Bei den eher älteren Semestern mag es vage klingeln, wenn der Name des chilenischen Autors und Regisseurs Alejandro Jodorowsky auftaucht, der als maßgeblicher Entwickler der Psychomagie gilt. Die Praxis jenes Heilverfahrens driftet nicht selten in leicht surreale Gefilde ab, was den Streifen phasenweise wie ein Fiebertraum wirken lässt.
Lia (Désirée Giorgetti) leidet unter starken Depressionen, die sich innerhalb ihrer Beziehung mit dem sadistisch veranlagten Viktor (Ivan Franek) zusehends verschlimmern. Nach einer erzwungenen Abtreibung begibt sich Lia nach Rat ihres Psychiaters aufs Land zu ihrer Tante Agata (Anna Bonasso), welche in einer alten Villa lebt und im Dorf als Wunderheilerin gilt.
Lia soll sich den Problemen stellen, die teilweise in ihrer Kindheit verwurzelt sind, doch Viktor sucht Lia alsbald auf...
Das überwiegend ruhig erzählte Psychodrama betreibt figurentechnisch leicht überzogene Schwarzweißmalerei: Lia wird als überaus zerbrechlich und devot dargestellt, welche sich jederzeit dem sexuell herrschsüchtigen Viktor unterordnet, der mit seiner dominanten und skrupellosen Art binnen weniger Szenen sämtlichen Hass des Betrachters auf sich zieht, was im Verlauf trotz kleiner Figurenentwicklungen nicht mehr relativierbar ist.
Jodorowsky, der hier eine minimale Nebenrolle spielt, stand den Autoren als Berater zur Seite, was natürlich auf das Kernthema der Psychomagie zurückzuführen ist. Allerdings wird durch die vermeintliche Heilerin Agata eine Ambivalenz ins Spiel gebracht, die eben jene Konfliktbewältigung nicht als Allheilmittel in den Vordergrund stellt. Im Dorf gilt die alte Frau als Heilige, Viktor hält sie indes für eine Hexe, was aufgrund nicht näher erklärter Rituale zuweilen nachvollziehbar erscheint.
Im Vordergrund steht jedoch Lia, bei der sich deutlich mehr als nur eine Baustelle offenbart.
Giorgetti verkörpert die Zerbrechliche, die sich stets auf der Schwelle zum kompletten Zusammenbruch zu befinden scheint mit viel Ausdruck und auch wenn es hier und da mal ein wenig nackte Haut zu sehen gibt, wird dies vom Regieduo Brazzale/Immesi stets ästhetisch und nie vordergründig eingeflochten.
Themen wie Selbstfindung, ein unerfüllter Kinderwunsch, Schuldgefühle und Sehnsucht nach aufrichtiger körperlicher Nähe stehen im Vordergrund und diesbezüglich vermag primär die Optik zu punkten.
Viktors große, jedoch kühl und steril eingerichtete Wohnung steht im totalen Gegensatz zur alten Einrichtung Tante Agatas, bei der mithilfe einiger Farbfilter der Eindruck einer kleinen Zeitreise entsteht. Vor allem dem Garten haftet zuweilen etwas Märchenhaftes an, während zwei Elfen (ein Junge und ein Mädchen in weißen Nachthemden) und unerklärliche nächtliche Geräusche für kleine Schauer am Rande sorgen.
Leider ist die Auflösung recht simpel gehalten, die Pointe verpufft aufgrund des leicht überhastet abgearbeiteten letzten Drittels ein wenig, zumal einige Szenen im Nachhinein reichlich irrelevant, fast schon ein wenig selbstverliebt daherkommen.
Auf der Habenseite punktet zwar ein latent ansprechender und zumeist verträumt klingender Score, doch allzu viel nimmt man im Endeffekt nicht von der Psychomagie mit.
Dennoch überzeugt der Streifen mit seiner phasenweise intensiven Stimmung und einigen toll komponierten Szenen einschließlich souverän geführter Kamera. Trotz kleiner erotischer Einlagen wirkt das Material nie voyeuristisch, während die mystische Komponente ein gesundes Maß für freie Interpretationen zulässt.
Dabei hängt es wahrscheinlich von der Stimmung des Zuschauers ab, sich auf das leicht surreale Spiel mit ganz eigener Note einzulassen, auch wenn am Ende kein wirklicher A-ha-Effekt dabei herumkommt.
6,5 von 10