The Tall Man
[kurze Anmerkung: wer den Film nicht kennt sollte bitte vermeiden, zuviele Reviews dazu zu lesen. Meine Review hier ist offen genug geschrieben keinen Plottwist zu spoilern und geht auch nicht über die genauen Ereignisse nach der 20. Filmminute hinaus. Wer jedoch gar nichts wissen möchte, kann zum letzten Absatz springen - dort findet ihr die Zusammenfassung]
"Martyrs". Dieser Titel schießt einem sofort ins Gedächtnis, wenn man an überragende Horrorfilme der letzten 10 Jahre, wen nicht sogar aller Zeiten denkt. Der Film hat mich sogar derartig beeindruckt, dass ich jedesmal, wenn ich mit zwei Bekannten rede, die Pascal heißen, an den Film denken muss, da der Regisseur Pascal Laugier heißt. Irgendwie völlig bescheuert, aber bezeichnend für ein Monster von Film, wie es "Martyrs" ist, war und immer sein wird. Laugier hat sich in den Jahren darauf etwas rar gemacht und pünktlich zu einer Zeit, in der im Netz die urbane Legende rund um den Slenderman aufgetaucht ist und viele Unwissende durchaus schockiert hat, hört man plötzlich von einem neuen Filmprojekt von ihm: "The Tall Man". Wie auch schon im Slendermythos verschleppt diese schwarze Gestalt Kinder, die danach nie wieder aufgefunden werden...
Wie es nunmal nach bemerkenswerten Frühwerken so ist, sieht sich ein solcher Regisseur ungeheuren Erwartungen konfrontiert. Egal was er macht - sein "Debütfilm" (entgegen aller Gerüchte war "Martyrs" aber nicht Pascal Laugier's erster Streifen) wird wie ein Damoklesschwert über seiner weiteren Arbeit hängen. Entfernt er sich zu sehr davon, schreien die einen "wieso hast du nicht einfach den selben Film bloß anders gedreht!" und würde er diesem Rat folgen, dann käme das Argument "bäh, genau das selbe" zum Vorschein. So oder so - ich war mir sicher, dass der Film polarisieren wird. Tat er aber nicht. Der Trailer tauchte eines Tages auf, negative Stimmen von den Filmfestivals wurden laut und mit einer FSK 16 Freigabe findet der Streifen eines als revolutionär eingeschätzten Regisseurs schließlich seine Wege in die Händlerregale und wird letztendlich für viele lange Gesichter sorgen.
Dem stimmungsvollen Trailer entsprechend, beginnt "The Tall Man" genauso, wie man es erwartet hat: Jessica Biel ist Ärztin in einem Dorf namens Cold Rock, wo seit einiger Zeit Kinder vermisst werden. Das Verschwinden geht einher mit Sichtungen einer mysteriösen, schemenhaften Gestalt am Rande des Waldes, die schon bald als "Der große Mann" bekannt werden wird. Wie man es vermutet, wird auch bald Jessica Biel Bekanntschaft mit dem Wesen machen, doch wie man es erwarten konnte, macht es Pascal Laugier einem nicht so einfach, den Abend bei einem schönen Mystery Thriller zu genießen.
Die Stimmung in den ersten 20 Minuten ist fantastisch. Alleine die Szene kurz vor dem Vorspann drückt einem schon das nackte Grauen ins Gesicht und man merkt, dass Laugier ein wahnsinnig guter und talentierter Regisseur ist. Entgegen aller Haterkommentare, macht Biel hier auch eine wirklich gute Figur, obgleich ich sie normalerweise irgendwie ätzend finde. Durch kleine Beschreibungen und Sichtungen wird das Mysterium rund um den Tall Man extrem gut aufgebaut und man freut sich richtig auf die kommenden 100 Minuten Laufzeit.
Nachdem aber der große Mann schon ungefähr bei Minute 20 Jessica Biel's Kind eingetütet hat und die Kamera, in einer an die LKW Szene aus "High Tension" erinnernden Einstellung, ihn schon direkt gefilmt hat, ist eben diese Mysterium so schnell verflogen, wie es aufgebaut wurde. Er ist nicht der Mothman aus den "Mothman Prophecies" den man nie zu Gesicht bekommt - er ist präsent. Und zwar auf eine Art, wie man ihn leider nicht mehr als gruselig empfindet. Im Übrigen hat das deutsche Coverartwork, sowie sämtliche Promoposter schon dafür gesorgt, dass man sein Kopfkino ausgeschaltet lassen darf.
Außerdem wissen wir, dass Laugier unmöglich mit einer enthüllten Kreatur 80 weitere Minuten Film füllen kann, weswegen er das macht, was "Martyrs" schon damals von 99% aller Horrorfilme abhob: er schlägt Haken wie Meister Lampe und rotiert die ganze Story um 180 Grad ... mehrfach. Im Unterschied zu seinem Vorgängerfilm, gelingt ihm das aber hier nicht ganz so sauber. Wo "Martyrs" die Plottwists eher aus der Tatsache nahm, dass sowohl den Protagonisten, als auch uns als Zuschauer das wahre Ausmaß der Geschehnisse nicht klar war, betritt "The Tall Man" wesentlich unschönere Gefilde: er lügt. Plötzlich tun sich riesige Plotholes auf, indem vorher gezeigte Szenen unmöglich mehr Sinn ergeben oder man feststellt, dass Gegebenheiten nicht ganz fertig präsentiert wurden. Somit nimmt der Film die billigste Ausfahrt um den Zuschaer zu überraschen, indem man ihm praktisch sagt: "Du, wir haben dir im Vorfeld nicht die ganze Wahrheit gezeigt - jetzt siehst du sie aber!" Und das ist leider billig. Denn somit bekam man etwas präsentiert, was so nicht der Realität entsprach und mit entsprechendem Hintergrundwissen auch überahupt keinen Sinn mehr ergibt.
