Review
von Alex Kiensch
Wie kommt man über eines der schrecklichsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit hinweg? Wie gehen US-Amerikaner und Japaner auch zwei Generationen später mit einem der schlimmsten Kriegsverbrechen aller Zeiten und miteinander um? Knapp ein halbes Jahrhundert nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki ging Japans Regie-Altmeister Akira Kurosawa diesen Fragen nach. Entstanden ist mit „Rhapsodie im August" ein stilles, tief poetisches und doch erschütterndes Mahnmal gegen den Wahnsinn der gegenseitigen Vernichtung.
Dabei wird der unbeschreibliche Schrecken hier niemals visualisiert, ganz im Gegenteil: Optisch ist „Rhapsodie im August" ein in hohem Grade zurückgenommenes, ruhig dahinfließendes Werk, das seine emotionale Wucht vor allem über die Figuren und ihre Beschreibungen entfaltet. Die Gespräche zwischen Großmutter, deren Mann der Atombombe zum Opfer fiel, und ihren vier Enkelkindern geben gefühlvoll und intensiv einen Einblick in das Innenleben ehemaliger Augenzeugen. Zwischen Alltagsleben in den Sommerferien und bedächtiger Erinnerung, frechem Schabernack und empathischer Zurückhaltung entwickelt sich hier ein in manchen Szenen gar meditatives Seelen- und auch Generationendrama - während die Alten immer noch den Schrecken von einst vor Augen haben, orientieren sich die jüngeren Generationen teils ungehemmt an den Oberflächen-Schönheiten der modernen (westlich geprägten) Welt. Und mit Richard Gere in der Nebenrolle eines verständnisvollen japanisch-amerikanischen Onkels wird auch der schwelende Konflikt zwischen den einst verfeindeten Nationen und ihren Völkern behutsam thematisiert.
Formal geschieht das alles mit der vollen Reife des Genies Kurosawa: Eine leichte, wie schwebende Kamera fängt in klaren, absolut naturalistischen Bildern wie beiläufig das nur langsam sich entfaltende Geschehen ein. Und doch schafft es der Film immer wieder, Bildkompositionen von atemberaubender Ästhetik zu schaffen - etwa die Silhouetten der Großmutter und ihrer Enkelkinder vor dem Vollmond oder die legendäre Schlussszene mit zerrissenem Schirm im stürmenden Regen. Auch die zurückhaltende, einzelne Szenen aber brillant intensivierende Musik trägt dazu bei, in kürzester Zeit eine Atmosphäre der beinahe traumverlorenen Idylle zu erzeugen, in der die Erinnerung an das Grauen zugleich nur das und doch so viel mehr ist. So wird „Rhapsodie im August" zugleich eine Ode an die Schönheit und Einfachheit des Lebens sowie ein Mahnmal gegen das Vergessen.
Einziger Schwachpunkt sind die Dialoge: Besonders die Sequenzen, in denen Denkmäler in Nagasaki besucht werden, missfallen mit derart gestelzten und faktendurchsetzten Dialogen, dass man sich beinahe an das unterirdische Niveau von schulischen Lehrfilmen erinnert fühlt. Das trübt mitunter die ansonsten grandiose emotionale Tiefe und zärtliche Ästhetik dieses Spätwerks Kurosawas. Wenn man darüber hinwegsehen kann, wird einem hier aber einmal mehr ein großes, tief humanistisches und wunderschönes Meisterwerk des wohl bedeutendsten japanischen Regisseurs aller Zeiten zuteil.
Un-Fun-Fact zum Schluss: „Rhapsodie im August" ist leider auch ein Beispiel für die mitunter grässliche Ignoranz der deutschen Verleiher. Denn obwohl der Film einzig und allein in und um Nagasaki spielt, lautet ein alternativer deutscher Verleihtitel: „Another Summer - 45 Jahre nach Hiroshima".