Es gibt schon wenig genug Offenbarungen im übersichtlichen Produktionsspektrum deutscher TV-Serien, da muß man solche kreativen Überraschungen auch immer schön gebührend feiern. Klar, Erfolge sind nicht selten, daß aber auch etwas dabei herausspringt, daß man sich schmerzfrei und freiwillig zu Gemüte füht, das ist selten genug. "Türkisch für Anfänger" war so ein Beispiel für ein unterhaltsames Fernsehstiefkind, geliebt von den Kritikern, gesehen von Wenigen, groß gemacht durch den Nachruhm und die Wiederholungen und erst als späte Geburt noch einmal von den Toten wiedererweckt, als der große Moment eigentlich schon wieder vorbei war.
Verantwortlich für die Serie war Bora Dagtekin, der sich die ersten Sporen mit Skripts für die klassisch unterschätzte Trashserie "Schulmädchen" verdient, um dann diese Serie zu entwerfen und auch gleich noch 40 von 52 Folgen selbst zu schreiben, so daß sein Stempel überall darauf zu sehen war. Der "Culture Clash" innerhalb einer deutschen Patchwork-Familie, die sich aus einer deutschen und einer türkischen Hälfte zusammensetzt, in der alle Neurosen, Klischees und Absurditäten durchkonjugiert wurden, ohne sie behutsam einzuwickeln oder in Watte zu packen, machte gerade in seiner unvermittelten und durch die Off-Stimme von Josefine Preuß brachial kommentierenden Art die Zuschauer zu Gefangenen, weil sie die gängigen Vorurteile und typischen Reaktionen vorweg nahm, um sie dann anschließend ironisch zu brechen, vorzuführen oder sie den Figuren (und den Zuschauern) vor Augen zu halten.
Doch wofür die TV-Serie drei Staffeln Zeit hatte, braucht ein Spielfilm natürlich mehr Komprimation. Entweder man schreibt eine Fortsetzung, die aber angesichts der finalen Konstellationen (die Kinder hatten zueinander gefunden, die Hauptdarstellerin war bereits Mutter geworden) wenig kreativ ausgefallen wäre oder man bricht das Konzept neu auf und provoziert zusätzliche, eventuell nie folgende Fortsetzungen.
Da hier aber ein Schlußpunkt gesetzt werden sollte, griff Dagtekin zu einem selten gewordenen Kniff: er nahm die Serie, siedelte sie komplett um (nach Asien auf ein paar Ferieninseln) und konjugierte den kompletten Stoff der Serie in einem einzigen Film noch einmal durch, gepreßt in einige wenige Tage erzählte Zeit.
Hier dürfen sie sich also alle noch mal auf die Nerven gehen: die esoterische Mutti Doris, die nie erwachsen wurde; ihre neurotisch gewordene Jungfrauenzynikertochter Lena; der türkische Polizist Metin, der in seiner peniblen Vorsicht deutscher als seine deutschen Nachbarn ist; der sexistische Rap-Poser Cem; seine oberflächlich streng muslimische Tochter Yagmur und der stotternde Grieche Costa - allesamt auf dem Weg in einen gemeinsamen Urlaub nach Thailand, wo eigentlich niemand so recht hin will. Doch Metin befindet sich samt seinen Kindern eh schon im Zeugenschutzprogramm und die Begleitung von Doris durch Lena ist selbst so etwas wie eine Geiselnahme. Grund genug, sich im Flieger bereits auf den Senkel zu gehen und das ändert sich auch nicht nach einem Flugzeugabsturz, bei dem die Rettungsinsel der Kinder verlustig geht, um an einem Palmenstrand zu stranden, wo sich eine nette Robinsonade der menschlichen Eitelkeiten entspinnt. Klassische Rollenfiguren modernen Zuschnitts gehen also aufeinander los: die intellektuell vorn liegende Lena, die aber ihrer kulturellen Arroganz keine Taten folgen lassen kann; der patriarchalische Macho Cem, der seine Schwester unterdrückt und mit seiner latenten Hormonbeschränktheit eigentlich nur gefallen will; Yagmur als mönchisches Wahrzeichen muslimischer Unterdrückung, die ihr Heil in ebenfalls sexuell motivierten Intrigen sucht und Costa als Spielball zwischen diesen drei Positionen, der als Katalysator alle immer wieder ungewollt gegeneinander aufbringt.
