Sind die Eltern aus dem Haus, erproben die Kinder den Aufstand. Für Direktoren und Häftlinge in Gefängnissen scheint diese Faustregel ebenfalls zu gelten. Es dauert keine fünf Minuten, da ist die Randale bereits in vollem Gange, obwohl man sie eigentlich eher zum Ende hin erwartet hätte, als Startschuss für den finalen Akt vielleicht. Aber wenn der Direx eben aus dem Haus ist, ist er aus dem Haus.
Nun ist es ja nicht überraschend, dass Kriminelle gegen Gesetze verstoßen. Diesmal verstoßen sie vor allem gegen die wasserdichte Rezeptur, die schon Prison-Escape-Klassikern wie „Das Loch“ (1960) oder „Gesprengte Ketten“ (1963) zu ihrem Status verhalf, die aber auch lange danach nicht aus der Mode kam, wenn man sich etwa „Flucht von Alcatraz“ (1979) oder „Die Verurteilten“ (1994) mal so anschaut. All diese Schwergewichte des Genres haben zumindest eines miteinander gemeinsam: Ihre Schlüsselfiguren besitzen nichts, außer den Wunsch nach Freiheit und Unmengen von Zeit. Diese Ressourcen nutzen sie im Verborgenen, um raffinierte Ausbruchspläne zu schmieden, während sie vor den Wärtern und Direktoren den Anschein des Alltags bewahren… bis zum großen Moment der Überrumpelung. Eine bestechend einfache und somit zeitlose Formel, die untrennbar mit den grundlegenden Mechanismen des Spannungskinos verknüpft ist und deswegen über Jahrzehnte hinweg immer zuverlässig funktionierte.
Die Story von „Riot – Ausbruch der Verdammten“ wählt da eine andere Strategie. Basierend auf den Erfahrungen von Frank Elli, der den zugrundeliegenden Aufstand als Häftling persönlich miterlebte und ihn in einem Roman dokumentierte, ist die Drehbuchadaption von James Poe am „Anschein des Alltags“einen feuchten Kehricht interessiert. Von der ersten Minute an deutet alles auf volle Konfrontation mit offenem Visier. Dabei ist das Ergebnis im Endeffekt das gleiche wie bei den namhaftesten Vertretern des Gefängnisfilms. Hier wie dort geht es letztlich um Täuschung. Wie der Unauffällige ist auch der Krawallmacher nur eine Ablenkungstaktik für die üblichen Tunnelgrabungen, die heimlich in den Eingeweiden der Einrichtung vonstatten gehen. Nur müssen die Häftlinge diesmal eben den Laden an der Front aktiv schmeißen… und da geht die Rechnung, zumindest in der Verfilmung, aus dramaturgischer Sicht nicht immer ganz auf.
Der Vorspann weist nicht nur Gimmick-Horrorkönig William Castle als Produzenten aus, sondern brüstet sich zugleich mit seinem eigenen mitgebrachten Gimmick, das im Setting und der Randbesetzung zu finden ist. „Riot – Ausbruch der Verdammten“ wurde vor Ort im Arizona State Prison mit einem echten Gefängnisdirektor in der Rolle des Gefängnisdirektors und echten Häftlingen in der Rolle der Häftlinge gedreht. Was hier als authentisch angepriesen wird, fühlt sich zugleich immer ein Stück weit nach Kulisse an, auch wenn es sich ideal als Bühne eignet für Jim Brown und Gene Hackman, zwei Schauspieler, die maßgeblich das politisch motivierte Kino des Folgejahrzehnts mitprägen sollten, namentlich die Black-Power- und die New-Hollywood-Bewegung.
An ihnen liegt es also, den wilden Hühnerhaufen aus Insassen zu koordinieren, und so stellt sich Hackman mit dem Megafon auf den Hof und diktiert die Forderungen seiner Mitstreiter wie ein motivierter Gewerkschaftsvorsteher in den Himmel, von wo aus die Uniformierten mit Waffen über die Mauer lugen wie übertölpelte Gesetzeshüter aus einem Lucky-Luke-Comic. Diese Kommunikation auf Distanz ist nahezu der einzige Kontakt zwischen den Verhandlungsparteien, der im Film dargestellt wird. Ergänzend schleicht höchstens mal die ein oder andere Geisel unterwürfig durchs Bild, ihrer Uniform und ihres Stolzes beraubt, während die ehemaligen Gefangenen kurzzeitig die Rolle der Wärter übernehmen. Nie hingegen wird die Perspektive der Staatsdiener eingenommen. Solche aus psycho- und soziologischer Sicht oftmals sehr ergiebigen Konflikte zweier Seiten innerhalb des Zweiklassen-Mikrokosmos bleiben in diesem Film also unterentwickelt. Es geht fast ausschließlich um die Dynamik innerhalb der Gruppe der Gefangenen, die ausführende Hand des Gesetzes agiert dagegen zumeist offscreen.
