The Shining ist sicherlich einer der meistdiskutierten Horrorfilme aller Zeiten. Einerseits beweist er in der Visualisierung des reinen Terrors die absolute Meisterschaft, andererseits werden sämtliche Stephen-King-Fans auf der Stelle zu allen verfügbaren Waffen greifen, wenn es um die Umsetzung des gleichnamigen Romans geht. Doch dies ist und bleibt ein Stanley Kubrik-Film, der es sich stets vorbehalten hat, seine eigene Vision und Version eines Stoffes umzusetzen.
Die Geschichte von der dreiköpfigen Familie (Ex-Alkoholiker-Dad, leicht hysterische Mutter, Fünfjähriger mit dem zweiten Gesicht), die in der Abgeschiedenheit der Rocky Mountains einen Winter lang ein großes Touristenhotel instand halten soll, in dem es nicht zu knapp spukt, folgt dabei
den klassischen Merkmalen der Isolation und den unbezähmbaren menschlichen Zwängen. In der morbiden Atmosphäre des riesigen leeren Hotels, dringt die Vergangenheit des Gebäudes in Form von Phantomen langsam aber sicher in die Psyche des Vaters, der zunehmend aggressiver und paranoider wird. Letztendlich eingeschneit wird er von den Geistern des Hotels zum Mord an seiner Familie angestachelt.
Klassische Szenen gibt es in diesem Horrorfilm-Meilenstein mehr als genug:
1. Der Gang durch das gigantische Heckenlabyrinth vor dem Hotel
2. Der Angriff der toten Frau in Zimmer 237 auf Danny und später auch auf seinen
Vater
3. Dannys Visionen von den toten Zwillingen des vormaligen Hausmeisters
4. Der zunehmende geistige und körperliche Verfall von Jack Torrance
5. Als früher absoluter Höhepunkt des Grauens die Erkenntnis, daß Jack (der Vater)in all den Monaten in dem Hotel immer wieder nur einen einzigen sinnlosen Satz in seine Schreibmaschine gehackt hat und das auf Hunderten von Seiten
6. Die Messer-gegen-Baseballschläger-Attacke der Eltern gegeneinander
7. Die Fahrstühle voller Blut
8. Letztendlich der Axtangriff Jacks auf den Rest der Familie in dem von Geistern bevölkerten Hotel und die Jagd durch das
Heckenlabyrinth.
Das hört sich in der Aufzählung letztlich brutaler an, als es im Film wirklich zu sehen ist. Kubrick konzentriert mit zunehmendem Filmverlauf immer stärker auf den psychologischen Horror und läßt sich erst gegen Ende auf wirkliche körperliche Gewalt mit einigen harten Effekten ein. Auch läßt er die Möglichkeit eines übernatürlichen Einflusses auf die Familie lange offen, es darf lange diskutiert werden, ob es sich bei den Phantomen um Halluzinationen eines Familienvaters mit Budenkoller handelt. Erst als zum finalen Angriff auf Mutter und Sohn geblasen wird, entscheidet sich Kubrick.
Die schauspielerischen Leistungen können sich durch die Bank weg sehen lassen. Jack Nicholson grimassiert und chargiert sich zwar etwas zu sehr durch die Rolle des geistig labilen Hausmeisters, sieht man ihm den Psychopathen doch von der ersten Szene an. Trotzdem verwandelt er sich zum Schluß derart überzeugend in ein axtschwingendes, sabberndes Etwas, daß man ihm so möglichst nie unbewaffnet begegnen möchte. Shelley Duval als Mutter gibt ihr kreischendes Bestes als wenig belastbare Ehefrau und darf am Ende unter Druck Übersicht und Größe beweisen. Danny Lloyd schließlich bringt (Kinder-)Oscarreife Leistungen als Vorschüler mit dem zweiten Gesicht.
Unter den nicht allzu zahlreichen Nebendarstellern fällt vor allem Scatman Crothers als Halloran, der Hotelkoch auf, der eine mehr als souveräne Leistung als Dannys Mentor zeigt.
Der Film fand bei der Kritik keine sonderliche Gnade, wurde jedoch für Kubrick ein beachtlicher Publikumserfolg und auch heute noch kann man sich der Wirkung dieses Werks schwer entziehen. Besonders beeindruckend sind die Interieurs und die beunruhigenden Kameraperspektiven, sowie der Einsatz vieler Labyrinthmotive
(Gänge im Hotel, Teppichmuster, Hecken, die Großküche), die mitunter zu desorientierenden Kamerafahrten einladen.
Besondere Erwähnung soll noch die Info finden, dass der Film von Kubrick für den Europastart noch einmal radikal geschnitten wurde und zwar um ca. 25 Minuten. Die 119-min. lange in Deutschland bekannte Fassung enthält zwar alle wichtigen Bestandteile, doch ein vollständiges Vergnügen ist erst die gut 144-min. US-Fassung, die nur als Import zu haben ist. Sie enthält u.a. ein sonst völlig entferntes Gespräch mit einer Kinderärztin nach Dannys erstem Zusammenbruch, in welchem der Zuschauer über Jacks Alkoholismus aufgeklärt wird und erfährt, daß er dem Jungen einmal den Arm gebrochen hat (was sonst in der Phantombar noch einmal erwähnt wird).Ferner ist das Gespräch zwischen Danny und Halloran in der Hotelküche wesentlich länger und gehaltvoller. Es gibt noch einige Familiensequenzen mehr und gegen Ende sind da noch ein paar Extras während der Verfolgungsjagd (u.a. gerät Wendy bei der Flucht durch das Hotel in einen Festsaal voller Leichen und vermoderter Skelette in Ballkleidung).
Ein beunruhigender Film über die Auflösung der Familie (soviel für die Filmanalysten)bzw. über den schieren Terror der Isolation. The Shining ist definitiv nichts für nervenschwache Gemüter, kein Leitbild des Positivismus (der gesamte Film ist durchweg düster und von bösen Vorzeichen übersäht, was von dem nervenzerrenden Score geschickt unterstrichen wird) und auch kein Film zum Genießen, außer natürlich für Horrorfilmfans (und für die ist er Pflicht). Und wer eh keine Horrorfilme mag, sollte mit diesem auf keinen Fall anfangen. Ein Meisterwerk des Bösen, das schafft man zumeist nur einmal im Leben.
Das war auch bei Kubrick der Fall (10/10, da gibt es nichts zu diskutieren).