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Welche Auswirkungen kann es auf die Psyche eines Menschen haben, wenn jene Person immer wieder von wichtigen Bezugspersonen im Leben (Vater / große Liebe) im Stich gelassen wurde und nun, in einer besonderen Streßsituation (Collage-Abschluß-Prüfungen / wichtige Vorstellungsgespräche), mit genau jenen Gefühlen der Vergangenheit konfrontiert wird?

Diese Konstellation hätte der Ausgangspunkt einer klassischen Thrillergeschichte mit Potential auf verschiedenen Ebenen (Spannungsaufbau, Charakterzeichnung, ...) sein können – wie gesagt: „hätte“, denn „Abandon“ scheitert fast völlig an diesen Ambitionen.

Vor einiger Zeit ist der exzentrische Collage-Schüler Embry (Charlie Hunnam – sieht aus wie ein junger Brad Pitt, nur ohne dessen Talent) spurlos verschwunden. Da er vermögend war (und man inzwischen nicht mehr von seiner Rückkehr ausgeht), muß nun wegen der Erbabwicklung sein Tod oder ein Beweis seines Aufenthalts festgestellt werden.
Den Auftrag dazu bekommt der Cop (...und Ex-Alkoholiker...) Wade Handler (Benjamin Bratt – überraschend charismatisch), welcher im Laufe seiner Ermittlungen auf die Ex-Freundin Embrys trifft (Katie Holms – bezaubernd wie immer), die scheinbar mehr weiß, als sie zu sagen bereit ist und sich gerade im Abschlußstreß vom Collage befindet...

Katie (der Rollenname lautet ebenfalls so) wurde von Embry verlassen, obwohl beide eigentlich gemeinsam nach Europa durchbrennen wollten – darunter leidet sie bis heute, doch der ermittelnde Cop erweckt natürlich auch Interesse bei ihr ... ja, es kommt, wie es kommen muß:
Katie und Wade kommen sich näher, Embry taucht allem Anschein nach wieder auf und macht ihnen das Leben schwer – und dann kommt auch noch ein finaler Twist der Handlung...

„Abandon“ versucht in fast allen Belangen cleverer zu sein, als er im Endeffekt wirklich ist – das gilt vor allem für den finalen „Handlungstwist“, welcher jedoch (für den geübten Seher) in einer Szene gleich zu Beginn recht eindeutig förmlich angekündigt und somit verraten wird (...aber auch ohne diese eine Einstellung wäre der Verlauf ebenfalls ohne größere Mühen vorherzusehen gewesen...).

Die größte Enttäuschung stellt Stephen Gaghan dar: Er führte hier Regie und schrieb das Drehbuch – es wäre okay, wenn gerade er nicht den Oscar für das geniale „Traffic“-Drehbuch gewonnen hätte.
Es ist ja nicht nur so, dass er vielleicht mit seiner ersten Regiearbeit einfach überfordert gewesen wäre – nein, das Skript an sich weist schon die größten Schwächen auf: Wade war mal Alkoholiker, und natürlich muß er im Laufe der Ereignisse mit seiner Überwindung kämpfen ... die Motive der Vereinsamung von Katie und die Enttäuschung durch den ständigen Verlust von Vertrauenspersonen wird bestenfalls angerissen, es gibt kaum eine Charakterentwicklung (obwohl die Deleted Scenes der RC-1-DVD wenigstens etwas Material zum Verlust des Vaters hergeben würden) ...

Für mich war „Abandon“ daher eine echte Enttäuschung, obwohl er handwerklich gut gemacht ist und schauspielerisch auch einige Momente bietet (daher meine nicht allzu vernichtende Punkte-Bewertung).

Der Film ist nett anzusehen, doch man sollte nicht allzu viel erwarten, denn er bietet zu wenig Tiefgang für ein psychologisches Drama und nicht genügend Spannung für einen psychologischen Thriller = 5 von 10

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