„Western Noir"
Als Glenn Ford 1978 in die „Western Performers Hall of Fame" aufgenommen wurde, war eine weitere Genreikone im „Western-Olymp" angekommen. Man sagt Ford nach, er sei neben John Wayne der am schnellsten ziehende Westernstar gewesen. Wenn er auch heute häufig auf seine zahlreichen Westernauftritte reduziert wird, bei genauerer Betrachtung seiner Filmographie offenbart sich die erstaunliche Bandbreite eines überaus vielseitigen Schauspielers.
Seinen Durchbruch in Hollywood feierte er 1946 an der Seite Rita Hayworths im Noir-Klassiker Gilda. In den 1940er und 1950er Jahren gehörte Ford zu den beliebtesten und zugkräftigsten Darstellern der Traumfabrik. Zu seinen Westernengagements gesellte sich auch der ein oder andere Auftritt in Hollywoods Schwarzer Serie. Hier konnte er einmal das Image des strahlenden (Revolver-)Helden abstreifen und abgründigere Charaktere verkörpern. 1957 sollte er die Gelegenheit bekommen, beides miteinander zu verbinden.
Vordergründig ist Delmer Daves 3:10 to Yuma (der deutsche Titel Zähl bis drei und bete ist weit weniger griffig) ein lupenreiner Western. Es gibt einen Postkutschenüberfall, eine Bande Outlaws, einen grundehrlichen, zupackenden Cowboy und natürlich auch ein paar Schießereien. Die Locations sind klassisch: die Prärie, eine einsam gelegene Ranch sowie ein typisches Westernnest mitsamt Bahnhof und ankommender Eisenbahn.
Auch die Story - nach einer Kurzgeschichte des Kultautors Elmore Leonhard (u.a. Schnappt Shorty, Jackie Brown, Out of Sight) - scheint aus bewährten Zutaten zusammengerührt: Der Outlaw Ben Wade (Glenn Ford) überfällt mit seiner Bande eine Postkutsche. Als der Kutscher einen seiner Männer als Geisel nimmt, erschießt Wade kurzerhand beide. Der verarmte Farmer Dan Evans (Van Heflin) muss von einer Anhöhe aus tatenlos zusehen. Seine Schwäche für schöne Frauen wird Wade schließlich zum Verhängnis und es gelingt dem Marshall ihn zu verhaften.
Wade ist wenig beeindruckt. Er ist schon wiederholt ausgebrochen. Überdies wartet seine Bande nur darauf, ihren Anführer zu befreien. Aus diesem Grund soll Wade so schnell als möglich nach Yuma gebracht und abgeurteilt werden. Freiwillige für dieses Himmelfahrtskommando sind natürlich denkbar knapp. Motiviert durch eine Mischung aus finanzieller Notlage und Prinzipientreue übernimmt Dan Evans den gefährlichen Auftrag. Zwar gelingt es ihm unversehrt mit Wade zum Bahnhof zu gelangen, die mehrstündige Wartezeit auf den Zug nach Yuma allerdings gerät zum nervenaufreibenden Psychoduell, bei dem v.a. der gerissene Outlaw sämtliche Register zieht. Als Evans freiwillige Helfer nach und nach kalte Füße bekommen, steht der Farmer völlig allein vor dem Problem, seinen Gefangenen pünktlich um 3.10 Uhr in den Zug zu verfrachten.
Natürlich werden bei dieser Konstellation Erinnerungen an den Genreklassiker High Noon (1952) wach. Auch Sheriff Gary Cooper wurde von seiner gesamten Stadt im Stich gelassen, als sich ein brandgefährlicher Outlaw per Zug näherte. Trotzdem ist 3:10 to Yuma der erheblich interessantere Film. Das liegt in erster Linie an der Figurenzeichnung. Während High Noon sich ganz auf den aufrechten Gesetzeshüter konzentriert und seinen Widerpart sträflich vernachlässigt, präsentiert uns Daves einen wesentlich feiner skizzierten Antihelden.
So fällt Fords Figur dann auch aus dem üblichen Westernrahmen. Bis zum Schluss wissen weder Zuschauer noch Widersacher so recht, woran man bei ihm ist. Dem kaltblütigen Bandenboss beim Überfall folgt beinahe übergangslos der geschickte Charmeur im Saloon. Stets Herr der Lage und seinen Gegnern meist einen Schritt voraus, begeht er doch den folgenschweren Fehler, sich auf ein zeitraubendes Rendezvous einzulassen. Beim Zwischenstopp auf Evans Farm gibt er sich überaus höflich und überrascht mit vollendeten (Tisch-)Manieren vor allem dessen Familie, nur um wenig später die gemeinsame Wartezeit auf den Zug nach Yuma zu lupenreinem Psychoterror zu nutzen.
