder nicht, je nach sittlichem Empfinden.

Doch halt: Dass in COOL GIRL so viel Sex, wenn auch jugendfreier, vorkommen würde, war nicht zu erwarten. War also gar nicht der Anlass. Zumindest nicht für's erste Sehen... Für's nächste Sehen dagegen... naja, es gibt auch viel zum Nachdenken!

Denn mit unzutreffenden Erwartungen bezüglich Sex beginnt auch die Handlung: Andrea Marr, 18 Jahre, steht in Oma-Unterwäsche vor dem Spiegel: Im Off wundert sie sich, dass jemand sie vielleicht für "sexy" hält, obwohl sie sich immer noch "unverändert" fühlt (prompt erscheint die ca. 10-jährige Andrea im Spiegel). - Später in der High School: ihre beste Freundin Darcy beklagt, dass sie im hohen Alter von 17 und 18 noch Jungfrauen seien: "Der Durchschnitt liegt bei 16!" Sie planen, sich bis zum Ende der High School entjungfern zu lassen. Leicht wird’s nicht, suggeriert ihre Oma-Oberwäsche. Und der Schulabschluss steht schon vor der Tür.

Denn es ist die Zeit kurz vor Schulende. COOL GIRL beschwört die Magie der letzten Monate, als die Schule schon am Ende ist, die College-Bewerbung versandt, der Neuanfang aber noch im unbekannten Dunkel liegt. Diese letzten Monate erscheinen als leeres Zwischenreich, wie ein weißes Blatt Papier, in dem Andrea nun plötzlich ihre Optionen testen kann. Natürlich, genre-getreu, wird ihr Zimmer umdekoriert, Klamotten und Haare wandeln sich von Bild zu Bild. Doch immerhin kommentiert Andrea im Off. Spöttisch schildert sie ihre Selbstaufgabe, ihre Inkonsequenz, ihr albernes, unfaires, unachtsames Verhalten, ihre Lügen und Persönlichkeitssprünge – und stürzt sich doch voll hinein. Auch wenn sie früh das Imponiergehabe des Leadsängers durchschaut – dankt im nächsten Moment der "Göttin" für ihn ("Ich wollte ihr danken, für die Schlange, den Apfel und den freien Willen, die ganze Welt durcheinander zu bringen.")

Diese Person Andrea, im Zentrum von COOL GIRL, macht wohl seinen Reiz aus. Wer wäre nicht gern so wie sie? Rainer Maria Rilke schwärmte für diesen Typ: die "Schwabinger Gräfin" Franziska zu Reventlow, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Leben in der Münchner Bohème beschrieb: "Auf einmal in einem ganzen Wirbel drin von Aventüren. Ach, wie ist es gut, wenn einem der moralische Halt so gänzlich fehlt.";"Wenn mir ein Schmerz widerfahren ist, fasst mich immer ein doppeltes Verlangen nach Leben - nie eigentlich Resignation."; "Ich darf nur lieben, aber niemals jemandem gehören."; "Erst dann hört man auf, jung zu sein, wenn ein Verlangen nach dem andern Abschied nimmt oder totgemacht wird."

Wie sie lebt auch Andrea Marr das dionysisch-apollinische Prinzip aus. Erste Bedingung: haltlose, rauschhafte Hingabe (begeistert zur Schulpsychologin "Ich wurde total gefickt. Es war komisch: Mit Kevin hatte ich Sex, aber jetzt war ich gefickt worden. Es war anders: Wenn ich 'gefickt' wurde, konnte ich verstehen, dass ich eine Frau war. Sie waren Mann, Du bist Frau, und sie haben Dich 'gefickt'!"). Zweitens: Weder an das Morgen oder ihre Freunde denken ("Ich war so gemein. Ich kann nicht glauben, dass ich meine Freundin so behandelt habe! Ich fühlte mich schuldig! Ich fühlte mich schlecht! Ich fühlte, dass ich Todd suchen wollte!").

Und beide kommentieren das Ganze gnadenlos, hellsichtig-ironisch ("Kevin war soo verständnisvoll! Ich hasste das!" - "Wer hätte gedacht, dass gutes Aussehen, Intelligenz, Ehrgeiz und Aufrichtigkeit in einem einzigen Mann vereint sein könnten? Und dass mich das so überhaupt nicht anmachte?"). So geht Andrea fast unbeeindruckt durch das Auf und Ab. Auch wenn Tränen fließen, sie bejaht das Leben, ihr sonniges Gemüt triumphiert. Das zieht letztlich auch ihre Leute an, alt und jung, Eltern, Freunde, jüngere Groupies: Alle kreisen um sie.

