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Zhang Yimous „Leben!“ erzählt die Geschichte einer chinesischen Familie von den 40zigern bis in die 70ziger Jahre. Eine Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche, in die die Familie verstrickt wird und an denen sie immer wieder zu zerbrechen droht. Erst verschwindet der Mann im Krieg und dann sterben beide Kinder als Folge politischer Programme. Bei dem einen ist es der „Große Sprung nach Vorn“ von 1958 bis 1960, Maos Versuch China aus Stand an die Spitze der Weltwirtschaft zu katapultieren. Bei dem anderen ist es die Kulturrevolution, in der Banden jungendlicher Rotgardisten sich endlich befähigt sahen sich über die Erwachsenen zu schwingen und, verführt von der Propaganda, dies auch reichlich ausnutzen, und der in „Leben!“ eben die Ärzte im örtlichen Krankenhaus zum Opfer fielen.
„Leben!“ ist voll von solchen Tragödien. In den Ausschnitten in denen wir die Familie durch 4 Jahrzehnte begleiten, schlägt das Schicksal immer neue Narben in ihr Fleisch, doch egal wie schwer es sie trifft, Fugui und Jiazhen geben nicht auf. Das Leben geht weiter. Auf schlimme folgen auch wieder gute Zeiten. Dies ist die grundlegende Aussage von „Leben!“. Die Hoffnung nicht aufzugeben, auch wenn es mal aussichtslos erscheint. Immer auf bessere Zeiten hoffen und so die Schicksalsschläge überstehen.
Am deutlichsten kommt diese Einstellung der Familie gegenüber einem alten Freund Fuguis zum Ausdruck, der später seinen Sohn überfuhr.
Nach dem Fugui sich mit ihm aussöhnte, sprach seine Frau dennoch kein Wort mit ihm. Als er jedoch gezeichnet von seiner Verhaftung wegen unkommunistischem Verhalten und dem Selbstmord seiner Frau ein letztes mal bei den beiden erscheint und sich verabschieden will, da versucht auch sie ihn zu überzeugen weiterzumachen. Weiterzuleben, komme was da wolle.
Eine weitere Szene, die mich sehr beeindruckt hat, obwohl sie im Film gar nicht sonderlich spektakulär in Szene gesetzt wird, ist als Fugui seine Puppen verbrennt. Die Puppen die er so lange gerettet und durch alle Gefahren gebracht hat. Durch den Krieg genauso wie durch den „Großen Sprung nach vorn“. Sie werden zu einer Art Symbol für ein letztes bisschen individuelle Freiheit die Fugui immer wieder zu retten versteht, bis sie letztendlich dann doch der Kulturrevolution zum Opfer fallen.
„Leben!“ ist in diesem Sinne auch ein sehr politischer Film, auch wenn Zhang Yimou ganz anders darüber urteilt. Genützt hat es ihm denn auch nicht wirklich. In China wurde der Film gar nicht erst freigegeben, was bei der harten und schonungslosen Darstellung der Folgen der kommunistischen Politik auch nicht verwundert. Aber auch im Westen, wo der Film Preise und viel Lob bekam, wurde er politisch angefeindet. Diesmal aber weil er angeblich zu verharmlosend mit der chinesischen Geschichte umgehe.
Für mich allerdings völlig unverständlich, denn warum sollen alle Parteifunktionäre so etwas wie Monster gewesen sein? Ja, der Dorfvorsteher ist eine sympathische Person. Ja, die Volksküche sieht gar nicht so schlecht aus und es macht tatsächlich den Eindruck als gäbe es genug zu essen. Aber macht das den Film zu "verharmlosend"?
Gemessen an der Geschichte als ganzes kann man das meiner Meinung nach nun wirklich nicht behaupten.
Jahre später führten ähnliche Behauptungen über Yimous „Not one less“ dann sogar dazu, das er diesen Film aus dem Wettbewerb in Cannes zurückzog.
Dabei ist Yimou gerade in „Leben!“ auch mit seinen Hauptfiguren so ehrlich. Fugui und Jiazhen sind keine Kämpfer, lehnen sich nicht gegen eine ungerechte Politik auf und wehren sich gegen ein mörderisches System. Sie sind viel mehr Erdulder und Anpasser. Sie beugen sich dem Druck des Systems und spielen aus Angst mit, so wie es fast jeder tun würde. Sie sind in dem Sinne keine „Filmfiguren/stars“, die fern ab jeder Realität handeln, sondern einfach Leute, die die Parolen der Partei schlucken und manchmal scheinbar sogar glauben. Und das ist 1000mal besser und auch intensiver als heldenhafte Antikommunisten wie man sie hier manche wohl lieber sehen würden.

„Leben!“ ist einfach ein toller Film. Ruhig in seiner Erzählweise, aber kraftvoll und aufwühlend in dem was er erzählt. Die Geschichte einer Familie und gleichzeitig, auch wenn viele das anders sehen mögen, ein tiefer und gelungener Blick auf chinesische Geschichte.
Ein Werk mit Anspruch, das sich nicht für schnelle Unterhaltung eignet, sonder Zeit und Aufmerksamkeit verlangt. Den der ihm dies zu geben bereit ist, dafür aber auch reichlich belohnt.

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