Review

Ein kleine Schnell-Restaurant-Filiale morgens irgendwo in den Vereinigten Staaten: Die Filialleiterin steht unter Druck, nachdem durch eine Unachtsamkeit einige Vorräte für die Burger verdorben wurden; ihr kleines Team aus ohnehin nicht besonders motivierten jüngeren Mitarbeitern muß demzufolge mit einigen Zutaten sehr sparsam umgehen, als sich zu allem Überfluss ein Anrufer meldet, der sich als Polizist ausgibt und ein Team-Mitglied des Diebstahls bezichtigt. Zwischen hektischem Geschäftsgang und staatsbürgerlicher Pflichterfüllung zieht die entnervte Filialleiterin die junge Mitarbeiterin ab und führt nach telefonischer Anweisung eine Leibesvisitation im Büro durch. Trotz ergebnisloser Durchsuchung muß die Beschuldigte stundenlang nackt im Büro verharren und auf die Ankunft der vermeintlichen Polizei warten, wobei der Anrufer die überforderte Filialleiterin in geschickter Weise nötigt, das Opfer von verschiedenen Leuten "bewachen" zu lassen - eine zutiefst demütigende Prozedur für die völlig unschuldige Mitarbeiterin, die erst dann endet, als ein "Bewacher" die Autorität des Anrufers hinterfragt...

Regisseur Craig Zobel hat mit Compliance einen authentischen Fall nachgestellt, der sich fast genau so einige Jahre zuvor in einem McDonalds-Restaurant in Kentucky abgespielt hat; darüber hinaus sind einige dutzend ähnliche Vorkommnisse dieser Art in den USA bekannt geworden. Ohne diese Vorkenntnisse könnte man die Geschichte zunächst für einen Thriller halten, eine perfide Rache eines verschmähten Liebhabers oder eines sonstigen Bekannten, der sich höchst manipulativ der Befehlsstrukturen in einem Schnell-Restaurant bedient. Dann aber zeigt die Kamera den anrufenden vermeintlichen Officer Daniels, der statt mit einer Wohnungsdurchsuchung beschäftigt in zivil an seinem Küchentisch sitzt. Somit ist für den Zuschauer schnell klar, daß es sich um eine abgekartete Sache handelt - für das Opfer aber beginnen die Demütigungen erst...

Die in den meisten Rezensionen zu lesenden Urteile etwa der Richtung "wie kann man nur so blöd sein", "total unrealistisch aber typisch USA" und "Könnte mir nie passieren, ich würde gleich nachfragen" greifen freilich viel zu kurz und gehen nach meiner Auffassung an der Intention dieses Films vorbei. Das Bemerkenswerte an Compliance ist nicht die peinliche Lage, in die das Opfer gebracht wird, sondern die Umstände, die alle Beteiligten dazu gebracht haben, so zu handeln wie sie gehandelt haben. Denn Compliance zeigt alle Beteiligten unterschiedslos in ihrer jeweiligen augenblicklichen Gemütslage, die diese Geschichte erst ermöglicht haben: Da ist die gerade erwachsen gewordene Becky, eine zierliche kleine Blondine, die gerade einen neuen Verehrer hat, von dem sie ihrer Kollegin Marti erzählt. Marti ist um die 30, wenig attraktiv, alleinstehend und Stellvertreterin der Fililalleiterin, gratuliert aber ihrer jungen Kollegin. Die Chefin Sandra selbst, die den ganzen Laden zusammenhalten muß, ist um die 50 und hat an diesem Morgen einen Heiratsantrag ihres Dauerfreundes Van erhalten, was sie den beiden Kolleginnen freudig mitteilt. Van seinerseits ist ein eher antriebsloser Handwerker, der einem (oder zwei) Bierchen nicht abgeneigt ist und heute frei hat, was er mit Freunden (inkl. Bier) feiern möchte. Die weiteren Team-Mitglieder in der Küche sind der junge Kevin (in Beckys Alter), der Puerto Ricaner Julio sowie die schwarze Kassiererin Connie, die ihren Job hasst und eigentlich schon auf dem Absprung ist. So gesehen eine absolut alltägliche Crew in dieser kleinen, eher schäbigen Burger-Filiale, die wie so viele Betriebe dieser Art mehr schlecht als recht ums Überleben kämpft.

