Was erlauben Laugier?!
Also im Ernst, wie kann er es nur wagen: Da liefert uns der Franzose den philosophischen Folterhorror „Martyrs“ und legt damit gleich mal die Messlatte in Sachen Gewalt und Intelligenz des Genres ein klein wenig höher, und dann wirft er einen gänzlich unblutigen Dramathriller hinterher. Da ist nur logische Konsequenz, dass er sich den Zorn der Kritiker zuzieht.
Mir ist ja bewusst, dass Horrofilmfans genauso borniert und festgefahren sind, wie das Genre selbst, dass sich ja seit Jahrzehnten immer
nur um sich selbst dreht und nur in Ausnahmefällen zu wirklicher Innovation greift. Anders ließen sich die Einspielergebnisse von „Paranormal Activity“ über „Resident Evil“ bis „Texas Chainsaw 3D“ auch nicht erklären. Aber nur, weil ein
Regisseur es wagt, das Genre für seine Zwecke umzufunktionieren und die
Erwartungshaltung zu unterlaufen, ist doch kein Grund die festgefahrenen
Prinzipien beizubehalten und den Versuch durch miese Kritiken abzustrafen. Oder ist der Horrorfreund automatisch Pawlowscher Hund?
Ähnlich Sam Raimis "The Gift" ist „Tall Man“ nämlich weniger Horror denn Milieustudie, die zudem eine unangenehme sozialdarwinistische Idee durchexerziert. Im Gegensatz zu den Sarrazins dieser Welt, wird diese jedoch nicht als ultimative Lösung angeboten, sondern noch in den letzten Sekunden des Films in Frage gestellt. Die Frage, ob sozialer Wohlstand die Liebe überwiegt bleibt im Dunkeln.
Bis es soweit ist, hat sich der Zuschauer durch ein Wechselbad der Genres und auch der Emotionen gekämpft. Denn wie man zu der, von Jessica Biehl sehr ordentlich verkörperten Protagonistin und ihrem Handeln steht, nun das ist gar nicht so leicht. Denn selbst in den Momenten, die es einem wirklich schwer machen, behält sich der Film selbst, seinen klaren Fokus und auch die Sympathie für Frau Biehl bei.
Doch gerade in diesem Punkt sind sich „Martyrs“ und „Tall Man“ sehr ähnlich, und bis auf die teilweise eher an ein Fernsehdrama erinnernde Inszenierung, lassen sich zahlreiche Prallelen finden. Auch hier sind es wieder Frauen, die im Mittelpunkt stehen. Auch hier hat ein Keller etwas Bedrohliches zu verbergen. Und auch hier ist man sich nie sicher, was Realität ist und was eventuell nur im Kopf der Hauptperson stattfindet.
Ein wenig stellt sich Laugier selbst damit ein Bein, denn als Kenner seiner Schlachtplatte ahnt man schon zu Beginn, dass mehr hinter all dem steckt. So kam der erste (von zahlreichen) Twist exakt so, wie erwartet.
Dennoch dauerte es lange bis ich den finalen Braten riechen konnte. Und ebenso wie bei „Martyrs“ hält auch hier dieser letzte Kniff lange vor, und lässt einen auch nach dem Abspann noch über das Gesehene nachdenken.
Der Regisseur wollte sich anscheinend nicht auf ein Genre festlegen lassen, rutscht allerdings ohne es zu Wollen dennoch genau in die selbe Schiene – mit einem signifikanten Unterschied. Da hier die großen Schauwerte abseits der Story fehlen, ist nach dem ersten Mal schauen auch die Luft raus.
Klar, man könnte sich, um Logikfehler (und die gibt es – aber auch hier weicht man nicht vom bekannten Schema ab) aufzudecken, aber ansonsten fällt „Tall Man“ (der Übrigens von Jessica Biehl mitproduziert wurde) in die Kategorie „Einmal gesehen und tschüss“. Das ist ein wenig schade, aber im Gegensatz zu den meisten Filmen, die sich voll und ganz auf ihren finalen Twist verlassen, funktioniert dieser hier wenigstens.
Ich finde es jedenfalls löblich, dass sich Laugier bei seinem US-Einstand nicht verbiegen hat lassen. Sieht man sich die Kollegen an, die in Übersee unbedingt den Gesetzen des Hollywoodmarktes entsprechen wollten und seitdem nur noch massenkompatiblen Mist produzieren, kann man froh sein, dass dieses kleine aber dennoch sehr feine und vor allem polarisierende Werk entstanden ist. Ich bin jedenfalls gespannt auf den nächsten Film des
Franzose, auch wenn es wieder eher Chabrol denn Ajas wird.