Plötzlich, in diesem Limbus, verschieben sich ihre Beziehungen, die alte Freundin Darcy wird abserviert, übersehene oder von fern bewunderte Mitschülerinnen rücken an ihre Stelle, die ach so "unabhängige" Rebecca Fernhurst nimmt sie zu Konzerten mit, Mitschüler starten eine Band, durch die Andrea in die Rockszene gerät, sich zum Groupie entwickelt. Was ihr vorher peinlich war, jetzt genießt sie jede Minute, jede Demütigung – und auf der anderen Seite ihre erwachende Macht – und Weiblichkeit. Immer hat sie die ach so "coole" Cybil bewundert; am Ende stellt sich raus, dass, umgekehrt, Andrea Objekt von Cybils Bewunderung war. (Cybil: "You're my inspiration. Because you're everything I've ever wanted to be." Andrea: "Cybil, what do you mean? What am I? I'm nothing!" Cybil: "You're everything!") Den Höhepunkt von Andreas Aufstieg sehen wir auf der Open Air-Bühne, im Sonnenschein, vom Leadsänger geküsst.

Doch an ihrer "coolen" Freundin Cybil zeigt sich die dunkle Seite der Medaille. Cybil, die gegenteilige Frauenfigur, arm, kaputte Familie, schon am Anfang düster-brütend-abgebrüht, an ihr hängt der zweite Handlungsstrang: der Auf- und Abstieg ihrer Band. Viermal singt sie das selbe Lied, jedes Mal hat sich die Technik perfektioniert, doch das Leben entweicht. Für den Erfolg hat sich Cybil an die Plattenfirma verkauft und ihre Bandkollegen verraten. Deren naive Träume werden schnell ausrangiert. So wie Andrea ihren "Ersten", Kevin, abserviert: Beide tun, was ihnen richtig erscheint, und verlieren dabei die Weggefährten der ersten Schritte. Traurig. Am Schluß ist Cybil erfolgreich und verzweifelt. Sie ergriff den Strohhalm, der ihr notwendig schien, im Selbstvermarktungs-Universum der "Rockmusik".

Ihr Spiegelbild Andrea ist besser dran: von Anfang an war sie vom Glück und liebenden, wohlhabenden Eltern geküsst. Mit diesem Polster im Rücken, schafft sie am Ende den Abschied von der Kindheit, aber auch vom Trip in die Parallelwelt der Rockszene: Sie serviert den Leadsänger ab, durch dessen Anbetung sie sich eben noch definiert hat. Dieser Super-Macho bleibt zurück, seine Macht ist verpufft, er bleibt stehen, aber Andrea fühlt sich endlich frei, auf der Solo-Autofahrt zur "Brown-Universität" (auch Universitäten betreiben Product Placement, z.B. in COOL GIRL).

Magersucht und Selbstmord im Freundeskreis kann Leute verzweifeln lassen; Sex im Dixi-Klo, in Heustall und Probenraum neben drängelnden Bandmitgliedern, mit anschließendem Verlassenwerden: so kann sich ein Groupie schnell ausgebeutet und gedemütigt fühlen. Doch das COOL GIRL Andrea bleibt davon unverletzt. Da ist mal der deutsche Titel "COOL" Girl passender als das Original, das nur "GIRL" heißt.

Vielleicht ist Andrea Marr damit das Postergirl, die Prototypin eines (post-)modernen Individuums, dem wir gern nacheifern wollen – und sollen, nach dem Willen eines neoliberalen Wirtschaftssystem. Ihr fällt alles in den Schoß: Intelligenz, Begabung, positive Ausstrahlung, Bestnoten, Freunde, gutbetuchte Eltern, die sie lieben und in Frieden lassen, die Fähigkeit zu Bindungen und diese hinter sich zu lassen. Und sie hat die richtige Einstellung: Sie ist das mobile, anpassungsfähige Individuum, das durch Glück, Wahnsinn, Tiefen, Trauer und Verlust gehen kann, ohne sich beeindrucken zu lassen. Sie stammt aus dem richtigen Milieu, sie bringt alle Anlagen mit, für die Kapitalismus-Vorzeigefrau fehlt ihr nur noch die richtige konkrete Schulung: Und sie ist auf dem Weg an "Die Brown". Die Frage bleibt offen, was Andrea Marr an der Elite-Uni lernen wird.

(Wo übrigens auch Emma Watson [Hermione in "Harry Potter"] 2014 ihren Abschluss machte – in englischer Literatur.) (Was beides hier keinen interessieren wird.) (Und Dominique Swain drehte währenddessen, 2012, endlich richtig gealtert, den Asylum-Mockbuster "Nazi Sky – Die Rückkehr des Bösen" ["über weite Strecken …fassungsloses Kopfschütteln". StS.] Oje.)

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