Man munkelt ja insgeheim, dass Der Club der toten Dichter verantwortlich für eine ganze Generation von Pädagogen war. Idealistisch philanthropische Lehrer, die den jungen Menschen ihr Recht auf Kreativität und Lebensfreude angedeihen lassen wollten. Zu heutigen Zeiten, wo gerne mehr Zucht und eine strengere Autorität des Lehrers gefordert wird bzw. von einigen Kreisen der Ruf nach den gesunden Watschen zu vernehmen ist, wird diesem Film gerne etwas altklug Sozialromantik und fantastisches, reformpädagogisches Wunschdenken unterstellt.
John Keating (Robin Williams) kämpft in einem streng konservativen und strukturierten Eliteinternat gegen veraltete Lehr- und Lernmethoden. Eckt damit natürlich bei seinen Kollegen an, die im schlimmsten Fall unhinterfragt Tradition vor Vernunft und Menschlichkeit stellen. In seinem Bestreben, den Schülern Eigeninitiative und Leidenschaft durch individuelle Förderung beizubringen, stöß er auf den wissbegierigen und aufgeweckten Neil Perry (Robert Sean Leonard). Dieser beschließt, angefixt vom Unterricht, den Club der toten Dichter - einem Treffen junger Romantiker, die sich u.a. poetische Texte im verschwörerischen Dunkel einer Höhle vortragen – neu zu gründen. Die Teilnehmer sind ein fideler wie etwas klischeebesetzter Querschnitt aus pubertierenden Jungs. Der streberhafte Musterschüler mit Hornbrille darf genauso wenig fehlen wie der extrovertierte, rebellische Klassenkasper. Neben Neil Perry sticht aber noch Todd Anderson (Ethan Hawke) hervor. Ein fast schon krankhaft schüchterner Junge, der unter der Bürde seines talentierten älteren Bruders sowie seiner unnahbaren Eltern leidet. Neil und Todd werden im Verlauf des Filmes immer intimere Freunde und (subtil angedeutet) mehr. Der Fokus des Filmes liegt aber an der von brutaler Autorität gezeichneten Beziehung, die Neil zu seinem Vater hat. Dieser diktiert das Leben seines sensiblen Sohnes mit eiserner Hand und ist den wahren Wünschen und Träumen von Neil ausschließlich abwertend eingestellt. Dieser Konflikt wird auch alsbald in beklemmender Tragik enden.
Es ist erfrischend zu sehen, dass der Film trotz seines Alters und seiner speziellen Upper-Class-Figuren, weder die Gültigkeit seines Botschaft verloren hat, noch (trotz so mancher Unkenrufe) als hollywoodsche Sozialromantik abgetan werden kann. Der Film greift die stur vorplanierten Bildungs- und Berufswege der Eltern als Lust- und Identitätszerstörend an. Diese Kritik hat auch heute nichts von ihrer Berechtigung und Gültigkeit für alle sozialen Klassen verloren.
Durchzogen von kalt nüchternen Impressionen, die den zutiefst pragmatischen Alltag der Schüler zwischen Schulstoff, Versagensängsten, Heimweh und dem elterlichen Druck zeigen, wird der Ort Schule hier zum lustfeindlichen, museal traditionsverkrusteten Kasernenbau und Räuber jedweder kindlichen Freiheit stilisiert. Die Rebellion gegen diesen Zustand, wo Romantik, Frivolität, Erotik oder purer Nonsens gegen die bleierne Traditionsverhängung und schulische Bürokratie gesetzt wird, ist dennoch nur von kurzer Dauer. Denn auch in dieser Gruppe junger Romantiker findet sich Obrigkeitshörigkeit und Denunziantentum. Mit deutlichem Bekenntnis zur Sentimentalität, was durch das schelmisch wehmütige Spiel von Williams noch verstärkt wird, tollen nuancierten Schauspielern (allen voran Robert Sean Leonard und Ethan Hawke) und meist ungekünstelten Dialogen wird so aus Der Club der toten Dichter neben dem unausweichlichen Coming-of-Age-Geflechts wuchtiges, ergreifendes Gefühlskino.
Trotz so mancher verkürzten Sichtweise bzw. übermütigen Idealisierung eines bestimmten Lehrerbildes und dessen Methoden, sollte man den besserwisserischen Zyniker ruhig eingepackt lassen und sich von der gefühlvoll erzählten Geschichte einnehmen lassen. Große Gefühle, großes Kino.