*** Der Text enthält Spoiler und bezieht sich auf die europäische Schnittfassung ***
Jack Torrance (Jack Nicholson) tritt eine Stelle als Hausverwalter des Overlook Hotels über den Winter an. Mit seiner Frau Wendy (Shelley Duvall) und seinem Sohn Danny (Danny Lloyd) bezieht er in der abgeschiedenen Berglandschaft Quartier, um sich in Ruhe auch seiner Schreiberei zu widmen. Es dauert nicht lange, bis sich in dem isolierten, riesigen Komplex Dinge ereignen, die rational nicht mehr zu erklären sind...
Kubrick verpasst dem Film von der ersten Minute an eine unangenehme Grundstimmung, er erzeugt permanent das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Was auch dadurch hervorgerufen und verstärkt wird, dass das Hotel, seine Architektur und seine Ausstattung keinem in sich geschlossenen System folgen. Es verändert sich im Laufe des Films, so wie es die Protagonisten selbst tun, das Hotel trägt das Innere seiner Bewohner nach außen, wirkt als Verstärker ihrer Emotionen und wird somit selbst zum Protagonisten.
Weiteren Anteil hat daran auch die Geräuschkulisse und der Soundtrack von Wendy Carlos, wobei die Grenzen hier manchmal fließend sind. Kameramann John Alcott fängt den Raum des Hotelsets gekonnt ein, verfolgt und beobachtet gleichermaßen. Vieles wäre einen längeren Blick wert, einfach aufgrund seiner visuellen Faszination. „The Shining“ hat viele bekannte Szenen zu bieten (Zwillinge, Raum 237, Fahrstühle, Barszene etc.), die in Form von Anspielungen und Zitaten Einzug in die popkulturelle Medienlandschaft gehalten haben. Auch abseits dieser Versatzstücke gibt es ansprechende Details wie die Blende von Jacks Aufenthalt im Hotel zum Labyrinth – eine einfache aber wirkungsvolle Methode, einen Blick ins Innere der Figur zu erhaschen. Solche optischen Spielereien finden sich hier zuhauf.
Kritik gibt es wenig. Jacks Ableben wirkt auch bei der x-ten Sichtung wie ein schlechter Schnitt, ein Stolperer, und gerade bei einem Perfektionisten wie Kubrick (dass er Szenen auch mal extrem oft wiederholen ließ ist ja bekannt) wundert beispielsweise das Fehlen des Kälteatems (sowohl im Kühlraum als auch draußen). King selbst war nach eigenen Angaben mehr als unzufrieden und verfasste für die spätere TV-Adaption ein eigenes Drehbuch.
Fehlerfrei agieren dafür die Darsteller, allen voran Jack Nicholson, der hier grandios den immer weiter in den Irrsinn abdriftenden Familienvater gibt und dessen diabolische Mimik für so eine Rolle wie geschaffen scheint. Über seinen Charakter erfährt man nach und nach ein paar Hintergründe (ex Lehrer, ex Alkoholiker), wobei diese in der us-amerikanischen Schnittfassung noch etwas deutlicher benannt werden. Shelley Duvall gibt sich als Ehefrau der wachsenden Verzeiflung hin, zerbricht aber nicht an ihr und spielt ihre Rolle souverän. „Unterstützend“ hat Kubrick sie am Set auch mal rundgemacht, um ihr Spiel authentischer zu gestalten. Danny Lloyd ist als Kinderdarsteller (immer eine heikle Sache, da schnell nervig) mehr als brauchbar.
Die hier herrschende Vorlagenuntreue ist vernachlässigbar, denn Kubricks Version der Geschichte ist ein Meisterwerk des Horrorkinos. Seine Adaption beschwört ein permanent bedrohliches Gefühl herauf, welches genüsslich durch die Gänge des Overlook Hotels schleicht, in den Verstand seiner Figuren und auch in den der Zuschauer. „The Shining“ liefert dazu viele audiovisuell meisterhafte wie interpretationswillige Szenen, untermalt von einer einnehmenden Klangkulisse. Der blanke Horror.