Review

Angesichts des Massenangebots an Liebeskomödien, das in die Kinos oder besser gleich in die Videotheken kommt, beginnt die Erinnerung an einen Film wie "Harry und Sally" langsam zu verblassen. Gut - man erinnert sich an die "Orgasmus"-Szene in dem Schnellrestaurant, aber der genaue Zusammenhang ist nach mehr als 20 Jahren schon etwas in Vergessenheit geraten, denn etwas wirklich Aufregendes passiert in "Harry und Sally" sonst eigentlich nicht.

Betrachtet man den Film objektiv aus heutiger Sicht, fällt sofort die etwas altmodische, leicht betulische Inszenierung auf. Die ersten Minuten geben sozusagen das Vorspiel, wenn Harry (Billy Christal) Sally (Meg Ryan) das erste Mal trifft, um mit ihr nach New York zu fahren. Was in anderen Filmen für ein komplettes Road-Movie mit entsprechenden Verwicklungen genutzt werden würde, hat hier nur die Funktion des Kennenlernens, ohne jede konkrete Auswirkung - keine Verabredung, nicht einmal der Austausch von Adressen oder Telefonnummern findet hier statt, also wie meist im richtigen Leben. Bis auf ein kurzes Intermezzo während eines zufälligen gemeinsamen Flugs sehen sich die Beiden zehn Jahre lang nicht wieder, bevor dank eines weiteren zufälligen Treffens in einer New Yorker Buchhandlung die eigentliche Handlung beginnt.

Bei diesem Treffen handelt es sich um den einzigen Drehbuch-Kniff und damit die einzige Wendung, die man als filmisch etwas gewollt hinstellen könnte, denn wer würde bestreiten, dass so manche aufregende zufällige Bekanntschaft leider zu keinerlei Wiederholung mehr führte. Dass es ab dem Wiedersehen in der Buchhandlung zu einem dauerhaften Kontakt kommt, ist wiederum kein Zufall, denn Harry und Sally können etwas miteinander, was sich von Beginn an abzeichnet - sie können miteinander reden. So verschieden sie auch vom Charakter her sind, so wenig sich die gegenseitige Sympathie sofort einstellt, so intensiv ist ihr Gespräch, weshalb es auch nicht erstaunt, dass sie sich gegenseitig in Erinnerung behielten.

Diese Gesprächslastigkeit bestimmt den Charakter des gesamten Films, der keinerlei Zuspitzung, Drama oder sonstige unerwarteten äußerlichen Ereignisse benötigt und damit völlig konträr zu dem Genre steht, das er mit seinem Erfolg erst kreierte. Ob ein unmittelbarer kausaler Zusammenhang zur modernen "RomCom"-Schwemme besteht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, aber in der Folge des Films entstanden eine Vielzahl von sogenannten Liebeskomödien, die dann irgendwann den "RomCom"-Stempel verliehen bekamen.

Die Metamorphose, die dieses Genre seitdem erfuhr, lässt sich ein wenig am Schicksal der Hauptdarstellerin Meg Ryan verdeutlichen, die als 28jährige in "Harry und Sally" eine Frau, Anfang 30, verkörperte, während sie das heute mit fast 50 immer noch versucht. Die heutigen Liebeskomödien sind vielleicht rasanter inszeniert, aber sie brauchen viel Make-Up, um ihre immer gleiche Botschaft ans Publikum zu bringen. Natürlich ahnt man auch bei "Harry und Sally" von Beginn an, dass die Beiden zum Schluss zusammen kommen, aber das ist die Grundlage jeder Liebeskomödie. Doch während sich moderne Exemplare des Genres die aberwitzigsten Situationen ausdenken müssen, um ein möglichst unmögliches Paar zueinander zu bringen, spürt man hier von Beginn an, dass die Beiden zusammen passen, nur eben an äußerlichen Umständen lange scheitern. Und zwar an den normalsten Dingen, die das Leben aufzubieten in der Lage ist - Ausbildung, andere Partner, momentan unterschiedliche Intentionen und vor allem an sich selbst. Jede Beziehung bedarf neben einer gegenseitigen Anziehungskraft auch immer glückliche Umstände.

Dank dieser Nähe zur Realität, die in den Dialogen zudem auf die witzigste Art aufgeschlüsselt wird, gehört "Harry und Sally" zu den wenigen Filmen, die man sich wiederholt ansehen kann, weil der Ausgang nicht entscheidend ist - vorausgesetzt man hat sich vom aufgeblähten "RomCom"-Genre, dass Optik und eine an den Haaren herbei gezogene Story mit Inhalt und Emotion verwechselt, nicht das Gehirn aufweichen lassen.

Mit diesen Filmen hat "Harry und Sally" nichts gemeinsam, denn Regisseur Rob Reiner orientierte sich mit seiner Geschlechter - Komödie, trotz eigenständiger zeitgenössischer Elemente, an den Klassikern des Genres, wenn man diese Einteilung überhaupt dafür nutzen will. Beim ersten gemeinsamen Silvester erklingt "Greensleeves" - das traditionell in den USA gesungene Lied zum Beginn des neuen Jahres - noch nicht, erst beim zweiten gemeinsamen Silvesterfest erhebt es sich begleitend zum emotionalen Höhepunkt. Damit zitiert Reiner den Moment aus Wilders "Das Appartement", in dem "Greensleeves" auch zum emotionalen Auslöser für das Paar Jack Lemmon und Shirley MacLaine wurde.

An dessen Qualität kam Reiners Film nicht mehr ganz heran, aber aus heutiger Sicht erkennt man in "Harry und Sally" eher das Ende einer so witzigen, wie tiefsinnigen komödiantischen Betrachtung des täglichen Geschlechter-Kampfs, als den Beginn des heute aktuellen "RomCom" -Genres (9/10).

Details
Ähnliche Filme