Wo die Studie der Machtspiele zwischen Wärter und Gefangenen also zwangsläufig ins Wasser fällt, ist „Riot – Ausbruch der Verdammten“ zumindest darum bemüht, als Ersatzprogramm eine Hierarchie unter den Insassen auszuarbeiten. Neben dem charismatischen Hackman, der als emotional intelligenter Anführer vor allem in den Momenten voller Selbstzweifel überzeugt, liefert Jim Brown quasi eine Art Proto-Vorstellung für Nicolas Cages Rolle in „Con Air“, denn auch Browns Figur Cully wird kurz vor seiner vorzeitigen Entlassung wegen guter Führung nur widerwillig in den Aufruhr gezogen und tritt fortan als Vermittler zwischen den Parteien auf. In zweiter Reihe überzeugt noch Ben Carruthers als tickende Zeitbombe, ansonsten bleibt der Cast allerdings relativ gesichtslos.
Anstatt das Figurenrepertoire noch weiter auszuarbeiten und die Spannungen zwischen den Individuen hervorzuheben, werden wertvolle Minuten in Nebenschauplätze investiert, in denen die Gruppe, die von Anfang an orientierungslos wirkte, vollständig im Chaos versinkt. Unerfüllte Träume und Bedürfnisse ergießen sich vorzeitig und unkontrolliert in die fensterlosen Kammern der Anstalt anstatt in die Freiheit: Es wird Rosinenschnaps gebrannt, es wird getrunken, getanzt und Trieben gefrönt. Ein unbefriedigender Anblick für jeden, der filigran geschmiedete Pläne und ihre elegante Ausführung liebt, um stattdessen auf undisziplinierte Amateure zu stoßen, ein Fest aber womöglich für jene, die Chaos als Ausdruck einer von Unwägbarkeiten gespickten Realität zu schätzen wissen, die selten etwas mit den perfekt inszenierten Ausbrüchen zu tun hat, die man von Steve McQueen und seinesgleichen gewohnt ist.
Tatsächlich hat es etwas faszinierend Ungeschöntes, wenn man den wackligen Schritten des strukturlosen Drehbuchs folgt und sich immer wieder Verzweiflung und Resignation auf den Gesichtern der beiden Hauptfiguren breitmacht, die das große Ganze als einzige überblicken. Man könnte also sogar sagen, dass „Riot – Ausbruch der Verdammten“ eine Facette von Realismus bietet, die anderen, auch gerade größeren Gefängnisfilmen fehlt, mögen diese auch packender inszeniert und geschrieben sein. Vielleicht kommt hier auch die Handschrift von Frank Elli durch. Obwohl dieser auch Fiktives in sein Buch mischte, sind es die situativen Beobachtungen, die sich mit objektivem Auge auch in der Verfilmung niederschlagen; so etwa die deutlich sichtbare Klassenteilung der Häftlinge in jene, die sich aktiv an der Revolte beteiligen, und jene, die passiv in den Zellen zurückbleiben und vor der Kamera zur Hintergrunddekoration erstarren. Oder die Andeutungen von Homosexualität und deren Liberalisierung, die schlussendlich auch die gesellschaftlichen Entwicklungen während der 60er Jahre spiegeln.
Spätestens mit dem eigentlichen Ausbruch fallen die dokumentarischen Qualitäten allerdings in sich zusammen, denn wer ausbrechen möchte, muss sich vorher über einen längeren Zeitraum in Akribie, Geduld, Athletik und strategischem Denkvermögen bewiesen haben. Weil im Trubel des Gefechts kaum etwas von den Vorbereitungen gezeigt wird, kommt der finale Akt wie aus dem Nichts. Für eine letzte dramatische Wende ist zwar noch Platz, die emotionale Beteiligung des Betrachters beschränkt sich aber auf ein Minimum, weil vorher einfach zu wenig in die Figuren investiert wurde.
Als ein Ausbruchsfilm, der mal etwas andere Schwerpunkte setzt als die großen Klassiker, bewahrt sich „Riot – Ausbruch der Verdammten“ seinen Wert, selbst wenn der Tunnel mit dieser Strategie nicht so weit führt wie bei der namhaften Konkurrenz. Die Geschichte aus der Feder eines ehemaligen Insassen und die realen Drehorte mit echten Gefangenen als Statisten sorgen immerhin für einen Hauch Authentizität, auch wenn es gerade in diesem Genre nicht immer unbedingt der Realismus ist, der die Zuschauer an die Leinwand bannt, sondern vielleicht eher das Erstaunen darüber, zu welch außergewöhnlichen Mitteln der Mensch in der Lage ist, wenn sein Freiheitsdrang nur stark genug entwickelt ist.
(5.5/10)