New York, Stadtteil Brooklyn in den 1950ern. Für den elfjährigen Henry Hills gibt es nur einen Lebenstraum: er ist fasziniert vom scheinbar an keine Grenzen und Gesetze gebundenen Lebensstil der lokalen Mafiosi. Mit ersten Botenjobs verdient er sich den Respekt des Paten Paul „Paulie" Cicero und seiner Familie. Über die Jahre steigt Henry in den Reihen der Cosa Nostra weiter auf, knüpft Kontakte zum berühmten Gangster James „Jimmy The Gent" Conway und nach Raubzügen, Bestechungen, Erpressungen und Einschüchterungen führt er bald das Leben, von dem er geträumt hat. Doch als das Verhalten eines seiner Verbündeten, des jähzornigen Tommy DeVito, immer unberechenbarer wird und Henry sich zudem ins Drogengeschäft verstrickt, offenbart der Traum bald seine Schattenseiten...
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Filme über Gangster, spezieller gesagt über die Mafia und deren US-Ableger, die Cosa Nostra, gibt es mehr, als Kugeln in den Körpern überfälliger Schuldner landen. Ob in Hollywoods frühen Jahren Der kleine Cäsar (1931) oder Scarface (1932), in Beiträgen aus Italien, dem Heimatland der Mafiosi, wie Wer erschoss Salvatore G.? (1961) oder Der Tag der Eule (1968), oder in späteren Meisterwerken wie Der Pate (1972) und The Untouchables (1987), im Genre findet sich einiges an filmischen Highlights. Einen ganz besonders bleibenden Eindruck hinterließ 1990 Martin Scorsese mit seinem GoodFellas, basierend auf Nicholas Pileggis Buch Wise Guy, das beruhend auf wahren Begebenheiten von Aufstieg und Fall des Henry Hill erzählt.
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Die drei Gangster Henry, Jimmy und Tommy sind sich nicht zu schade, ihren feinen Zwirn mit Blut zu besudeln, als sie in der Eröffnungsszene feststellen, dass der für tot gehaltene Kofferraumfahrgast doch noch nicht seinen allerletzten Hauch getan hat. Ein paar Messerstiche und Kugeln erledigen den Rest. Dann begleitet man Henry zurück in die 50er, wo er zum Zwecke seines Gangsterengagements der Schule fern bleibt, dafür blaue Briefe und Schläge seines Vaters kassiert. Doch nach ein paar deutlichen Worten und einer blutigen Nase für den Postboten erledigt sich dieses Problem. Seine wahre Familie hat Henry längst in den Reihen der Mobster und zwischen Typen wie Frankie the Wop, Freddy No Nose und Pete the Killer gefunden. Lange Kamerafahrten und Henrys direkt an den Zuschauer gerichteter Off-Kommentar führen auch diesen in die Familie ein und anfangs könnte man sich hier glatt wohlfühlen. Der Umgang ist herzlich, jeder Dienst wird einem mit einem Schein in der Brusttasche gedankt, bei Problemen kann man sich aufeinander verlassen und jeder, der wirklich will, scheint hier auch tatsächlich zu werden. Probleme mit der Polizei? Gibt es nicht, denn auch die hält lieber die Hand auf, statt sie abgehackt zu bekommen. Moralische Bedenken gibt es keine, auch weil hinter dem Ertrag, den goldenen Uhren und schicken Anzügen, den edlen Tropfen in den angesagtesten Nachtclubs und Protzkarren vor der Haustür, ein hartes Tagesgeschäft steckt. Eines, bei dem man allerdings nicht zuletzt auf jedes Wort sorgfältig achten muss, um nicht auf der Liste des Falschen zu landen.
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GoodFellas breitet dieses Milieu mit all seinen anziehenden Annehmlichkeiten aus, aber immer zunehmender auch mit den Abscheu erregenden Facetten. Das Morden ist eine beiläufig zu erledigende Pflicht, im Falle des reizbaren Tommy sogar mehr als einmal eine reine Impulshandlung. Beides löst keinerlei Schuldbewusstsein aus, denn eines ist in dieser Welt jedem klar: verweigere einmal zu oft den Respekt, geh einen Schritt zu weit in die verkehrte Richtung, belüge einmal zu viel den, der über dir steht und du kannst dir sicher sein, dass eines Tages jemand eine Waffe an deinen Kopf hält und keine langen Reden schwingt, sondern einzig den Abzug sprechen lässt. Martin Scorseses Film gilt durch seine Schonungslosigkeit, die in den nicht häufigen, aber umso drastischeren Gewaltszenen herrscht, aber außerdem dadurch, die Gangster in einer gewöhnlichen, großfamiliären Alltäglichkeit zu zeigen, als einer der authentischsten Einblicke in dieses Milieu. Da wird nicht nur nebeneinander geraubt und gemordet, da wird auch zu gaumenschmeichelnden Rezepten der Kochlöffel geschwungen. In einer Szene, in der Henry, Jimmy und Tommy eine Leiche entsorgen wollen und dazu eigentlich unbemerkt ein Messer aus der Küche von Tommys Mutter zu stibitzen versuchen, werden sie natürlich erstmal von der alten Dame an den Tisch gesetzt und mit einem leckeren Abendmahl versorgt. Es wird sich eben auch um ausreichende Magenfülle gesorgt.
