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Wie steht es um das Actionkino der beginnenden 2010er Jahre? Bekommt der erwachsene Actionfan heutzutage genug Schmackhaftes vorgesetzt, das seinen kulinarischen Ansprüchen genügt? Der mit den erfrischend wenig skrupulösen Arnold, Sly, Steven, Dolph und Jean-Claude großgewordene Männerfilmveteran würde diese Frage vermutlich wehmütig und mit leicht klagender Stimme verneinen. Was ist nur aus dem guten, alten Ballerfilm geworden? Wo Männer noch Männer waren, keine jugendlichen Hauptdarsteller oder irgendwelche CGI-Roboter durchs Bild getrollt sind, die Superhelden noch kein albernes Kostüm brauchten und die Kinovorstellungen für Jugendliche unzugänglich waren? Heute werden Abermillionen in computeranimierte Actionkost gesteckt, bei der regelmäßig nicht nur ein Polizeirevier oder ein Hochhaus zerballert, sondern die halbe Welt genüsslich zerbröselt wird. Dabei gibt dann ein profilloser Teenieschwarm mit seiner austauschbaren Häng-mich-in-deinem-Kinderzimmer-auf-Visage dem nächsten die Klinke in die Hand. Derzeit sprengt jedes neue Budget noch irrsinnig fantastischer den Rahmen als das vorherige, und es wird von den Filmstudios von Streifen zu Streifen immer noch ein wenig geldversessener aufs manisch desinteressierte, schnell gelangweilte jugendliche Publikum geschielt. Schade eigentlich, denn wenn sich auch solche Produktionspolitik der Studios vorübergehend pekuniär erklecklich als lohnend erweist, bleibt bei all dem aufgeblähten Zirkus letztendlich der von je her eigentlich relaxte Stil des Actionfilms und seine traditionelle Massenuntauglichkeit unweigerlich auf der Strecke. Hektisch, überteuert und kinderfreundlich wird heute auf den Kinoleinwänden einander an die Kehle gegangen - nicht selten tricktechnisch überpinselt, nur zu erahnen, weggeblendet oder zu Tode gewackelt!

Dann fällt der Name Luc Besson, und auch wenn der Franzose nicht partout für Qualität steht, so wird die Hoffnung, keinen Käse vorgesetzt zu bekommen, doch im Schnitt seltener enttäuscht als bei anderen Produzenten. Zwar führt hier leider kein Action-Heiland wie Pierre Morel Regie, sondern zwei Regieaspiranten, die sich die Arbeit zudem teilen, doch zählt letztendlich stets das positive Ergebnis, nicht die Erwartungshaltung. James Mather und Stephen St. Leder erledigen ihren Job in der Tat hervorragend. Schnörkellos und unprätentiös wird hier ein hell leuchtendes Feuerwerk abgebrannt, das die deprimierend schwarzen Schatten ermüdend trendiger Möchtegerngenrebeiträge vergessen macht. Seit gefühlter Ewigkeit wartet der volljährige Actionfilmliebhaber auf einen neuen Happen leicht verdaulicher Kost in der Tradition seiner im DVD-Regal drapierten Juwelen. Und siehe da, unverhofft kommt oft!

Das Jahr 2078. Der zu Unrecht eines Mordes angeklagte Agent Snow (Guy Pearce) erhält unvermittelt eine Chance auf Rehabilitierung. Er soll die Tochter des Präsidenten aus den Klauen Hunderter Häftlinge befreien, die ihr in der Erdumlaufbahn schwebendes Hochsicherheitsgefängnis überrannt haben und sich nun die Rückkehr zur Erde erstreiten wollen. Also macht sich Snow betont gelangweilt auf, die lästige Aufgabe zu erfüllen. Dabei verschießt der Zyniker einen voll ins Schwarze treffenden Oneliner nach dem nächsten. Seit „Last Boy Scout" (1991) wurde nicht mehr so herzerfrischend frech kommentiert, ironisch gemeckert und die Aphorismen aus der Hüfte geschossen. Der Actionfilmroutinier traut seinen Ohren kaum. Doch diesmal hält die Freude bis zum Ende. Keine neunmalklugen Kinder, kein Ersetzen von Inhalt durch CGI, keine Werbung für irgendwelches Spielzeug, keine Armani-US-Soldaten, keine Sonderschulromantik, keine selbstzweckhafte Bilderflut und endlich mal kein Fremdschämen beim Lachen. Ein Actionfilm mit treffsicherem, erwachsenem Humor jenseits des Blödelns! Man mag es nicht glauben.

