Ryo Saeba ist ein Schlingel. Flink, frech, gelenkig, wagemutig und öfter mal hungrig - wobei letzteres zweideutig zu verstehen wäre, denn Ryo Saeba ist der “City Hunter” - und er macht nicht nur Jagd auf Essen, sondern auch auf böse Buben... vor allem aber auch auf hübsche Frauen.
Die Vorlage für den Film, der von einigen Fans als Jackies bester bezeichnet wird, stammt von Tsukasa Hojo, dem Vater des Mangas “City Hunter”, einer erfolgreichen Comicserie, die von 1985 bis 1991 lief und in diesem Zeitraum 35 Bände hervorbrachte. Erst 2001 wurde die Serie wieder aus einer dem Original gegenüber abweichenden Perspektive durch “Angel Heart” erneut zum Leben erweckt.
“City Hunter” sollte eine Verschmelzung östlicher und westlicher Kultur werden, um dem westlichen Publikum einerseits den Zugang zu erleichtern und andererseits die japanischen Einflüsse weiterhin zu erhalten und sie möglichst auch dem Rest der Welt näherzubringen. Es geht also primär um global transferierbare Popkultur, und zwar nicht in einem “melting pot”-artigen Amalgam, sondern einem durcheinandergewürfelten Schichtsalat aus diverse Versatzteilen der Popkultur aus den verschiedensten Teilen der Welt.
Dies darzustellen, musste und konnte auch nur die Aufgabe der Verfilmung sein, die zwei Jahre nach dem Ende der Comicserie die große Leinwand erreichte. Unter der Regie von Jing Wong sollte ausgerechnet Jackie Chan den Ryo Saeba spielen, der wohl erfolgreichste Martial Arts-Darsteller seit dem Tod von Bruce Lee. Und herausgekommen ist wahrlich ein einziges buntes Knallbonbon mit Überladung und Übertreibung als den beiden wichtigsten Stilmitteln; eine Action- und Spaßgranate, die eineinhalb Stunden lang ununterbrochen bunte Funken sprüht.
Eigentlich den gesamten Film über, jedoch insbesondere im Prolog sind die Manga-Anleihen absolut präsent. Die als beschleunigte Rückblende aufgezogenen ersten Minuten erzählen in ineinander überschlagenden Bildern mit enormen Zeitsprüngen die Vorgeschichte, wie sie dem Comic entliehen ist: Die Situation des City Hunters wird klar gemacht. So hatte Ryo (Chan) einen Partner, der ermordet wurde, als dessen Schwester Kaori Makimua (Joey Wong) noch klein war, und Ryo nahm sich ihrer an - dann wurde Kaori groß und hübsch. Eifersucht inbegriffen, denn zumindest im Comic lieben sich Kaori und Ryo insgeheim, wobei Ryo dazu noch ein Weiberheld ist und er Kaori wie sonstige Bekanntschaften gleichermaßen anbaggert - bei Kaori macht er danach jedoch meistens Bekanntschaft mit einem überdimensionalen Hammer, der übrigens auch im Film genüsslich zitiert wird.
Die Situation wird in der Verfilmung etwas entschärft wiedergegeben, so dass Chans Figur die von Joey Wong eher als eine Art Schwester zumindest zu betrachten versucht, auch wenn ihm ihre Kurven sichtlich zu schaffen machen.
Schlichtweg fantastisch sind die Szenenkonstruktionen in der Anfangsphase des Filmes, wenn jene Gegebenheiten dem Zuschauer sehr bildhaft erklärt werden. So gibt es eine Sequenz, in welcher der Regisseur stets zwischen einem Traum Ryos (in dem er Dutzende von Frauen in einem Pool vernascht) und der Realität (wo Ryo in einer Hängematte liegt, während Kaori quasi aus Eifersucht versucht, ihn zu wecken) hin- und herschneidet, und das mit ausgesprochen effektiver Wirkung, gerade was die Beziehung zwischen den beiden Mitgliedern des “City Hunter”-Teams betrifft. Die Dialoge werden dadurch nicht nur hier, sondern den ganzen Film über recht belanglos - man könnte dieses absurd-bunte Spektakel beim ersten Mal auf Kantonesisch ansehen und würde durch die reine Bildsprache alles verstehen können, weil die alles überschattende Bildsymbolik die Textsemantik nahezu ins Abseits stellt.
Spätestens am Ende des ersten Drittels gleitet der Film locker-flockig in den Actionbereich über. Den Übergangsbereich markiert eine Skateboard-Verfolgungsjagd, rasant und spektakulär geschnitten und überaus ansprechend in Szene gesetzt. Einschließlich dieser Szene haben wir zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht wirklich etwas von Jackie Chans Akrobatik spüren, allerhöchstens erahnen können. Wo die Skateboard-Szene nämlich eher von Wirework und Schnitten lebt, kommt man erst auf dem Kreuzer in den Genuss der Chanschen Martial Arts.
Soweit steht zunächst enormes Overacting im Vordergrund, das zugleich eine selbstironische Distanz gegenüber der Comicvorlage aufbaut. Chan knautscht sein Gesicht in diversen Szenen und überstrapaziert die Gesichtsmuskeln, so weit es nur geht. Er hampelt herum, spielt den Trottel vom Dienst und stellt sich hin und wieder in Aufsicht vor die Kamera und posaunt, von seinem weißen Anzug mit einem künstlichen Heiligenschein versetzt: “Du hast es mit keinem Geringeren als dem City Hunter zu tun!”. Ein überlegenes Lächeln umspielt die Mundwinkel, bevor es von den Bad Guys was setzt. Der Geist der Vorlage wird damit mehr oder minder gehalten, da auch diese mit Fehlbarkeit des Helden glänzte, der mehr als einmal was auf den Deckel bekam; ganz zu schweigen von dem überbordenden Overacting, das man im Comicbereich wohl eher Karikatur oder Überproportionalisierung nennen würde, welche zu den wichtigsten Stilmitteln des Mangas gehört - man denke nur an die riesigen Augen.
