Dang Bireley - Karma darf nicht bestechlich sein
Es soll eine Zeit gewesen sein, in der Pistolen leichter zu bekommen waren, als Jobs. Damals, im Bangkok in der 50er Jahre. James Dean und Elvis waren die Idole der thailändischen Teenager, Rock’n’Roll der Soundtrack ihres Lebens und die blutigen Kämpfe mit verfehdeten Gangs anderer Schulen der Alltag.
Mit einem ausgezeichneten Gespür für kommerziell verwertbare Kontroversen, mit dem entwaffnenden Selbstbewusstsein, künstlerisch auf höchsten Niveau zu agieren und diese Kunst auch verkaufen zu können, wagte sich der Werbe- und Videofilmer Nonzee Nimibutr an seinen ersten Spielfilm. Mit „2499: Dang Bireley’s Young Gangsters“ verfilmte er eine wahre Geschichte, eine Geschichte, die der geläuterte Kriminelle Piak Visthutikasat aus seiner Jugend zu erzählte.
Länger als vierzig Jahre liegt diese Ära zurück, eine Ära, in der berüchtigte Jugendbanden wie die Gang Dang Bireleys einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Piak ist der einzige Überlebende der Dang Bireley Gang. Mehr als zwanzig Jahre hat er in Haft gesessen. Und nach seiner Entlassung hat er ein Buch geschrieben. Genau genommen hat er sogar drei Bücher geschrieben, in denen er die Erlebnisse seiner Jugend verarbeitete. Und rekapitulierte, wie er selbst zu einem der gefürchtetsten Gangster des Königreiches wurde. Aber dieses eine Buch - Route of Mafia - hat den Filmemacher Nonzee Nimibutr ganz besonders beeindruckt. Kontrovers wurde es sofort nach seiner Veröffentlichung diskutiert. Nicht nur unter Politikern, die Möglichkeiten abwogen, ob und wie jugendgefährdend die vermeintliche Inszenierung des Mythos Dang Bireley sein könnte. Auch ehemalige Gangster und andere Zeitgenossen von Dang Bireley und Piak Visthutikasat brachten sich alsbald in die Diskussion ein und warfen dem Autoren vor allem vor, die tatsächlichen Begebenheiten maßlos zu übertreiben. Niemand hätte doch damals wirklich Pistolen gehabt. Und daß Dang Bireley unter der rauhen Schale tatsächlich einen so guten Kern gehabt haben soll, wie es Piak darstellt, wollten viele bezweifeln. Und als schließlich der Werbefilmer Nonzee Nimibutr den Roman für sein Spielfilmdebüt adaptierte, wurde die Diskussion gar so populär, daß plötzlich jeder meinte, mitreden zu müssen. Man konnte auch gar nicht umhin. „2499: Dang Bireley’s Young Gangsters“ war das Thema, der erfolgreichste thailändische Spielfilm aller Zeiten. Ein Film, in dem auch stilistisch neue Wege beschritten wurden. Das Interesse an Regisseur und Thematik war überbordend, kaum eine Zeitung in der Nonzee Nimibutr nicht als Retter der öden thailändischen Filmlandschaft gefeiert oder seine Arbeit als stellvertretend für einen gewaltigen Aufwärtstrend im thailändischen Filmschaffen euphorisiert wurde.
Piak Visthutikasat spielt sich im Film selbst. Ein alter Mann, der nostalgisch zentimeterdicke Staubschichten von seinen Erinnerungen pustet und als Narrator die schwarzweißen Fotografien und die knisternden Sounds zerkratzter Elvis-Schallplatten zur Geschichte seiner Jugend verdichtet. Seiner Jugend und der Jugend von Dang Bireley, einem weiteren Kind der Umstände. Dang ist 13, als er seinen ersten Mord begeht. Dem Freier, der seine Mutter schlägt, rammt er sein Klappmesser so oft in den Magen, bis dieser schließlich sterbend in der dunklen Straße im verrufenen Bahnhofsviertel zusammenbricht. Einige Jahre später geht es um die Vorherrschaft seiner Gang bei Schutzgelderpressung in der Nachbarschaft. Er schießt in den Rücken. Kaltblütig und von langer Hand geplant. Hiernach hat er sich konsolidiert. Der dritte und letzte Mord, den der Film explizit herausarbeitet, hat das Motiv der Rache. Dem Mann, der den Mord an seinem Mentor und Gönner in Auftrag gab, erschießt er im Vorbeifahren. Das soll das Ende seiner kriminellen Karriere sein. So soll alles geregelt sein, die offenen Rechnungen beglichen. Dang möchte auf die dringliche Bitte seiner Mutter ordinieren, ins Kloster gehen. Nur so kann er wider das schlechte Karma wirken, das sie als Prostituierte und auch er selbst in seinem bisherigen Leben akkumuliert haben. Doch dieses Karma wendet sich gegen die Familie. Die Ordinationszeremonie wird von seinen Erzrivalen attackiert. Das finale Blutbad dieses Films. Dang soll niemals in seinem Leben die Möglichkeit haben, sich von seinen Sünden reinzuwaschen.