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Meisterhaft ist Scorseses Wechsel zwischen Momenten beinahe absurder Komik, etwa wenn die Gangster ihren Lebensstil selbst im Gefängnis kaum einschränken müssen, und den harten Szenen, in denen ihre ganze Gewissenlosigkeit zum Tragen kommt. Die Möglichkeit, sich annähernd alles erlauben zu können, hat aus ihrer Welt eine gemacht, in der jeder von ihnen ständig kurz davor ist, die schmale Linie der Selbstbeherrschung zu übertreten, die jeder für sich selbst ziehen muss. Henry, der die hübsche Karen heiratet, kann der Versuchung anderer Frauen und dem Handel und Konsum von Drogen nicht widerstehen. Tommy genügt ein einziges nach seinem Ermessen falsches Wort in seine Richtung und es findet sich eine blutüberströmte Leiche im Raum. Jimmy hingegen wird nach einem Millionenraub am JFK-Airport zunehmend übernervös und lässt einen der Beteiligten nach dem anderen hinrichten, um die Spuren verwischt zu halten. GoodFellas erstreckt sich über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten, wirkt aber weder breitgewaltzt, da der Kern um die Freundschaft und das Treiben der drei stets im Vordergrund bleibt, noch kommt das Gefühl auf, bei allem rasanten Voranschreiten, in dem Monate und Jahre übersprungen werden, etwas entscheidendes zu verpassen. Scorsese stellt seine Ergebnisse nie plötzlich, nie ohne Rechenweg vor, er entwickelt die Charaktere anhand jedes Abschnitts den er zeigt einen Schritt weiter zum nächsten.
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Mit Kameramann Michael Ballhaus und Cutterin Thelma Schoonmaker, deren Arbeiten besonders in einer ewigen Steadicam-Fahrt durch einen Nachtclub und einer Sequenz, die in schneller Schnittfolge einen Tag in Henrys Leben zeigt, zu beeindrucken wissen, greift der New Yorker Regisseur auf bewährte Stammkräfte zurück, die auch bei GoodFellas einmal mehr herausragendes leisten. Die Eindrücke der Gemeinschaft und diese in sich geschlossene Welt des Verbrechens, wenn Ballhaus‘ Kamera in langen Einstellungen an Bars entlang gleitet; die Bedrohung, die später hinter jeder Ecke lauern könnte und Henry in paranoide Zustände treibt, was Schoonmakers fast beim Zuschauer selbst den Schulterblick provozierender Schnitt betont: ebenso wie der beschwingte Soundtrack mit Originalsongs aus den jeweiligen Jahrzehnten sind unter anderem dies die Elemente, die GoodFellas so realitätsnah machen, wie sie auch dem teils verabscheuungswürdigen Handeln eine gewisse Nonchalance verleihen. Denn innerhalb des Films und für die Figuren ist keine Tat eine unbegreifliche. Das Selbstverständnis der Gangster knüpft sich nicht an die Wirkung ihres Verhaltens auf die Welt außerhalb ihrer eigenen, sie bewegen sich innerhalb ihres Kosmos und dort sind sie über Selbstzweifel und Bedenken erhaben, es wird entschieden, was entschieden werden muss, gehandelt, wenn gehandelt werden muss.
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GoodFellas erzählt eine wahre Geschichte, die einem in manchen Momenten wahrlich unglaublich vorkommt und deren größten Coup Scorsese dabei sogar aus der Handlung ausspart. Der Raub von sechs Millionen aus dem Frachtraum einer Lufthansa ist bis heute einer der spektakulärsten Kriminalfälle und hätte wohl schon für sich genommen als Aufhänger und Inhalt eines kompletten Films genügt. In GoodFellas jedoch wird die geplante Durchführung besprochen, vom eigentlichen Überfall ist aber gar nichts zu sehen. Damit beraubt sich GoodFellas aber nicht etwa eines Highlights, denn längst ist Scorsese an dieser Stelle viel wichtiger, wohin es für seine Figuren geht, die nun endgültig an den großen Reichtum gelangt sind und doch in den nächsten Jahren darin untergehen. Dem Hauptdarstellertrio Ray Liotta, Robert De Niro und Joe Pesci gelingt es, jeden ihrer Charaktere durch individuelle Ausprägungen für sich genommen interessant und glaubwürdig zu gestalten, innerhalb ihrer kleinen Gruppe und auch im Ganzen der Familie Spannung zu erzeugen. Pesci, im Jahr zuvor als geschwätzige Witzfigur in Lethal Weapon 2 und im Jahr 1990 neben GoodFellas außerdem als zum Folteropfer werdender Einbrecher in Kevin - Allein zu Haus zu sehen, trumpft auch hier als Tommy mit exaltierter Hibbeligkeit auf, die er aber von einer Sekunde auf die andere in aggressive Bedrohlichkeit kippen lässt, womit er mit seinen Gewaltausbrüchen zur extremsten und am heftigsten eine Reaktion auslösenden Figur wird. Liest man dann, dass er gegenüber dem echten Tommy De Vito (in Wirklichkeit Thomas DeSimone) sogar noch etwas hinter dessen Taten zurückbleibt, dürfte der eigene Wille zur Annäherung an ein Leben als Gangster wohl ganz schnell dem Platz vor dem Fernseher weichen, um sich lieber nochmal GoodFelles anzusehen. Denn der ist, ohne einem dafür die Knarre an den Kopf drücken zu müssen, einer der besten Filme seines Genres und seit seinem Erscheinen trotz einiger sehr guter folgender Produktionen dessen letzter, wirklich ganz großer Glanzpunkt.