Review

Väter der Klamotte

Der gebürtige Hannoveraner Bora Dagtekin mit türkischen Familienwurzeln ist Autor unter anderem der beliebten komödiantischen Fernsehserie „Türkisch für Anfänger“, die ab dem Jahre 2006 drei Staffeln lang lief. Sechs Jahre später nahm er für die Leinwand-Adaption der Serie selbst auf dem Regiestuhl platz und verfilmte sein eigenes Remake-Drehbuch. Für dieses machte aus dem Berliner Culture Clash einer deutsch-türkischen Familienkonstellation eine Robinsonade auf einer einsamen südostasiatischen Insel, wo das bis auf Emil Reinke identische Figuren- und Schauspielensemble die offenbar gleiche Geschichte in ultrakomprimierter Form noch einmal durchexerziert.

Die verklemmte und neurotische 19-jährige Lena Schneider (Josefine Preuß) begleitet ihre von ihrem Mann verlassene Mutter Doris (Anna Stieblich), eine hippieeske Alt-68erin, in einen Urlaub nach Thailand. An Bord des Fliegers begegnen sie dem jungen türkischstämmigen Möchtegern-Hip-Hopper und sexistischen Machoproll Cem Öztürk (Elyas M'Barek), der mit seiner Schwester Yagmur (Pegah Ferydoni), einer kopftuchtragenden Muslima, und dem stotternden Griechen Costa (Arnel Taci) ebenfalls auf dem Weg in den Urlaub ist. Das Flugzeug gerät in Turbulenzen und stürzt über dem Wasser ab. Gemeinsam kann man sich auf eine einsame Insel retten, wo die Welten der Schneiders und der Öztürks aufeinanderprallen. Doch so wie Lena langsam, aber sicher Gefallen an Cem findet, freundet sich ihre Mutter mit Cems Vater, dem überkorrekten Bullen Metin (Adnan Maral), an, den sie im Hotel kennenlernt…

Vorab: Ich habe die Serie nie gesehen, kenne also nur diesen Film – der aber so ganz anders als die Serie sein muss, immerhin hat diese positive Kritiken erhalten. Gegensätzlich verfreakte Deutsche Frauen treffen auf einen peinlichen Möchtegern-Rapper und auf ein invertiertes Klischee, nämlich einen als Polizist für Recht und Ordnung sorgenden Türken. Auch die Nebenfiguren typisieren bestimmte Klischees innerhalb dieses völlig überspitzten Szenarios, in dem sich herausstellen wird, dass die Öztürks sich in einem Zeugenschutzprogramm befinden. Ein amüsanter Culture Clash, ein hintersinniges, kluges Spiel mit Vorurteilen und Allgemeinplätzen also?

Mitnichten. Lena ist nicht nur eine verklemmte Neurotikerin, sondern verfügt auch über eine feministische Einstellung, muss sich aber trotzdem ständig von Cem retten lassen. Dieser bringt in einer richtigen Scheißszene einen Babyhai um und ist ein widerlicher Macho, der zudem seine Schwester zu unterdrücken versucht, den Autor und Regisseur Dagtekin dennoch zum heimlichen Sympathieträger macht und die Botschaft verbreitet, dass sich intelligente, hübsche junge Frauen in derartige Pfeifen verlieben, weil sie eigentlich auf genau solche Typen stehen. Damit nicht genug, bricht „Türkisch für Anfänger“ auch eine Lanze für Kinder schlagende Eltern. Mittels sehr billigen Humors versucht der Film dabei lustig zu sein, reiht jedoch in erster Linie miese Klischees („Eingeborene“ essen Affenhirn) an Fremdscham-Klamauk (in Muschel feststeckender Penis).

Tatsächlich ziemlich witzig ist die Hip-Hop-Videoclip-Parodie geraten, viel mehr Positives fällt mir nicht ein. Die Preuß ist ganz süß und zieht blank, ansonsten ist „Türkisch für Anfänger“ aber zu allem Überfluss auch noch schlecht geschauspielert. Lena fungiert auch als Off-Erzählerin, die alles eigentlich Selbsterklärende noch einmal erklärt, was wiederum verdeutlicht, an was für eine Zielgruppe sich der Film richtet. Dennoch schleicht sich noch die eine oder andere Logiklücke ein, wenn nicht gerade eine absurde Wendung ohnehin alles auf den Kopf stellt. Der beschissene Pop-Soundtrack zerrt an den Nerven. Dagtekin Film ist zu simpel gestrickt und zu billig umgesetzt, weshalb er arg schnell gealtert und heute schlicht nicht mehr lustig ist. Das Schlimmste aber ist sein Plädoyer für klassische Rollenverteilung in zwischenmenschlichen Beziehungen und für Prollmachismo. Reaktionärer Scheißdreck, verpackt als harmlose Multikulti-Liebeskomödie.

Mit ähnlich schlecht gealtertem Humor machte Dagtekin kurz darauf bekanntlich mit „Fack ju Göhte“ weiter. Ächz!

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