"Wenn niemand zusieht dann hätten sie keine Spiele mehr."
"Die Tribute von Panem" basiert auf der literarischen Vorlage von Suzanne Collins, die auch das Drehbuch zum Film schrieb. Trotz diverser Unterschiede ist die Adaption recht nahe am ersten Teil der Romantrilogie.
Nach einer Naturkatastrophe bildet sich in Nordamerika eine diktatorische Staatsform, in der das Land in 12 Distrikte und dem Kapitol als Regierungssitz eingeteilt wird. Während es den Menschen im Kapitol gut geht, kämpfen die Menschen in den Distrikten gegen Hungersnöte. Um Aufstände zu vermeiden veranstaltet das Kapitol jährlich die Hungerspiele, für die jeder Distrikt je einen Jungen und ein Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren als Tribut hergibt. In einer Arena treten diese Tribute an um in der Wildnis zu überleben und sich gegenseitig zu bekämpfen, bis nur noch einer übrig ist.
Als ihre Schwester für die 74. Hungerspiele gezogen wird meldet sich Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) freiwillig um mit Peeta Mellark (Josh Hutcherson) Distrikt 12 zu repräsentieren. Bevor die Spiele beginnen werden die Tribute im Kapitol zur Schau gestellt, wobei Katniss und Peeta Dank der Hilfe ihres Beraters Haymitch Abernathy (Woody Harrelson) einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch in der Fernsehshow des Moderators Caesar Flickerman (Stanley Tucci) dominieren sie, als angebliches tragisches Liebespaar. Dies ist auch nötig, denn um in der Wildnis zu überleben benötigen sie die Hilfe von Sponsoren, die zu ihrer Unterstützung kostbare Geschenke wie Nahrung oder Medikamente verteilen. Als die Spiele beginnen kämpfen die Tribute aber nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen die des Spielemachers Seneca Crane (Wes Bentley) inszenierte Umgebung.
Die Behauptung "Die Tribute von Panem" sei in irgendeiner Art und Weise mit der "Twilight"-Reihe verwandt ist schlichtweg falsch und einzig als Vermarktungszweck zu verstehen. Weder substantiell noch geistig haben die beiden Reihen etwas gemeinsam, außer, dass sie augenscheinlich für Jugendliche konzipiert seien. Aber selbst dies betrifft Suzanne Collins' Saga nur oberflächlich. Im Kern sind ihre drei bekanntesten Romane wesentlich erwachsener, als es zunächst den Anschein hat.
"Die Tribute von Panem" ist eine klassische Science-Fiction-Geschichte mit starkem Survival-Einschlag, eingebettet in einer dystopischen Zweiklassengesellschaft. Kaum verkennbar sind Referenzen zu "Battle Royale" sowie "Running Man", wenn es um den medialen Überlebenskampf geht. Die Medien- und Gesellschaftskritik des Films ist altbacken, aber wirkt bis heute.
Durch schnelle Schnitte und eine unruhige Kameraführung wird versucht, die brutale Prämisse der Geschichte aufzufangen, was aber nichts an der blutigen Thematik ändert. Hier werden Kinder und Jugendliche zwecks Unterhaltung der Massen zur Schlachtbank geführt und zur Show gestellt. Im Gegensatz zu den Romanen verzichtet der Film aber auf eine detaillierte Visualisierung expliziter Details und handelt ganz im Sinne eines Jugendlichen Publikums.
Bevor sich die Protagonisten in die wildliche Arena begeben, werden sie ausführlich charakterisiert. Knapp 80 Minuten umfasst diese Exposition bevor es ans Eingemachte geht. Was sich wie ein langwieriges Geduldsspiel anhört, ist es jedoch ganz und gar nicht. Dadurch, dass sich der Film sehr nah an der prozeduralen Vorbereitung auf die Hungerspiele und Katniss' Entwicklung hält, bewahrt er sich immer ein großes Maß an Spannung und versteht es dennoch Figuren und Konflikte souverän weiterzuentwickeln.
Ganz nebenbei erklärt der Film somit auch seine weltlichen Eigenheiten. Fragen, wie das politische System funktioniert oder inwiefern sich die Umwelt und Technologien verändert haben, werden überwiegend direkt geklärt.
Aber selbst bis hier hat "Die Tribute von Panem" noch nicht alle Karten seiner komplexen Handlung ausgespielt. Neben einem skurrilen Gesellschaftsbild der oberen Schicht formt der Film ein feinfühliges Charakterdrama sowie eine sanfte, unaufdringliche Romanze. So passiert es, dass die 142 Minuten gefühlt kürzer wirken und keinesfalls langweiligen.
Die flotte Erzählweise und die Anpassung an ein Jugendliches Publikum fordert allerdings auch seinen Tribut. Zu Beginn und während der Kämpfe sind die handwerklich sauberen Bilder von Erschütterungen geprägt, die das Sehvermögen auf Dauer anstrengen. Auch der Einstieg und der Abschluss erfolgt etwas zu hastig.
"Die Tribute von Panem" hat eine optimale Besetzung. Jennifer Lawrence ("Winter’s Bone") beeindruckt mit einer enorm kontrollierten Performance und einer starken Präsenz. Ihre Interpretation der eher untypisch abweisenden Identifikationsfigur trifft stets den richtigen Ton. Josh Hutcherson ("Die Reise zum Mittelpunkt der Erde") bleibt dagegen ein wenig zu blass und eintönig.
Einzigartige Figuren verkörpern die renommierten Darsteller Stanley Tucci ("Burlesque", "Captain America"), Woody Harrelson ("No Country for Old Men", "2012"), Elizabeth Banks ("Spider-Man"-Reihe), Wes Bentley ("American Beauty", "Ghost Rider") sowie Donald Sutherland ("Kill the Boss", "Outbreak - Lautlose Killer"), die in ihren Nebenrollen teils ein wenig zu kurz kommen.
Auch ohne jegliches Vorwissen funktioniert "Die Tribute von Panem" wunderbar als eigenständiges, schlüssiges Gebilde, das sich und seinen Charakteren jederzeit treu bleibt und dabei eine spannende, atmosphärisch dichte Geschichte zu erzählen weiß. Zwar finden sich weder in den angesprochenen Themen noch in der bewusst gesetzten Medien- und Gesellschaftskritik neue Erkenntnisse, ihre Umsetzung ist allerdings konsequent. Die unruhige Kameraführung strengt zwar an und kaschiert die nur kurz sichtbaren Gewaltspitzen, die temporeiche und glaubwürdige Erzählweise aber rechnet sich gegen.
9 / 10