Review

Der Zyniker Harry, der der festen Auffassung ist, dass Männer und Frauen keine Freunde sein können, da ständig der Sex zwischen ihnen stehen würde, gespielt von Billy Crystal, und die eher heitere Studentin Sally, gespielt von Meg Ryan, teilen sich als Fahrgemeinschaft die Reisekosten nach New York und sind eigentlich heilfroh, als sie ankommen und getrennte Wege gehen. In New York treffen sie sich im Lauf der nächsten Jahre immer wieder und unterhalten sich über ihre Beziehungen, bis die beiden doch noch Freunde werden. Als sie dann aber doch noch miteinander schlafen, steht der Sex tatsächlich zwischen ihnen.

"Harry und Sally" gilt als eine der besten Liebeskomödien aller Zeiten und avancierte zum Kult, lies Rob Reiner, der anschließend mit "Misery" und "Eine Frage der Ehre" weitere Erfolge feiern konnte, in Hollywoods obere Regie-Riege aufsteigen und bescherte darüber hinaus Autorin Nora Ephron, sowie Billy Crystal einen bedeutenden Karriereschub und machte Meg Ryan über Nacht zum Star. Zudem wurde der Film dutzendfach kopiert, manche Gags wurden ganz dreist für andere Filme übernommen, oder man kopierte sogar die ganze Grundidee, wie zum Beispiel bei "So was wie Liebe", aber obwohl Reiners Werk seit rund 20 Jahren regelmäßig übernommen wird, wurde der Kultfilm nie erreicht, weswegen er auch heute noch einzigartig gute Unterhaltung bietet.

Zunächst einmal kann sich Rob Reiner bei seinen beiden grandiosen Hauptdarstellern bedanken, ohne die dieser Film so nicht möglich gewesen wäre. Meg Ryan, hier nach ihrer Nebenrolle in "Top Gun" und ihrer Hauptrolle in "D.O.A." in einer ihrer frühen Rollen zu sehen, zeigt sich gewohnt sympathisch und liebenswert, zudem zeigt sie viele verschiedene Emotionen, aber wirklich alle überzeugend. Im Gegensatz dazu spielt Billy Crystal den Zyniker, zwar ebenfalls relativ liebenswert, aber doch eher emotionslos und damit ein weniger zurückhaltender als Meg Ryan. So ergänzen sich die beiden definitiv perfekt und sind das beste Leinwandpärchen, dass man sich nur vorstellen kann. Aber auch das zweite Leinwandpärchen überzeugt voll und ganz. Carrie Fisher, die in "Krieg der Sterne" noch recht blass wirkte, zeigt hier eine der besten Leistungen ihrer Karriere, genauso, wie Bruno Kirby. Die beiden haben ebenfalls die nötige Sympathie für ihre Rollen und harmonieren als liebenswertes Pärchen perfekt.

Des Weiteren kann Reiner froh darüber sein, dass er ein dermaßen gelungenes Drehbuch vorliegen hatte. Nora Ephron, die später auch als Regisseurin unter Anderem mit "Schlaflos in Seattle" in Erscheinung trat, gelingt hier nämlich das beste Drehbuch ihrer Karriere, für das sie vollkommen zu Recht für den Oscar nominiert wurde. Die Dialoge sind allesamt geschliffen und damit enorm amüsant, die hätte auch Woody Allen höchstpersönlich nicht besser hinbekommen. Damit gibt es Gags am laufenden Band, zudem werden diese von Rob Reiner perfekt getimt, hervorragend dosiert und von den Darstellern sympathisch serviert. Fäkalhumor gibt es zum Glück überhaupt keinen, meistens besteht der Humor aus genialem Wortwitz und brilliant eingefädelter Situationskomik, wie man sie leider viel zu selten zu sehen bekommt.

Die Handlung als solche mag vor allem in der ersten Hälfte relativ episodenhaft geworden sein, was dem gelungenen und mitreißenden dramaturgischen Aufbau des Films aber nicht im Geringsten schadet. Durch die Aufeinandertreffen der beiden Hauptcharaktere werden die Lebensgeschichten der Hauptfiguren, deren Beziehungen und Trennungen hervorragend erzählt, ohne, dass der Film dabei ausschweift, womit die Charaktere durchaus vertieft werden. In der zweiten Hälfte des Films lebt "Harry und Sally" dann von der Beziehung der beiden Hauptfiguren, die immer eindringlicher und einfühlsamer geschildert wird. Da Reiner die Filmmusik hervorragend auswählt und wirklich jede Szene passend unterlegt und das Erzähltempo genau richtig wählt reißt der Film mit seiner emotionalen Wohlfühlatmosphäre durchaus mit und wird durch den, sehr stilvoll gewählten Humor, bei dem wirklich jeder einzelne Gag sitzt, keineswegs ausgebremst.

Die verschiedenen Ansichten über Liebe und Freundschaft, über die Beziehung von Männern und Frauen sind dabei wesentlich tiefsinniger, als man es von anderen Liebeskomödien kennt und werden durch die beiden Hauptfiguren aus vollkommen gegensätzlichen Perspektiven dargelegt. Angesichts dieser Vorzüge des Films stört es auch nicht weiter, dass er zum Ende hin stellenweise an seiner Vorhersehbarkeit krankt, so hat wohl niemand ernsthaft damit gerechnet, dass die beiden nicht zusammen kommen, ein Film zum immer wieder Ansehen ist das Werk dennoch, zumal auch lang nach dem Abspann noch ein Wohlgefühl bestehen bleibt, für das man sich solche Filme im Endeffekt ansieht.

Fazit:
Mit geschliffenen, enorm amüsanten Dialogen, Situationskomik vom Feinsten, einem dramaturgisch mitreißenden Aufbau, zwei sympathischen und brillierenden Hauptdarstellern, sowie der routiniert gewählten Filmmusik ist "Harry und Sally" eine der besten Liebeskomödien, die es gibt. Reiners Meisterwerk, das dutzendfach kopiert, aber nie erreicht wurde, ist ein Muss, auch für die, die mit den übrigen Filmen des Genres nicht viel anfangen können.

92%

Details
Ähnliche Filme