3:10 to Yuma ist dann auch weit weniger Western als vielmehr psychologisches Kammerspiel. Ohnehin bilden die US-amerikanischen Western aus der „goldenen Genreära" (1940er bis frühe 1960er Jahre) kaum bis gar nicht die geschichtliche Realität der Pionierzeit ab. Vom historischen Standpunkt aus gesehen sind die zahllosen Western dieser Zeit genauso wenig akkurat oder authentisch wie die parallel entstandenen, knallbunten Ritter- und Abenteuerfilme. Historische Authentizität dürfte allerdings auch kaum Delmer Daves Hauptmotivation gewesen sein. Der Psychokrieg zwischen Evans und Wade steht klar im Mittelpunkt des Films, der eher zufällig im Westernmilieu zu spielen scheint.
Die deutlichen Anleihen beim Film Noir unterstreichen dieses Anliegen und sind im Hinblick auf die Gesamtkonzeption absolut stimmig. Dass nicht nur Regisseur Daves - er drehte 1947 mit dem Traumpaar Bogart / Bacall Dark Passage - sondern auch sein Hauptdarsteller Ford einschlägige Erfahrungen mit diesem Stil mitbrachten (Gilda), ist ein zusätzliches Plus. Im Western waren beide zu Hause. Glenn Ford war als Genreikone ohnehin eine Bank, aber auch Delmer Daves hatte mit Broken Arrow (1950) und The Last Wagon (1956) bereits zwei Klassiker abgeliefert. Beste Vorraussetzungen also für einen „Noir-Western".
Neben Kameraperspektive, Licht- und Schattenspielen sowie den scharfkantigen Schwarz-Weiß-Bildern, erinnert nicht zuletzt Fords Darstellung und Interpretation des Outlaws Wade eindeutig an Hollywoods Schwarze Serie. Er spielt den Banditenchef als charmant-gewitzten Zyniker, eine klassische, ambivalente „Noir-Figur". Ben Wade ist hochintelligent, äußerst manipulativ und stets Herr der Lage. Gerade dadurch, dass er sich seiner unmoralischen Lebenseinstellung absolut bewusst ist und sich klar zu dieser bekennt, ist er allen anderen haushoch überlegen. Seine Verhaftung scheint ihn kaum zu berühren, vielmehr hat man das Gefühl, dass er sie durch seine aufreizende Lässigkeit geradezu provoziert hat, nur um ein bisschen Spaß und Farbe in den grauen Gangsteralltag zu bringen. Selbst als nicht alles nach Plan läuft, seine ummittelbare Befreiung misslingt, bleibt er stets souverän und gelassen.
Glenn Fords Galavorstellung ist es zu verdanken, dass der Antiheld Wade über weite Strecken des Films zum klaren Sympathieträger avanciert. Wäre nicht der ein oder andere Gewaltausbruch, so würde man die „dunkle Seite" des Outlaws glatt vergessen. Immer wieder ertappt man sich als Zuschauer dabei, Fords Figur nicht nur erheblich interessanter, sondern vor allem auch ungleich sympathischer als seinen hölzernen Widersacher Evans zu finden.
Evans ist Wade in allen Belangen unterlegen, lediglich seine Integrität und Prinzipientreue retten ihn vor dem totalen Untergang. Ein Umstand, den auch Wade an ihm bewundert und der ein zentrales Moment des überraschenden Filmendes darstellt. Gerade in der stundenlangen Wartezeit auf den Zug nach Yuma bringt Wade seinen Bewacher an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit. Was für den einen wie ein Spiel wirkt, treibt dem anderen buchstäblich den Angstschweiß auf die Stirn. 3:10 to Yuma hat hier eindeutig seine intensivsten und stärksten Momente.
Mit 3:10 to Yuma hat Delmer Daves ein interessantes und fesselndes Psychodrama abgeliefert, das eher zufällig im Westernmilieu angesiedelt scheint. Hauptdarsteller Glenn Ford zeigt, dass er weit mehr kann, als schnell ziehen. Durch sein engagiertes und facettenreiches Spiel macht er seine ambivalente Figur - den Mörder und Banditenchef Ben Wade - zum Sympathieträger des Films. Indem er sowohl die charmante und schillernde Seite seiner Figur wie auch deren durchtriebene Gefährlichkeit nuanciert und eindrucksvoll herausarbeitet, beweist er seine überdurchschnittlichen mimischen Qualitäten.
Der eigentliche Held - der moralisch integre Farmer Evans - ist geradliniger angelegt und daher weniger interessant. Aber auch Van Heflin gelingt es, die Ängste und Versuchungen dieses eher simplen Charakters überzeugend darzustellen. Das Zusammenspiel beider, ihr intensives Psychoduell, macht die ganz eigene Faszination dieses ungewöhnlichen Westerns aus, der auch in Bildsprache und Thematik Hollywoods Schwarzer Serie weit näher steht als seinen zahllosen „Genrekollegen".
(8,5/10 Punkten)