"Ich fürchte, dass sie dieser Angelegenheit nur Herr werden, wenn sie hart durchgreifen."
"Shining" ist die visuelle Interpretation von Regisseurs Stanley Kubrick ("2001: Odyssee im Weltraum") des gleichnamigen Horrorromans von Stephen Kings.
Jack Torrance (Jack Nicholson) reist mit seiner Frau Wendy (Shelley Duvall) und seinem siebenjährigen Sohn Danny (Danny Lloyd) in das Gebirge von Colorado. Dort übernimmt die Familie hausmeisterliche Tätigkeiten im Overlook-Hotel, das über den Winter geschlossen und durch heftigen Schneefall abgeschnitten von der Außenwelt ist. Die Information, dass ein Hausmeister 10 Jahre zuvor im Wahn seine beiden Töchter, seine Frau und am Ende sich selbst getötet hat, lässt Jack kalt. Schon nach kurzer Zeit allerdings geht er zunehmend aggressiv mit seiner Familie um. Durch Halluzinationen verfällt der psychisch labile Jack immer mehr seinem Wahn. Und auch sein Sohn sieht plötzlich Personen die im Hotel unmöglich anwesend sein können.
Es war schon immer nicht sonderlich einfach eine literarische Vorlage in ein anderes Medium umzusetzen und Filmfans sowie Anhänger der Vorlage zufrieden zu stellen. Vielmals ist die Vorstellung der Figuren und Umgebungen in den einzelnen Köpfen anders, als es dann auf dem Bildschirm zu sehen ist.
Kubrick macht keinen Hehl daraus und setzt völlig andere Schwerpunkte als die literarische Vorlage. Somit sind diverse Details, wie die kaum erwähnte Zeit in der Jack Torrance als Lehrer arbeitete oder der Umwandlung einer Hecke mit Tierfiguren in ein Labyrinth, verfälscht. Dies ging so weit, dass sich Autor Stephen King von diesem Werk distanzierte und später eine vierteilige Serie unter seiner Leitung entstand, die sich näher an dem Roman orientiert. Kritiker und Zuschauer allerdings halten Kubricks Version für die bessere. Somit hat sich seine Entscheidung scheinbar für die richtige erwiesen.
Im Grunde kratzt "Shining" nur oberflächlich an der Schwelle zu Horrorthrillern. Die verstörende Wirkung zieht der Film nicht aus drastischen Bildern oder Leichenteilen, diese sind nämlich nur ansatzweise vorhanden. Es ist vielmehr die ständige Bedrohung und beklemmende Atmosphäre die diesen Film spannend macht. Mit nur kurz zu sehenden Bildern, die weder Zuschauer noch Charakter im Film tatsächlich zuordnen kann, zieht Kubrick eine enorm gruselige Symphonie des Schreckens hoch, die zwischen Realität und Illusion keinerlei Grenzen mehr sichtbar macht.
Der subtile Horror ist geprägt von verschiedenen Faktoren. Der bösartigen Gegenwart des Hotels, den Halluzinationen unter denen Jack und Danny leiden, den verschachtelten Gängen des Hotels und dem Labyrinth, dem dröhnenden, beinahe nervigen Soundtrack und insbesondere der Figur des Jack Torrance, die schon nach kurzer Zeit dem Wahnsinn verfällt. Negativer Seiteneffekt bei so vielen Faktoren ist, dass sich das Werk nicht zwischen einer Gespenstergeschichte und einem einfachen Drama um Realitätsverlust entscheiden kann. Somit entstehen Situationen die nicht sonderlich plausibel wirken und leider auch nie erklärt werden.
Der Vorteil der Buchvorlage ist offensichtlich denn die überaus intelligente Story musste nicht weiter erdacht werden. Demzufolge richtet sich Kubrick's Aufmerksamkeit auf die technische Ausführung des Films. Und diese verdient großes Lob. Neben zahlreichen erinnerungswürdigen Bildern ist es insbesonders eine damals neu erdachte Technik der Handkameraführung die für den Großteil der gelungenen Atmosphäre verantwortlich ist, und sich auch heute noch sehen lassen kann.
Im letzten Drittel fallen leider ein paar Längen unangenehm auf. Manche Szenen wiederholen sich und sprühen nicht mehr die Überaschung wie beim erstmaligen sehen aus. Ein Subplot mit Figuren außerhalb des Hotels wird eingeführt, der in Wirklichkeit zu keinem Ergebnis oder Steigerung der Spannung führt. Dafür legt das Tempo zum Finale nochmal ordentlich zu und präsentiert ein recht weiträumig interpretierbares Ende.
"Shining" ist einer der Filme die vor allem durch seinen Hauptdarsteller bekannt wurde und ebenso von diesem getragen wird. Jack Nicholson ("Chinatown", "Batman") war schon immer in Rollen eines wahsinnigen Irren äußerst begabt und gern gesehen, so auch in diesem Film. Seine Darstellung des durchdrehenden Schriftstellers ist so genial eindringlich und diabolisch, dass allein dies ein Grund ist dieses Werk zumindest einmal gesehen zu haben. Daneben fallen die beiden weiteren tragenden Darsteller Shelley Duvall und Danny Lloyd weit ab, sind aber zumindest zweckmäßig gecastet und eingesetzt.
Rückblickend ist "Shining" ein eher langsamer, subtiler Horrorfilm, der viel Kraft aus komplexen Bildern und einem unvergleichlichen Jack Nicholson zieht. Hier ist gruseln angesagt und kaum Platz für explizite Gewaltdarstellung. Und bis auf ein paar Längen abgesehen funktioniert der Film auch genau in seinem Bereich.
Die US-Fassung ist übrigens eine halbe Stunde länger und lässt der Vorgeschichte sowie ein paar Visionen von Danny mehr Zeit sich zu entfalten.
7 / 10