Sicher, die Handlung ist von John Carpenters „Klapperschlange" (1981) geklaut und die wenigen CGI-Effekte sehen - vor allem zu Beginn des Films - ernüchternd miserabel aus. Dieses in CGI gegossene Laientum mag zwar dem geringen Budget geschuldet sein, doch entschuldigt das nicht für die billige Lichtshow während der Motorradverfolgungsjagd eingangs, die nur einmal mehr vor Augen führt, wie sehr ein Michael Bay sein Handwerk in visueller Hinsicht versteht. Doch wo es dort allein optisch lecker zugeht, bekommt man hier Authentizität und Charakter kredenzt. Keine Mogelpackung, keine leeren Versprechen: Guy Pearce springt zurück in die 80er. Die für ihn völlig neue, ungewohnt muskelbepackte Rolle nimmt man ihm, doch ein wenig wider Erwarten, voll ab. Pearce zeigt sich ein weiteres Mal als praktisch universell einsetzbarer Charakterdarsteller, der sowohl den erbärmlichen Feigling („Ravenous", 1999) als auch den unerschrockenen, stoischen Helden überzeugend geben kann - von im höchsten Maße anspruchsvollen, Filmgeschichte schreibenden Auftritten wie dem in „Memento" (2000) ganz zu schweigen. Er ist weder alt geworden noch auf krampfhafter Suche nach ein paar Cent oder Selbstfindung. Der Engländer ist ein Künstler, der bei dem, was er tut, beeindruckend konzentriert bei der Sache ist. Selbiges gilt übrigens auch für den für seine markante Physiognomie bekannten Peter Stormare („Experiment Killing Room", 2009), der hier Snows Boss spielt und einmal mehr mühelos den Spitzbuben markiert. Die hübsche Maggie Grace hingegen ist als besonnene Präsidententochter und Menschenfreundin hier zwar kontrapunktisch zu Pearce angelegt, kann ihr Potential angesichts der ununterbrochenen Brillanz des Hauptdarstellers und seiner alles ausfüllenden Präsenz aber nicht voll zur Geltung bringen. An so viel geballtem Mannestum zerschellt jede sanfte Weiblichkeit - zumindest im Film. Und das ist gut so, denn genau das wollen wir sehen. All-you-can-eat am Testosteronbuffet! Man(n) kann auch nach dem Schießen noch fragen.

„Lockout" ist endlich wieder ein Festschmaus für Freunde des Actionkinos alten Stils. Selten war in den letzten Jahren gute Laune im Lichtspielhaus so angebracht wie hier. Nur einen bitteren Wermutstropfen muss man übrigens schlucken. Der Film ist für ein jugendfreundliches PG-13 inszeniert worden. Das wäre angesichts des geringen Budgets von 20 Millionen Dollar zwar überhaupt nicht nötig gewesen, aber der etwas fade Beigeschmack bleibt, dass man sich ohne Not um einen Platz auf dem Treppchen der drei besten neueren Erwachsenenactionfilme gebracht hat. So sehr Pearce hier sympathisch liebgewonnene Pfade beschreitet, er ist mit seinem jugendfreien Treiben weniger authentisch als ein Sylvester Stallone mit seinem „John Rambo" (2008), der bisher den kompromisslosesten und wesensechtesten „80er-Actioner" der 2000er inszeniert hat. Da reicht auch ein funkelnd glänzender und wirklich ambitionierter Genrebeitrag wie „Lockout" nicht ran. Aber wer hätte das auch ernsthaft erwartet?!

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