Review

„Sugar man, won't you hurry 'cos I'm tired of these scenes. For a blue coin won't you bring back all those colors to my dreams...“

Auf einer seiner Reisen, die ihn u.a. nach Afrika führte, wo er Geschichten fürs schwedische Fernsehen finden sollte, erfuhr der ehemalige schwedische Kinderdarsteller Malik Bendjelloul von Plattenladenbesitzer „Sugar“ eine unglaubliche Geschichte, an der er mittels seines 2012 erschienenen Dokumentarfilms „Searching for Sugar Man“ die Weltöffentlichkeit teilhaben ließ:

Der in Detroit lebende US-amerikanische Folk-Singer-Songwriter Sixto Díaz Rodriguez nahm in den Jahren 1970 und ’71 für seine Plattenfirma die Alben „Cold Fact“ und „Coming from Reality“ auf, denen kein nennenswerter Erfolg beschieden war. Kurz darauf verschwand er von der Bildfläche. Was er jedoch nicht wusste: Im unter dem Apartheits-Regime ächzenden Südafrika verbreiteten sich Kopien seiner Alben auf wundersame Weise, gelangten zu großer Popularität und hatten bald den Status gesellschafts- und systemkritischer Protestsongs inne. Um Rodriguez rankten sich alsbald Mythen wie die, dass er gar nicht mehr unter den Lebenden weilen würde, seit er sich nach einem öffentlichen Auftritt auf der Bühne das Leben genommen habe. Dass tatsächlich keinerlei Informationen zu seiner Person bekannt waren, befeuerte diese Legendenbildung. Für eine Neuauflage von „Coming from Reality“ rief der südafrikanische Plattenladenbetreiber Stephen „Sugar“ Segerman 1996 die Fans dazu auf, selbst Nachforschungen zu betreiben, was den Musikjournalisten Craig Bartholomew Strydom dazu animierte, 1997 eine entsprechende Website ins Internet zu stellen. Und tatsächlich: Rodriguez wurde 1998 ausfindig gemacht, erfreute sich bester Gesundheit und hatte von seinem Starstatus in Südafrika all die Jahre nicht das Geringste geahnt…

„Sugar man, met a false friend on a lonely dusty road. Lost my heart, when I found it it had turned to dead black coal...“

Rodriguez‘ mir zuvor vollkommen unbekannte Musik entpuppt sich als Arbeiterklassen-Folk mit wenig hippiesken, vielmehr nüchternen bis düster-desillusorischen Texten, die dennoch voller Poesie stecken. Dass der Prophet im eigenen Lande nichts gelte, ist eine häufig kolportierte Binsenweisheit, die sich im Falle Rodriguez‘ jedoch bewahrheiten sollte. Akribisch und dramaturgisch spannend erzählt Bendjelloul anhand vieler Originalaussagen Segermans und Strydoms die von Südafrika aus initiierte Suche nach Rodriguez nach und lässt einige ehemalige Bekannte zu Wort bekommen. Die diversen wilden Gerüchte über Rodriguez vermeintlichen Tod lassen zunächst nichts Gutes erahnen, doch schließlich wird er gefunden, jener schüchterne, zurückhaltende, bescheidene und bodenständige Musiker, der nicht nur durch seine Kamerascheue auch rätselhaft bleibt, nachdem man ihn endlich aufgespürt hatte. Er verdingte sich als einfacher Arbeiter und schien seinen Frieden mit sich und der Welt gemacht zu haben.

Und dies ist mitnichten das Ende des Films, sondern der Startschuss für umjubelte Auftritte Rodriguez‘ in Südafrika, wo er mit seiner Musik die Generationen vereint und begeistert und damit endlich den Zuspruch bekommt, den er verdient. Das ist alles wunderbar erzählt, emotional, rührend und beinahe zu schön, um wahr zu sein – auf diese Wirkung hin wurde der mit hübschen animierten Zwischensequenzen versehene „Searching for Sugar Man“ zweifelsohne konzipiert, was ihn zu einer Art realem Märchen macht. Um diesen Effekt nicht zu gefährden, sparte man die Tatsache aus, dass Rodriguez auch in Australien ein gefragter Künstler war, wovon er ebenfalls relativ spät, jedoch noch in den 1970ern erfuhr und 1979 und 1981 erfolgreich den Kontinent für Live-Konzerte bereiste. Viel zu wenig geht Bendjelloul auch auf die unrühmliche Rolle der Musikindustrie ein, die es immerhin hauptsächlich zu verschulden hat, dass Rodriguez nichts von seiner Popularität ahnte und die ihn letztlich eiskalt um seinen Anteil an den afrikanischen Neuauflagen seiner Alben betrogen hat. Dieser Umstand wird nur am Rande gestreift und in dieser Konsequenz nie deutlich formuliert – dabei ist gerade Sixto Rodriguez‘ Schicksal ein Paradebeispiel dafür, wie insbesondere in der Vergangenheit die Musikindustrie ihre Künstler zum Teil ausgebeutet und übervorteilt hat.

Unabhängig davon ist „Searching for Sugar Man“ ein großartiges musikalisches Porträt eines Mannes, dem man den späten Ruhm von Herzen gönnt und dessen höchst interessantes Œuvre damit einer breiten Öffentlichkeit über Südafrika hinaus nahegebracht wurde. Das empfanden auch andere so, sodass Bendjelloul für seinen Film einige respektable Auszeichnungen einheimsen konnte – eine Genugtuung für den Regisseur, der zusammen mit Kamerafrau Camilla Skagerström seit 2006 an seinem Film gearbeitet, kaum Budget zur Verfügung und vieles über die Regie Hinausgehende in bester D.I.Y.- und „Learning by doing“-Manier selbst gemacht hatte.

„Sugar man, you're the answer that makes my questions disappear. Sugar man, 'cos I'm weary of those double games l hear...“

P.S.: Wie ich erst im Nachhinein erfahren habe, hat sich Malik Bendjelloul 2014 das Leben genommen. R.I.P.

Details
Ähnliche Filme