Nonzee Nimibutr betonte in der Kontroverse um sein Spielfilmdebüt, kein ausgesprochenes Interesse am Gangsterfilm zu haben. (Was ihn ein paar Jahre später dann allerdings nicht davon abhielt, die für mächtig Furore sorgende Gangstergeschichte „Bangkok Dangerous“ der Pang Brothers als Ausführender Produzent zu betreuen.) Tatsächlich ist Dang Bireley“ auch meilenweit davon entfernt, nur ein Genrestreifen zu sein. Viel mehr schien Nimibutr das populäre Genre nur als Medium zu dienen. „Ich gebe zu, das es gefährlich für jugendliches Publikum sein könnte, diesen Film zu sehen“, reagierte Nonzee Nimibutr auf den Vorwurf, sein Dang Bireley sei nicht wirklich Antiheld und es gäbe Szenen im Film, die seinen Lebensstil sogar attraktiv erscheinen lassen. Tatsächlich gibt es diese Szenen, womit sich Nonzee aber nur adäquater der Komplexität der Geschichte nähert. Nonzee machte deutlich, wie sehr die Jugendlichen Marionetten eines Systems sind, das auch nach ihrem Tod weiter bestehen wird. Um sich in einem Umfeld zu etablieren, das von Korruption und Gewalt regiert wird, muß man selbst ein Meister der Korruption und Gewalt werden. So lautet die naheliegende und einfache Schlußfolgerung, deren fatales Potential die Jugendlichen geblendet durch die Versuchungen ihrer kriminellen Gönner noch nicht erkennen können. Weil sie den Teufelskreis nicht erkennen, wächst in ihnen auch kein Bedürfnis, sich aus diesem zu lösen.
Nach einer blutigen Straßenschlacht zwischen Dang und seinen Rivalen geht die Militärregierung erbarmungslos gegen die Straßen- und Kleinkriminalität in Bangkok vor. Dang flieht wie viele andere Gangster seiner Zeit nach Udon, wo in der unmittelbaren Nähe eines US-Luftwaffenstützpunktes das Geschäft mit Prostitution, Drogen und Glücksspiel boomt. Im Haus von Sarge Moo, der die kriminelle Karriere Dangs schon seit langem gefördert hat, findet er Asyl. Eines Nachts erfährt Dang, daß Moo in einem Schuppen junge Mädchen foltert, um sie in die Prostitution zu zwingen. Sie stehen, mit den Händen an die Decke gefesselt, über und über mit Kot beschmiert. Dang ist außer sich, doch ermöglicht den Mädchen letztendlich nicht mehr als ein Bad und ein warmes Essen. Mehr könne er nicht tun, denn schließlich sei er Moos Angestellter. Er könne sie nicht laufen lassen, bedauert er und bestätigt damit, daß er selbst ein Gefangener ist. Glück, Reichtum, Liebe, Freiheit - letztlich ist alles Illusion. Deutlich wird in dieser Sequenz auch die Erkenntnis seines unmoralischen Lebensstils, der ihn zu Handlungen wider sein Gewissen zwingt. Indem er den Teufelskreis nun als solchen erkennt und er dennoch nicht konsequent nach einem Ausweg sucht, lädt er mehr Schuld auf sich als mit seinem ersten Mord.
In diesem wie in vielen anderen Aspekten ist der Film tief durchdrungen von buddhistischer Dogmatik. Die Kontroverse um die Verherrlichung des Lebensstils seiner Figuren, ging völlig am Ziel vorbei. Nonzee Nimibutr ist ein durch und durch moralischer Filmemacher. Und sein Kodex ist nur zu offensichtlich durch den Buddhismus geprägt, gerade wenn er den Kreis im Finale schließt. Dang hat kein Recht auf die Ordination. Sich hingegen von den Bedenken selbsternannter Sitten- und Jugendwächter leiten zu lassen, und die Attraktivität und Faszination, die von einer Gangsterkarriere ausgeht, gänzlich zu leugnen, hätte den Film und die Vermittlung von Nimibutrs Anliegen ganz sicher ruiniert. „Um den Kontrast zwischen gut und schlecht sehr deutlich herauszuarbeiten, mußte ich die Gründe berücksichtigen, aus denen sie Gangster wurden. Die Versuchungen, ihren Lebensstil. Um so auf das Resultat hinzuarbeiten, zu dem das alles so offensichtlich am Ende ihres Leben führt.“ Um diese Botschaft an sein Publikum zu vermitteln, entschied sich Nonzee Nimibutr die wahre Geschichte umzuschreiben. Zwei Jahre hat er die Geschichte Dang Bireleys recherchiert. Dabei hat er bestätigt gefunden, wovon Piak Visthutikasat in den letzten Kapiteln von Route of Mafia erzählte. Dang Bireley wurde ordiniert und verbrachte einige Zeit im Kloster.