In diese, mit zunehmenden Geschäftsgang hektischer werdende Situation platzt nun der unbekannte Anrufer hinein mit seiner vermeintlichen Diebstahlsanzeige. Eine grobe Beschreibung der vermeintlichen Täterin führt sofort zu Becky, und das herausgeforderte Pflichtbewußtsein der Filialleiterin in einer Streßsituation ermöglichen dann die Dinge, die im Folgenden geschehen. Sicher, man kann hinterfragen, ob manche Details nicht zu abstrus sind (beispielsweise wenn ein Polizist telefonisch verlangt, einem jungen Mädchen den nackten Hintern zu versohlen weil sie böse war) aber hier hat der Regisseur sich offenbar an die Vorlage gehalten, bei der dieser Wunsch nicht abgeschlagen wurde. Man kann auch hinterfragen, wieso ein junges, fröhliches Mädchen wie Becky dies alles über sich ergehen hat lassen, ohne ab einem bestimmten Punkt sich zu verweigern oder wenigstens laut zu schreien. Sich vor der (weiblichen) Chefin und deren Stellvertreterin zu entkleiden (denen dies sichtlich unangenehm ist), ist schon demütigend genug (von der falschen Diebstahlsbeschuldigung einmal ganz abgesehen) jedoch ist es von dort noch ein großer Schritt, sich einem fremden Mann auf den Schoß zu legen und diesen dann oral zu befriedigen. Dieser fremde Mann, der Freund der Chefin, weiß daß er Unrechtes tut, aber seine Angst vor der Obrigkeit (und der Chefin, die ihm befiehlt, das zu tun was der Anrufer verlangt) bringen ihn dazu, die missliche Lage des sich nicht wehrenden Opfers noch auszunutzen. Am Ende jedoch gibt es nur Verlierer: das traumatisierte Mädchen, der feige von der Bildfläche verschwundene Freund der Chefin, ein Riesenskandal für die Burger-Kette, selbst der Anrufer (ein biederer Familienvater, der als Telefonkeiler arbeitet und später identifiziert wird) hinterläßt eine Tochter, die wohl ohne Papa aufwachsen muß. Die Chefin Sandra verliert ihren Job, ihren Freund und ihre schmale Reputation. Am Schluss sitzt sie in einer Talk-Show und versucht mit sichtlich schlechtem Gewissen, die Sache halbwegs schön zu reden. Als sie der Talkmaster mit den Aufnahmen der Überwachungskamera konfrontiert, flüchtet sie sich in billigsten Smalltalk. Was für ein erbärmliches Ende...

Alle Darsteller agieren authentisch, besonders hervorzuheben natürlich Dreama Walker als Becky und Ann Dowd als Sandra, aber auch Bill Camp als Van vermögen überzeugend ihr Unbehagen, ihre Gewissensnöte und ihre inneren Kämpfe, die sich vor allem in der Mimik wiederspiegeln, auszudrücken. Es ist Regisseur Craig Zobel, der auch das Drehbuch schrieb, hoch anzurechnen, daß er den Film frei von jeglicher voyeuristischen Attitüde angelegt hat: Dezent blendet die Kamera ab, wenn sich Becky auszieht oder "untersucht" wird, in keiner Sekunde ist eine sexuelle Spannung auszumachen, vielmehr wird der ganze Film von unangenehmen Gefühlslagen (Peinlicher Berührtheit, Desillusionierung, Betroffenheit) überlagert, wozu auch einige Close-ups auf verschmutzte Einrichtungsgegenstände, verbrutzelte Pommes Frites, den meist leeren Parkplatz etc. beitragen. Ein trostloses Bild eines Schnell-Restaurants, unterstützt von einem dezenten Score.

Compliance ist ein Film, über den es sich nachzudenken lohnt: Wie laufen Befehlsketten ab, welche Mechanismen greifen in Stress-situationen und wie schnell läßt sich der gesunde Menschenverstand abschalten. Die Ausgangslage ist keineswegs auf die USA beschränkt, sondern kann genausogut in Europa angesiedelt sein. Und: In eine solche Situation (mit vielleicht weniger dramatischen Folgen) kann man leichter geraten, als man sich vorstellen kann.
Prädikat sehenswert, ähnlich wie Die Welle durchaus als Unterrichtsmaterial geeignet. 8,6 Punkte.

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