Sobald wir nach rund einer halben Stunde auf dem Kreuzer angekommen sind, wie es das Skript erfordert (Ryo hat den Auftrag, die Tochter eines Geschäftsmannes vor diversen Gangstern in Sicherheit zu bringen, und sie befindet sich halt auf einem Kreuzer), beginnt wahrhaftig bereits das fulminante Actionfinale, das von kleineren Pausen durchsetzt wortwörtlich bis zum finalen Gong dauert. Der Kreuzer, optisch auch durch die vielen Farbfilter (überwiegend wird in einzelnen Räumen mit Blaulicht gearbeitet) an den Austragungsort aus einem Computerspiel erinnernd, dient dann als Austragungsgelände für die nun auch vorhandene Kampfakrobatik, für Explosionen, Verfolgungsjagden und Versteckspiele. Indirekt wird der etwa zeitgleich abgedrehte “Alarmstufe: Rot” und damit noch indirekter dessen Vorlage “Stirb Langsam” abgefeiert, 70er Jahre-Katastrophenfilme, die auf einem Schiff spielten, bekommen ebenfalls gebündelt ihr Fett weg.
Hier treffen wir dann auch erstmals auf das Badass-Zweigespann in Form von Richard Norton (“Mr. Nice Guy”) als Kopf der Gangsterbande und Kickbox-Meister Gary Daniels (“Recoil”) als dessen schmierige rechte Hand. Hält sich Norton eigentlich eher dezent im Hintergrund, wird Daniels mit seiner durchaus einnehmenden Erscheinung als der körperlich weit überlegene, schier unbezwingbare Gegenspieler von Chan aufgebaut - ein stets wirkungsvolles Gegnerstereotyp, wie es Chan bis hin zu seinem “First Strike” immer wieder verfolgt hat.
Daniels darf, obgleich sein volles Potenzial zu keinem Zeitpunkt abgerufen wird, hin und wieder zeigen, was in ihm steckt; vor allem aber hat man ihm auch etwas Platz gelassen für Komödie. Das betrifft nicht zuletzt die “Street Fighter II”-Verarsche, und damit wären wir wieder bei der Popkultur. Bekanntlich als eines der populärsten Videospiele aller Zeiten in die Computerspielhistorie eingegangen und inzwischen mit Jean Claude Van Damme mehr schlecht als recht verfilmt worden, wird der Prügler von Jackie Chan und Gary Daniels in einem zentralen Duell eingehend einer Persiflage unterzogen. Während Daniels bei seiner etwas tuckigen Ken-Inkarnation bleibt, wechselt Chan mehrmals zwischen Dhalsim, Chun-Li, Guile und E. Honda (der Name des Sumos musste übrigens in “E. Honde” abgeändert werden, da Jackie Chan zu der Zeit einen Werbevertrag mit Mitsubishi hatte und nicht den Namen der Konkurrenz tragen durfte). Nun mag man - wohl zu Recht - fragen können, inwiefern es sinnvoll ist, dem Videospiel gleich eine derart ausführliche Hommage zu widmen, anstatt es einfach nur kurz zu erwähnen. Auch ich muss sagen: Obgleich die ganze Street Fighter-Sache eine sehr spaßige Angelegenheit ist, hätte es mir wohl gereicht, wenn Gary Daniels einfach ohne weitere Erklärung plötzlich einen roten Kampfanzug angehabt hätte. Der Aha-Effekt war nämlich dahin, sobald an der Wand ein “Street Fighter”-Werbeplakat und ein Spielautomat gezeigt wurde.
Ansonsten referierte man auch gleich auf die Person Jackie Chan, als der in einem Kino eine ganze Meute Gangster plattmacht, um sich zwischenzeitlich auf der Leinwand Tipps zu holen - von niemand geringerem als Bruce Lee, der gerade in seinem legendären “Game of Death” zu sehen ist. Eine Hommage also auch an die fernöstliche Martial Arts-Kultur, die durch Bruce lee revolutioniert wurde und deren Einfluss sich auch Jackie Chan nicht entziehen kann. Und Chan wird damit zum Konglomerat östlicher und westlicher Kultur gleichermaßen, auch weil Ryo Saeba zugleich ein auf Hong Kong modifizierter James Bond ist.
Eastern-Abstinenzlern wird sich definitiv der Magen umdrehen, wenn Jackie Chan mal wieder durch das reine Verdrehen von Gliedmaßen und allen verfügbaren Gesichtsmuskeln den Hampelmann macht und damit diesmal einer Comicfigur sein Antlitz leiht. Alle anderen werden jedoch frohlocken und jubeln ob einer mehr als gelungenen Comicadaption, die gemäß der Vorlage sämtliche popkulturellen Elemente der frühen Neunziger durch ein buntes Potpourri zieht und sie ausquetscht, bis nichts mehr da ist als eine quietschbunte Soße. Die Anleihen bei Tsukasa Hojos Werk sind durchweg gelungen und die Action wird jeden Chan-Fan auf Anhieb begeistern. “City Hunter” ist definitiv ein aufregendes Hong Kong-Spektakel der oberen Klasse.