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Mystery-Thriller haben derzeit absolut Hochkonjunktur. Was gibt es Schöneres, als Kindern, Schwestern, Ehemännern oder Nachbarn beim Verschwinden und Wiedergefundenwerden zuzusehen? Meist leidet da dann eine Frau im Zentrum des Geschehens - denn die Damen assoziiert man traditioneller Weise gern mit Gruselopfern -, die ihre Familie vor dem zunächst inkognito auftretenden Schrecken schützen oder ein Objekt ihrer Zuneigung aus einem wie auch immer gearteten Gefängnis bergen muss. Warum also hier an den üblichen Zutaten etwas ändern, wenn die doch immer und immer wieder die Kinokasse klingeln lassen? Praktisch obendrein, dass solche Geistergeschichten meist nicht von Blut oder Erotik triefen, also angenehm familientauglich daherkommen. Entgeisternd nur, dass Regisseur Pascal Laugier in seinem Film zuvor so ziemlich das Heftigste an Hartgesottenem auf den Tisch gebracht hat, was legal so erhältlich ist. Der französische Meilenstein „Martyrs" (2008) war ein Projekt der derben Sorte, das selbst eingefleischten und schlechterdings routinierten Genrefans einen Kloß in den Hals schob. Und das will heutzutage etwas heißen. Doch der gleiche Mann, der mit seinem Werk zuvor Horrorgeschichte geschrieben hat, kredenzt uns nun einen durchaus gewöhnlichen, seichten und etwas bemüht sozialkritisch aufgeladenen amerikanischen Thriller von der Stange.

Ein ungern gesehener filmischer Kniff zeigt uns eingangs eine Frau namens Julia (Jessica Biel), die kurz zuvor offenbar Schlimmes durchleben musste, schwer malträtiert und blutüberströmt auf einer Polizeiwache. Ungern gesehen deshalb, weil es gleich darauf wieder einmal zu oft nach einem Schnitt zurück zur eigentlichen Exposition an den Anfang der Geschichte geht. Und da wirkt Julia in einem heruntergekommenen Nest im Nordwesten der USA inmitten tiefer Nadelwälder als stolze Mutter, Krankenschwester und gutes Herz der Gemeinschaft, selbstlos für jeden da und ein Mädchen für alles. Doch die Welt mitten im Nirgendwo ist nicht nur optisch verwahrlost, sondern auch moralisch nicht intakt, denn beinahe wöchentlich verschwinden urplötzlich Kinder auf Nimmerwiedersehen. Niemand weiß, wer die Kleinen entführt, doch man munkelt, dass da ein unbekannter schwarz vermummter Hüne mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze bei der Sache nicht ganz unschuldig sein kann. Es bedarf nicht großen Rateglücks, vorherzusagen, dass auch Julias Familienspaß bald unter die Räder kommen wird, denn wie wir wissen, saß sie ja durch die Mangel genommen fünfundvierzig Filmminuten zuvor bei der Polizei.

Ohne zu viel zu verraten: Die gesamte Handlung baut auf, dreht sich um und lebt von einem Storytwist. Man ahnt schon mit der ersten Minute, dass da bestimmt was nicht stimmt im kleinen Dorf Cold Creek. Die Ersten werden die Letzten sein und die Guten die Bösen oder so. Aber daran wäre und ist ja an und für sich auch nichts zu meckern - blöd allerdings, dass das Auf-den-Kopf-Stellen der gesamten Geschichte bereits schon nach der Hälfte des Films verbraten wird. Bis dahin verfolgt man artig die arme Julia, wie sie zunächst einmal dazu dient, weitere Protagonisten der Geschichte mit freundlichem Blabla einzuführen, wie sie ihren langweiligen Alltag meistert, um in der Folge schließlich Hilfe suchend quer durchs Dorf und drum herum ihrem entführten Kind hinterherzujagen. Pünktlich zur Halbzeit hat Laugiers „Tall Man" übrigens seinen einzigen starken Moment *Spoiler*, als nämlich die völlig verstörte Julia eine Bar betritt, um bei den dort anwesenden Dörflern Hilfe und Schutz zu suchen. Doch während sie kurze Zeit später im Zimmer nebenan ihre Toilette macht, erfährt der Zuschauer, dass das gesamte Örtchen Julia an den Kragen will *Spoiler Ende*. Einer der ganz wenigen Leckerbissen in einem Film, der sich seine gesamte zweite Hälfte Zeit nimmt zu ermitteln, warum der- oder diejenige, der/die die ganzen Kinder entführt hat, das überhaupt macht. Der Täter bzw. die Täterin steht nämlich bereits nach fünfundvierzig Minuten fest. Mit dem zumindest potentiell unterhaltsamen Ratespiel und spannenden Thriller ist es dann vorbei.