Schlimm ist das jedoch noch lange nicht. Unsaubere Übergänge gibt es in Filmen relativ oft zu sehen und solange der restliche Filmverlauf entschädigen kann, ist normalerweise alles wieder in Butter. Doch auch versagt "The Tall Man" nahezu gänzlich. Denn für die nächste Stunde hat er einfach nichts mehr Interessantes zu sagen. Klar, er versucht noch kleinere Spannungshöhepunkte zu setzen, aber alleine durch den Wegfall des Tall Man, dessen Identität inzwischen geklärt ist, fehlt ihm einfach der Aufreißer bzw. der Grund, weswegen du, ich und alle anderen sich diesen Film gekauft haben. Das wäre, wie wenn man nach 20 Minuten von "Hatchet" einfach mal Victor Crowley ausfallen lässt.
Und so plätschert der Streifen recht bedeutungslos daher, vorallem auch deswegen, weil man als Zuschauer schon gar keine Lust mehr hat, hier überhaupt noch aufzupassen. Die Luft ist raus - und das für eine ganze Weile, zusätzlich dazu, dass die "wahre" Story nach dem ersten Twist noch viel ausgelutschter und flacher ist, als die Idee von einem Wesen, welches in einer Stadt Kinder entführt.
Es kommt wie es kommen muss und Twist Nummer 3 kommt ins Spiel. Ab der Stelle wird dann es zusätzlich grotesk. Auch wenn zwischen der Wirkung der beiden Filme Welten und andere Genre liegen, so verläuft "The Tall Man" exakt wie "Martyrs", indem es plötzlich wieder eine längere, philosophisch angehauchte Erklärungsphase einer Person gibt, die ein gewisses Vorgehen erklärt und rechtfertigt. Laugier macht hier den Fehler, viel zu offensichtlich auf seinen anderen Film zu verweisen, obgleich ich nichtmal glaube, dass es beabsichtigt war. Klar, es ist sein Stil und den finde ich prinzipiell ja auch gut, aber das selbst gewisse Szenenabläufe in vergleichbarer Form wiederkehren, ist schon etwas auffallend.
Gleiches gilt für den finalen Twist, der alle letzten Fragen klärt und das Vorhergeschehene wieder als halbe Wahrheit entlarvt. Ich wiederhole nochmal: in "Martyrs" wurde nichts vorgegaukelt. In "Marytrs" wusste bloß anfangs niemand Bescheid. Hier wissen ziemlich Viele Bescheid und ziemlich Viele sagen auch was los ist, doch zeigt das der Film erst nach und nach. Da wird plötzlich eine Szene aus dem Vorspann gezeigt, bloß mit dem Unterschied, dass drei Worte drangehängt wurden und schon hat alles eine andere Bedeutung. Mit Sicherheit ein großer Talentbeweis des Drehbuchschreibers, aber letztendlich nichts weiter als eine Lüge, mit der der Zuschauer für eine gewisse Zeit hingehalten wurde.
Wie sehr die letztliche Erklärung erneut "Martyrs" entspricht, erwähne ich lieber nichtmehr. Zusätzlich genervt bin ich von der gesellschaftskritischen Botschaft, die mir verdammt erzwungen vorkommt. Ich kann Pascal Laugier nicht böse sein, aber hier hat er fast völlig daneben gegriffen. Sein Fehler war es, aus den beiden Szenarien für Nachfolgefilme jeweils das Falsche zu kombinieren: er war vom Grundgerüst zu nahe am "Original" bzw. vorherigen Film dran, hat aber gleichzeitig völlig anderen Genre bedient, weswegen der Sicko-/ Exloitationsfan, der sich noch an "Martyrs" erfreuen konnte, gelangweilt seinen Blick abwenden wird. Und selbst für all diejenigen, die seinen großartigen Einstand in den Filmbereich nicht kennen, bleibt ein unsauber inszenierter Thriller übrig, der nichtnur völlig falsche Erwartungen setzt, sondern auch durch ein merkwürdig verkompliziertes Durchpeitschen der Plottwists sein letztes bisschen Spannung und Atmosphäre verliert. Mag sein, das solche Metafilme Laugier als Regisseur mehr befriedigen als ein "einfacher" Streifen, aber Tatsache bleibt, dass ein einfach gestrickter Thriller bei diesem Ausgangsmaterial (wie er es in den ersten 20 Minuten war) nichtnur besser gewesen wäre, sondern der Film des Jahres hätte werden können. Atmosphäre kann der Franzose nämlich zweifellos aufbauen, jedoch setzt irgendwann mal der Punkt beim Zuschauer ein, wo ihm das ständige "über den Haufen werfen" zu oft aus der Stimmung reißt und seine Laune senkt. Weniger ist vielleicht doch manchmal mehr.
4/10