Es gibt unzählige Filme. Vor allem Liebesfilme. Die meisten davon sind ätzend stereotyp, vorhersehbar und leider auch lachhaft bis übertrieben. Hin und wieder findet sich aber wieder ein Fünkchen Hoffnung am Kinohimmel und ein Geheimtipp kommt zum Vorschein.
So ein Geheimtipp ist "Harry und Sally" sicherlich nicht. Mit Meg Ryan und Billy Crystal hat er auch gar nicht die Schauspieler dazu. Dennoch ist es irgendwie verblüffend, dass Rob Reiners Meilenstein des romantischen Kinos so vielen geläufig ist. Durch diese Tatsache geblendet, machte ich stets einen Bogen um besagten Film, immer in der Annahme, es handle sich zwar um einen unterhaltsamen Liebesfilm mit lustigen Elementen, aber ganz sicher nicht um einen Klassiker. Ich verstehe auch wirklich nicht, wie ein so breites und großes Publikum Gefallen an diesem Werk findet, denn eines ist es sicher nicht. Stereotyp. Über die Vorhersehbarkeit lässt sich streiten, aber darum geht es hier auch gar nicht. "Harry und Sally" ist ein Film über die Liebe. Wie sich zwei Studenten zwangsweise kennenlernen, aber nur eine längere Autofahrt miteinander verbringen. Sich dann Jahre später wieder treffen und sich anfreunden. Und wiederum Jahre später mittlerweile beide vergeben sind, wobei die Beziehungen bald zu Bruch gehen. Noch immer sehr eng befreundet, stellt sich nun die Frage, was Harry und Sally eigentlich füreinander sind.
Also bitte, wer da nur eine Sekunde daran zweifelt, dass es kein Happy End gibt, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Klar deutet Alles darauf hin und es geschieht letztendlich auch, doch genau das ist eigentlich gar nicht von Bedeutung. Vielmehr geht es hier darum, die Liebe in ihren Variationen, in ihrer Vielfalt und in verschiedenen Generationen zu beleuchten und eine Vielzahl von Fragen aufzuwerfen. Gibt es die Liebe auf den ersten Blick ? Und wenn ja, ist man dann nur auf den ersten Blick verliebt oder kann sich auch etwas entwickeln ? Gibt es eine platonische Freundschaft zwischen Mann und Frau ? Wenn ja, wann ist die Freundschaft nur Freundschaft und wann beginnt sie, mehr zu werden ? Wie groß dürfen Hoffnungen sein und wie lange kann es dauern, bis aus einer eigentlich vorherbestimmten Liebe auch Liebe wird ?
"Harry und Sally" gibt so viele Antworten darauf und das auf so eine unglaublich sympathische, aber auch sehr eigene Art und Weise, dass der Film wirklich als eines der Unikas des Genres bezeichnet werden kann. Wenn die Dialoge erfrischend anders daherkommen und sie einem aus der Seele sprechen. Wenn die Dialoge tiefgründig, ausgeflippt und lustig zugleich sind und der Zuschauer das Gefühl hat, die Dialoge sind nicht aus einem Film, sondern könnten so im echten Leben an jeder beliebigen Straßenecke ihre Existenz haben. Dann weiß man, dass man hier etwas Besonderes hat, das unbedingt gesehen und geliebt werden muss.
Auch wenn die Besetzung wirklich nach Klischee-Liebeskomödie/-tragödie klingt, bitte lasst euch nicht täuschen. Billy Crystal und Meg Ryan bekleiden ihre Rollen dermaßen authentisch, mitfühlend und unterhaltsam, dass der Zuschauer gar nicht anders kann, als sie zu mögen und trotz aller Transparenz mitzufiebern, wann es denn endlich soweit ist, dass die Beiden erkennen, dass eigentlich sie zusammen gehören und nicht nur befreundet sind. Hier wird nicht gesülzt oder romantisch über Sonnenuntergänge oder herrliche Panoramen geschwelgt. Hier wird gelacht, gestritten, geweint und geliebt. Und das alles wirklich herkömmlich. Gott sei Dank herkömmlich. Doch was ist schon herkömmlich. Wo die meisten Filme im Einheitsbrei versinken, bittersüß im Kitsch ersaufen und hier und da Logiklöcher so groß wie sonstwas aufzuweisen haben, ist "Harry und Sally" ein Plädoyer an die Liebe. An die ewige Liebe. In Zwischensequenzen werden jeweils immer 2 verheiratete Leute gezeigt, die über ihre Hochzeit und die Art ihres Kennenlernens sprechen. Zumeist handelt es sich hierbei um Rentner, deren intime und innige Liebesleben schon ewig zurückliegen, doch sie freuen sich, immer noch mit dem anderen liiert zu sein. Und vor allem betonen sie eines. Die Liebe verjährt nicht.
Danke für so viel positive Eigenwilligkeit. Bitte mehr davon. Das Ende ist zwar vorhersehbar und die Charaktere um Harry und Sally teilweise etwas naiv, doch alles in allem hat man hier einen tollen Liebesfilm, mit intelligenten und gewitzten Dialogen und Szenen, die wohl Filmgeschichte schrieben. Sally mit gespieltem Orgasmus im Restaurant oder zahlreiche Split-Screen-Sequenzen bei Telefonaten, die in der Form auch noch nicht zu sehen waren. Einfach ein gutes Beispiel, dass Filme mit normaler Story auch wirklich außergewöhnlich sein können.
8,5/10 Punkte