Die nächste Dreiviertelstunde erleben wir *Spoiler* Julias zunächst nicht ganz schlüssiges Coming-Out als Kindesentführerin und wie sie sich beharrlich weigert, zu verraten, wo die Kleinen geblieben sind. Erst ganz am Schluss wird das bisweilen etwas wirre Treiben aufgeklärt und man erfährt, dass Julia und ihr angeblich verstorbener Göttergatte als Mitglieder einer Geheimorganisation den Unterschichtennachwuchs der Stadt heimlich einsammeln, und ihn an besser gestellte kinderlose Eltern andernorts zu verteilen. Sinn soll sein, den Kindlein ein besseres Leben zu ermöglichen, das sie ja in Cold Creek vermutlich niemals haben würden. Was zum Teufel?! Da nimmt Jessica Biehls Figur den mittellosen Eltern aus Wohltätigkeit einfach die Blagen weg, damit aus denen mal was wird. Dieses nicht nur etwas an den Haaren herbeigezogene Szenario soll natürlich zu sozialpolitischer Diskussion einladen und dem Ganzen einen Anstrich von Anspruch verpassen. Tut es aber nicht, denn so blöde kann doch niemand sein, hier ernsthaft nach möglicher Legitimation für solcherart Handeln zu suchen. Dass die Kleinen, die meist um die vier bis fünf Lenze auf dem Buckel haben, zudem brav den Mund halten und ihre neue, ihnen aufgezwungene Lebenssituation mit neuer Mami und neuem Papi akzeptieren, wird noch dazu offenbar vorausgesetzt und gar nicht weiter thematisiert. Man muss kein Wahrsager sein, um richtig zu tippen, dass ein derartiges Unterfangen binnen Kurzem auffliegen würde *Spoiler Ende*. Hier driftet die Story ausgangs also moralingeschwängert beinahe ins Lächerliche ab.

Zu dieser kometengroßen Unsinnigkeit gesellt sich noch das ein oder andere Logikloch, wie etwa, dass die Mutter, die ihr eigenes Kind im Laster „entführt", ebenfalls den Schwarzen Mann mimt und mit Kapuze auf der Birne herumrennt. Warum das so ist, weiß vielleicht der Geier. Wir wissen und erfahren es nicht. Dass ferner *Spoiler* Julia bereit ist, ihre wirklichen Beweggründe zu verschleiern, indem sie Stillschweigen bewahrt und lieber lebenslang ohne Aussage märtyrergleich ins Gefängnis wandert, ist so schwülstig, dass die Nähte platzen. Ist aber auch egal, denn Pascal Laugier darf sich fortan damit brüsten, sein Werkeln auch ein wenig politisch aufgeladen zu haben. Ja toll, Pascal. Guter Junge. Haste fein gemacht.

Wer ein manisches Faible für Mystery-Geschichten um düstere Kleinstadtidyllen hat, mag dieser zusammengebastelten Geschichte ihren Schauwert abgewinnen. Wer sich aber einen weiteren Horrorthriller des Formats von „Martyrs" erwartet, wird bitter enttäuscht. Jener war zwar ebenfalls um mehrere gewagte Storytwists angereichert, doch hatten vor fünf Jahren unter der Ägide Laugiers die Wendungen der grausamen Geschichte System. Sein Beitrag zur Nouvelle Vague des französischen Horrofilms wirkte nicht nur aus einem Guss, er wirkte restlos überzeugend inszeniert und brach tatsächlich filmästhetischer Diskussion Bahn. Das kann man vom US-Debut des Franzosen nicht behaupten, das, ähnlich wie John Carpenters überflüssiges Comeback von vor drei Jahren, nicht einmal ansatzweise durchblicken lässt, zu welch filmkompositorischem Schaffen der Mann auf dem Regiestuhl einst fähig war. Wie schon bei Oliver Hirschbiegel oder Florian Henkel von Donnersmarck gesehen, wird so mancher europäische Regisseur nach dem Sprung über den großen Teich auffallend schnell zahm und langweilig. In „Tall Man" geht nämlich allenfalls der sozialpolitisch engagierte Boogeymann um. Und der tut keinem was.

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