Review

Michael Hanekes wohl noch bester Film


Das Denken des Herrn Haneke scheint tatsächlich diametral verschieden meines eigenen zu sein. "Leider" deshalb, weil ich mir wünsche mich jedem Fremden sonst eigentlich schon auch anzunähern.
Hier habe ich, wie bei anderen Verächtern von Genre und Effekten, heuchelnden Bezichtigern von Lüge und sich aufgeklärt sowie weltoffen gebenden Zeitgenossen, welche bei jeder Darstellung "in the face" eine affirmative Bedeutung nicht bloß vermuten, sondern sich einbilden als gesicherte Erkenntnis von dieser wahrhaftig zu wissen, aber keine Hoffnung.

Nach "Der siebente Kontinent" und "Bennys Video", zwei Arbeiten, die allen gegenteiligen Beteuerungen zum trotz für mich nichts anderes als Verherrlichungen verlogener Kleinfamilien zum Inhalt hatten, deren Kommunikationslosigkeit mit allen möglichen negativen Einflüssen von außen begründet werden, von ökonomischen Zwängen bis medialem Schaden durch Verkehrsnachrichten im Radio, monotoner 80er-Jahre-Popmusik, wiederum nur so erwähnt um von dem zu verführerisch-beruhigendem Hasen Bugs Bunny ganz zu schweigen, fand Haneke in "71 Fragmente..." ein größeres, mehr gesamtgesellschaftliches Spektrum. Anders als das ähnlich gelagerte, in seiner Auswahl der Protagonisten aber mehr den Bedürfnissen des "Cineasten" entsprechende "Code: unbekannt" von 2000, hatte er hier doch zumindest die Chance seine Vorstellungen eines (reduktionistisch-)realistischen Kinos als einzig wahre "Kunst", einmal wenigstens, auch ausgewogen umzusetzen.
Das Fazit gleich an dieser Stelle: es ist ihm wenn, dann auch hier, bloß in Ansätzen gelungen.

Die "71 Fragmente ..." sind mit einem final definierten Schwarz gebrochene Szenen von Leben im Wien der frühen Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Zwischen den Auf- und Abblenden finden sich ganz unterschiedliche Situationen in denen sich Menschen befinden können, wobei Unfähigkeit zur Kommunikation diesmal auch außerhalb bürgerlicher Normen präsentiert wird, und die Flucht in die von Haneke so verstandenen "Scheinwelten" populärer Unterhaltung sowie für ihn "konsumierbar" gemachter Gewaltdarstellungen einer gewiss unfreiwilligen Ironie nicht entbehrt, wenn es diesmal ausgerechnet ein Flüchtlingskind ist, das seine Vorliebe für Comics entdeckt hat. Zudem wird das Publikum anders als bei "Funny Games" in diesem Fall auch nicht ernsthaft und perfid einer Mittäterschaft bezichtigt, wenn es in der Rolle des Zuschauers vorgehalten bekommt sich bei Darstellungen schrecklicher Dinge doch nur am Übel dieser Welt ergötzen zu wollen.
Vielleicht waren diese Vorstellungen auch mal bloß Haß und Ressentiments, weil er nicht die Aussicht hatte als Filemacher je einen solch kulturellen Impact zu haben wie ein Hitch, den er angeblich sogar auch wirklich mögen soll, über viele Produktionsmittel zu verfügen, oder ganz einfach immer nur hochnäßig und elitär gedacht hat. Ich weiß es nicht, und diese Verachtung für die populäre Kultur sei ihm ja auch unbenommen, wenn ein solches Denken nicht am Beispiel Deutschland und im Fall von Computer- und VideospielerInnen auch zu veritabler politischer Verfolgung führen könne. Als Videospieler und Mensch mit Behinderung, auch um ein gewisses "Bild" zu wahren kommen in seinen Filmen bis auf vereinzelte Migranten ja ausschließlich Durchschnittsmenschen vor - fast schon wie in einem klassischen Melodram - aus meiner Sicht nur um jede Ressentiment-Beziehung erfolgreich zu kaschieren, sehe ich das alles beinahe naturgemäß anders... Aber wie dem auch sei - Haneke ist weit davon entfernt untalentiert zu sein, und so absurd konstruiert Szenen wie plötzliche proletarische Gewalt nach einem während des Essens vor sich her gesagtem "ich liebe Dich" auch sein mögen, das Lachen bleibt einem derweil im Halse stecken.
Ich kenne keinen Filmemacher der es schafft in Filmszenen dermaßen prägnante Momentaufnahmen zu integrieren - innerhalb quälend langer reduktionistischer Einstellungen freilich, aber immerhin, und bei aller Subjektivität dieses vorgeblich objektiven Realismus von "24 Wirklichkeiten in einer Sekunde" ist dieses können von einer zum Teil beeindruckenden Genauigkeit: natürlich nicht was Fantasie angeht, denn wer so sehr in etablierter, rein sprachlicher Kultur zu Hause ist und dabei noch so bilderfeindlich agiert, der hat auch überhaupt kein Interesse an der Schaffung geschlossener fiktionaler Räume oder gar an Traum-Welten, da diese ja nichts als Lügen für ihn darstellen - egal: trotz sämtlicher Vorbehalte werde ich keineswegs aufhören mir seine Filme anzusehen, so sehr sie mich wie andere nicht nur irritieren, sondern auch den Eindruck vermitteln mich persönlich beleidigen zu wollen.


Rating 7.0 68%

Details
Ähnliche Filme