Review


Die meisten Einträge in der Vita von Jungregisseur Steven C. Miller sind qualitativ bestenfalls als durchwachsen zu betiteln. Das in 9 Tagen abgedrehte Spielfilmdebüt Run for Blood (2005) war unter dem Deckmantel des Amateurfilms als C-Splatter gerade noch konsumierbar, während die beiden Horrorfilme Silent Night und Under the Bed (beide 2012) als beste Beispiele für belangloseste Low Budget Fließbandproduktionen herhalten können. Den absoluten Tiefpunkt erreichte Miller jedoch im Jahr 2018, als er Escape Plan 2 drehen durfte, was laut Stallone der schlimmste Streifen in seiner eigenen, knapp 50 jährigen Filmkarriere bedeutete. Eine überraschend wohlige Ausnahme stellt hingegen der mir vorliegende Home-Invasion Thriller Aggression Scale (2012) dar, welcher mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus Rambo, Kevin allein zu Haus und MacGyver frische Akzente in einem partiell etwas ausgelutscht wirkenden Genre setzen kann.

Klar ist, dass es sich auch bei Aggression Scale um ein reinrassiges B-Movie handelt, doch dank den professionell agierenden Schauspielern und der feinen Inszenierung von Steven C. Miller darf sich das Publikum über ein insgesamt stimmiges Gesamtkonstrukt erfreuen. Die Geschichte ist eigentlich recht einfach und simpel, erhält aber alleine durch die Tatsache, dass hier ein Kind zum Einzelkämpfer mutiert, seinen eigenwilligen,exotischen Reiz. Familienvater Bill  Rutledge (Boyd Kestner)  konnte der Versuchung nicht widerstehen, bei Gelegenheit 500.000 Dollar vom Drogenboss Bellavance (Ray Wise) zu entwenden und mit dem Geld eine riesige Villa für seine "Patchwork" Familie zu kaufen. Gemeinsam mit seinem kleinen Sohn Owen (Ryan Hartwig), seiner Lebenspartnerin Maggie (Lisa Rotondi) und deren pubertierenden Tochter Lauren (Fabianne Therese) freut er sich auf eine idyllische Zukunft in dem abgelegenen Landhaus. Der Schwindel fliegt auf und Bellavance gibt seinen Handlangern, welche vom gewissenlosen Gangster Lloyd (Dana Ashbrook) angeführt werden, 48 Stunden Zeit, seine Moneten wieder zu beschaffen. Eines schönen Tages klingelt es an Bills Tür und die Verbrecher machen kurzen Prozess mit dem diebischen Paar. Das gestohlene Geld scheint zum Greifen nahe, doch sie haben nicht im entferntesten Sinne mit der Gegenwehr des jungen Owen gerechnet...

Die Mühe, so etwas wie eine Einleitung zu liefern, macht sich Aggression Scale gar nicht, in blutigster Manier wird dem Zuschauer während den knapp 80 kurzweiligen Minuten demonstriert, dass die bösen Buben absolut keinen Spaß verstehen, wie beispielsweise bei der gorehaltigen Schrotflintenhinrichtung eines weiteren möglichen Langfingers in der Anfangssequenz. Nach der mindestens genauso gnadenlosen wie konsequenten Liquidierung von Bill und seiner Frau greift Miller zu einem einfachen, aber dafür um so wirkungsvolleren Schachzug: Er lässt die kindliche Figur eines potenziellen Opfers als emotionslosen Täter agieren und die Eindringlinge werden im Endeffekt zum Abschuss freigegeben, sie wissen es bloß noch nicht. Ungeahndet des auf mich etwas zäh wirkenden Mittelteils sind die Verfolgungsjagden temporeich und nervenaufreibend mit rasanten Kamerafahrten und einem erschütternden Psycho-Score realisiert, während Owen den sich ab diesem Zeitpunkt teilweise recht dämlich verhaltenden Verbrechern mit Messern, Schusswaffen sowie phantasievollen Fallenkonstrukten und einer beängstigenden Kaltschnäuzigkeit die Stirn bietet, ergo Macaulay Culkin meets Sylvester Stallone für Erwachsene.

Dass so eine Herangehensweise zu Unglaubwürdigkeiten und zu Unzulänglichkeiten bei der Einhaltung von logischen Strukturen führen kann, versteht sich eigentlich von selbst und Aggression Scale macht aus diesem Faktum auch kein Geheimnis. Exemplarisch genannt lässt die ominöse Selbstverarztungssequenz, die plötzliche Tatortreinigung nach vorherigem Geldregen oder auch die wie aus Geisterhand geschehene perfekte Fallenpräparierung trotz spontan entstandener Situation die Schlussfolgerung zu, die Naturgesetze seien  bewusst ignoriert worden, um die ausgezeichneten Einzelkämpferqualitäten von Owen nochmals gesondert hervor zu heben. Selbstverständlich ist der Umgang mit dem Stilmittel der Übertreibung höchst subjektiv, ich für meine Begriffe hätte mir hier ein bisschen mehr Bodenständigkeit gewünscht, um dem Film einen noch ernsteren Grundtenor zu spendieren. 

Ein kostengünstiger Film kann auch ausgezeichnete Darsteller verinnerlichen, wie Aggression Scale treffend unter Beweis stellt. Rollenbedingt bekommen Boyd Kestner (Bill) und  Lisa Rotondi (Maggie) verhältnismäßig wenig Screentime, da sie ja relativ früh das Zeitliche segnen dürfen, dass hindert sie aber nicht, positiv durch emotionales und mimikreiches Schauspiel aufzufallen. Mit Dana Ashbrook (Lloyd) konnten die Verantwortlichen einen herrlich egozentrischen und charismatischen Bösewicht arrangieren, der auch auf Grund seiner ausstrahlenden Gewissenslosigkeit dem unterhaltsamen Thrillermix eine zusätzliche Würze verleiht. Den schauspielerischen Glanzpunkt schlechthin setzt jedoch Ryan Hartwig mit seinem Auftritt als jugendliche Kampfmaschine, ohne ein Wort zu verlieren vermittelt er mit entschlossener Gestik dem Zuschauer seine eiskalte Gedankenwelt. Als etwas nervig empfand ich hingegen die Darbietung von Fabianne Therese als Owens Schwester Lauren, trotz ansprechender Optik hat sie außer lauthalsigem Geschrei nicht wirklich viel zum Gelingen des Films beizutragen.

Aggression Scale feierte am 28. August 2012 auf dem Fantasy Filmfest in Berlin seine Deutschlandpremiere und wurde auf Kritiker- und Fanseite gesamtheitlich mit offenen Armen empfangen. Wer bei den streckenweise hanebüchenen Inhalten beide Augen kräftig zudrückt, wird mit etwas ungewöhnlicher, größtenteils spannender und blutiger Thriller Unterhaltung belohnt, was mich auch wegen des meines Erachtens nach nicht gerade klangvollen Namen von Steven C. Miller mehr als positiv überrascht hat. Selbst ein blindes Huhn findet bekanntlich mal ein Korn. Letzten Endes will Aggression Scale doch nur eins: Spaß machen und das tut er! MovieStar Wertung gute 7 von 10 Punkte.

Details
Ähnliche Filme