Review

Da legt man sich so einen unscheinbaren Film namens "The Tall Man" (was ja ins Deutsche als "großer Mann" interpretiert werden könnte) in den Home-Entertainment-Player hinein und erwartet, dass ein bösartiger Irrer, oder ein Michael Myers-Verschnitt oder vielleicht doch eine Dämonengestalt die Kinder verschleppt - und dann kommt dennoch alles ganz anders als man denkt. Ja, "The Tall Man" kann man durchaus als Brainfuck-Film bezeichnen, der die Hirnzellen ordentlich durchbrezelt.

Das abgelegene  und verarmte Provinzdörfchen Cold Creek ist schon sechs Jahren tot. Zuerst dachten die Einwohner, dass die Schließung der Miene für die Verarmung verantwortlich war, jedoch ist etwas Unheilvolles in die Stadt gekommen, das die Kinder der verarmten Familien nach und nach verschleppte. Die Bewohner vermuteten, es sei eine Kreatur der Dunkelheit und nannten das Wesen den "Tall Man". Krankenschwester Julia (Jessica Biel) führt so gut es geht mit ihrem kleinen Sohn David (Jakob Davis) ein ruhiges und bescheidenes  Leben. Doch als eines Nachts auch David verschwindet, nimmt Julia die Verfolgung auf und entdeckt die grausame Wahrheit, die hinter dem Tall Man dahintersteckt...


Regisseur Pascal Laugier hat sich 2008 mit dem harten Sicko-Streifen "Martyrs" eine Medaille auf dem "Walk of Pain" verdient und versucht, mit dem in erster Linie bieder wirkenden Thriller, ein weiteres goldenes Werk nachzulegen. So beginnt "The Tall Man" zunächst mit einer Rückblende, in der Lt. Dodd (Stephen McHattie) vor einem Eingang der Höhle seinen Männern befiehlt, diesen Durchgang dicht zu machen. Danach begibt er sich ins Krankenhaus und fragt Julia (die in diesem Moment aussieht wie die ganzen Klitschko-Gegner in der 5. Runde), wie es ihr geht, um ihr danach mitzuteilen, dass man weder David noch die anderen Kinder gefunden hat.
*Boing*, *Zack*, die Fronten sind (scheinbar...) geklärt. Der Film setzt nach dem Intro ca. 36 Stunden vor diesem Ereignis wieder ein.

Und genau hier liegt die eigentliche Stärke des Films. Ich hasse  Intros, die schon die Zukunft des Storyverlaufs prophezeien (obwohl natürlich jeder weiß, dass es immer etwas anders verläuft, wie man selber spekuliert). Aber das der Twist dann so ein großes Erdbeben verursacht - ich gebe ehrlich zu: Nicht mal annährend wäre ich  in die Richtung dieser Auflösung gekommen.

Mit einer guten Kameraführung vergnügen wir uns also mit der Vorgeschichte zu diesem ehemaligen Bergwerkdorf. Der kalte und düstere  Mysterythriller mit all seinen depremierenden Randcharakteren kommt zunächst langsam und unspektakulär rüber. Hier und da wird mal der Tall Man gesichtet, bis die erste rasante Verfolgungstour auf einer Landstraße stattfindet, die es in sich hat. Dies soll auch action- bzw. spannungsmäßig der Höhepunkt bleiben, denn was danach folgt, ist genau die Hirnbombe, die der "Martyrs"-Regisseur geplant hat und den Zuschauer mit seiner ganzen Geschichte komplett in die Irre treiben bzw. zum Nachdenken anregen will.
Die erste überraschende Wendung erinnert mich irgendwie an den bizarren Tanz aus dem noch übleren "Calvaire - Tortur des Wahnsinns" und macht mich dementsprechend völlig baff. Mit dieser Wendung geht es jedoch gemächlich im Opa-spaziert-durch-den-Wald-Tempo weiter und auch im weiteren Verlauf wird nicht auf´s Gaspedal getreten, sondern der Film überrascht immer wieder mit weiteren, jedoch kleineren Wendungen.

Ohne großartig zu spoilern, da die Leute, die meinen Text jetzt lesen und den Film noch nicht gesehen haben, eh nur Bahnhof verstehen werden, muss man sich mit der Frage nach dem Guten und dem Bösen auseinandersetzen. Beziehungsweise sich den  Fragen stellen: Wie gut gemeint ist das Gute - und, ist das Böse wirklich so schlecht?

Das Problem, dass ich auf viele Zuschauer zukommen sehe, sind in erster Linie die Erwartungshaltungen und natürlich auch die Schlenker, die den Film in eine andere Richtung drücken. Ich muss zugeben, dass ich auch meine Probleme damit hatte, diesem groben "Unfug" überhaupt was positives abzugewinnen. Aber - und vielleicht geht es nicht nur mir so: Wenn die Zeit nach dem Abspann vergeht (vielleicht auch eine Nacht drüber schlafen), kann man einige Stunden damit verbringen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Bei mir war es eher unfreiwillig, aber genau dieser Punkt hievt den Film bei meiner Bewertung in absolut hohe Sphären. Wenn ein Streifen mich nicht mehr so schnell los lässt und meine letzten noch nicht weggesoffenen Hirnzellen stimuliert, hat er in meinen Augen sein Ziel erreicht - auch wenn einige Schwächen vorhanden sind. 


"The Tall Man" ist verschachtelt, punktet mit Wendungen und ist vorallem eins: Sehr tiefgründig, abartig und auf eine gewisse Weise auch traurig. Der Film wird nicht jedermanns Geschmack treffen (Das tat "Martyrs" ja auch nicht), aber wer einen Film sucht, der definitiv nichts für zwischendurch ist und unbedingt zum Mitdenken anregt, könnte bei "Tall Man" richtig sein.

8/10

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