Gleichzeitig müssen sich natürlich auch die einzelnen Elternteile annähern, wobei das nie gereifte 68er-Kind lernen muß, das Alter zu akzeptieren und der Beamte gleichzeitig wieder die Bereitschaft finden muß, andere an sich heranzulassen und sich zu öffnen.
Nein, das ist nicht wirklich originell und neu ist es auch nicht. Und noch viel schlimmer: dieser Komplettaufwasch einer gewitzten Serie wirkt wie die Bud-Spencer-Version für geistig Beschränkte derselben. Dieser Aufguß ist ein grober Klotz von Story, der sich nur selten mit Subtilitäten aufhält, stattdessen die Offensichtlichkeiten mit dem Charme eines Bulldozer und der Zielgenauigkeit eines Wasserwerfers verteilt.
Deswegen ist das Ergebnis aber nicht weniger lustig, es ist nur vorhersehbarer und robuster und spielt erfolgreich mit den Erwartungen des Publikums, hier dampft ein Serienschöpfer gewitzt all die Botschaften und Motive einer langen Serie auf ein Mikrowellengericht ein und klatscht es dann den Zuschauern ins Gesicht.
Was zu kurz kommt, ist das sonstige Reflektieren, das eine episodische Struktur zuläßt, der Film setzt einfach auf Volldampf und räumt ein Thema nach dem anderen ab, ohne auf Ursache und Wirkung zu spekulieren, getreu dem Motto: die Fans werden es sowieso verstehen, der Rest snackt an den Lachern rum.
Und das kann mitunter funktionieren, auch wenn bei Unkenntnis der Serie ein vollkommen falscher Eindruck entsteht, denn "TFA - Der Film" hat eigentlich nur spielfilmlange Sitcomfunktion, die auf Oneliner und Grobschnitt setzt, dabei aber noch mehr intellektuellen Witz liefert (wenn auch als Schlachtplatte) als die typische deutsche Filmkomödie.
Kein Zeit für Subtilitäten mehr, denn Josefine Preuß und Elyas M'Barek sind allmählich schon zu alt für die Teenager, die sie hier spielen und Anna Stieblich ist auch schon zu faltig für die alternde Esoterikmutti, die immer noch auf der Suche nach knackigen Orgien mit jungen Kerlen ist. Ein bißchen groteske Überzeichnung tut aber gut, wenn auch das Sitcom-Format manchmal albern durchscheint, ein Episödchen mit Inselkannibalen (dabei auch: Katja Riemann) hat dann eher den optischen Gehalt eines strukturieren Otto-Films.
Immerhin: die Darsteller und ihre One-Liner reißen es raus und hie und da lugt noch ein witziger Geniestreich aus dem Gebüsch (wie etwa die genial in den Raum gestellte Idee von Lenas Sextraum mit Cem, die sie als Baader und Ennslin im Stammheimgefängnis zeigen, während sie über sich herfallen), ansonsten verhindert das gesteigerte Tempo ein genaueres Nachdenken.
Aber auch so macht der Film Spaß und zeigt einen Regisseur und Serienschöpfer, der auf diese Art und Weise durchknallend mit seinem eigenen kreativen Ballast abrechnet und seinen Darstellern die Möglichkeit bietet, vollkommen überzeichnet Abschied von einer Rolle zu nehmen - um dann auch noch im Kino als Großeinsatz Erfolge zu feiern. Hängen bleibt wenig, aber vielleicht kann man es als Karikierung einer Serie nehmen, die selbst schon Gesellschaftssatire pur war.
Und das zu versuchen, ist fast schon wieder eine innovative Idee. (7/10)